26.09.2005

Netzmonopoly 2.0

Von Holm Friebe, Kathrin Passig

Im August 1995, vor gut zehn Jahren also, ging mit Netscape die erste Internetfirma an die Börse. Ihr Produkt, der Netscape-Browser, hatte zum ersten Mal die komplexe Linkstruktur des Internets sichtbar gemacht, und das World Wide Web, wie wir es kennen, war geboren. Weil im Netz Jahre wie Hundejahre zählen, ist seither eine Menge geschehen. Der Kampf um die Vorherrschaft im Netz findet im Zeitraffer statt und hat etliche Anwärter und Favoriten kommen und gehen sehen. Noch im Juli 2000, zur Halbzeit also, sah ein Kommentator der "Financial Times Deutschland" einen neuen Kulturkrieg zwischen den beiden Portalanbietern AOL und Yahoo! heraufdämmern, der auch die reale Welt spalten würde, und verstieg sich zu der These: "Im 21. Jahrhundert kämpfen nicht mehr Russen gegen Amerikaner, sondern AOLer gegen Yahooiten. Die Parallelen zum kalten Krieg sind verblüffend." Kurz darauf platzte die Blase und der kalte Krieg fiel aus. Obwohl auch AOL und Yahoo! mit ein paar Schrammen überlebten, galt nun als ausgemacht, dass wie im richtigen Leben nicht die Türsteher das Sagen haben, sondern diejenigen, die die Musik auflegen, sprich: die etwas zu verkaufen haben. Amazon monopolisierte den Handel und avancierte zum großen Kaufhaus im Netz, wo es neben Büchern auch alles andere zu zumindest konkurrenzfähigen Preisen gab. eBay monopolisierte die privaten Verkäufe und wurde der globale Flohmarkt mit jederzeit 50 Millionen laufenden Auktionen. Vor allem war mit Google ein neuer Spieler auf den Plan getreten, der das im Netz verfügbare Wissen verlässlich kartografierte und damit die Suchfunktion monopolisierte, auch wenn unklar war, wie damit je Geld verdient werden sollte. Die zweite Blütezeit im Netz war geprägt von dieser Trennung der Sphären und Zuständigkeiten. Seit neuestem ist wieder alles anders und der Kampf um die Vorherrschaft ist neu entbrannt. Weil die privaten Verkäufe an ihre Grenzen stoßen, versucht eBay mit seinem Powerseller-Programm, kommerzielle Anbieter auf seine Plattform zu ziehen, und bricht so ins Territorium von Amazon ein. Zudem hat eBay gerade den Internettelefonie-Anbieter Skype aufgekauft. Wer sich fragt, was Telefonieren übers Internet mit Auktionen zu tun hat: Der Dienst soll die Kontaktaufnahme zwischen Käufern und Verkäufern erleichtern. Amazon hat im Gegenzug mit dem "Amazon Marketplace" eine Plattform für private Verkäufe gebrauchter Artikel aufgebaut und attackiert damit Ebay. Mit A9.com verfügt Amazon nun auch über eine eigene Suchfunktion, die direkt gegen Google gerichtet ist und dem Konkurrenten zumindest in der Kombination aus Text- und Bildsuche etwas voraus hat. Auch eine eigener Landkartenservice ist im Aufbau begriffen, der sich von anderen Anbietern durch real abfotografierte Straßenzüge abhebt. Und Google? Macht all das und noch einiges mehr. Seit dem Börsengang entwickelt sich die einstmals spartanische Suchseite zur eierlegenden Wollmilchsau. Die Produktsuche Froogle markierte so etwas wie den Einstieg in den Internethandel à la Amazon. Mit suchwortabhängiger Werbung wird erstmals richtiges Geld verdient und seit neuestem werden die begehrtesten Suchbegriffe sogar in eBay-artigen Auktionen versteigert. Google Maps und Google Earth erweitern die Suchfunktion in die reale Welt und sind mit mobilen Internettechnologien zusammengedacht ein weiterer Schritt in Richtung Omnipräsenz; Google Print will über kurz oder lang sämtliche Bibliotheksbestände digitalisieren. Mit Gmail und neuerdings mit Google Talk macht man anderen E-Mail- und Instant-Messaging-Anbietern Konkurrenz und hat so auch einen Fuß in der Tür der aussichtsreichen Internettelefonie. Google überall und über alles. Bei der Internet-Community hat Google mit dieser Allmachtstrategie bereits einige Sympathien verspielt und gilt der "New York Times" bereits als Ablösung für Bill Gates in der Bösewichtrolle. Schon kursiert im Netz der running gag darüber, wie die Zukunft aussieht: "Eines Tages werden wir mit unserem Google zum Google fahren, um etwas Google für unser Google zu kaufen." Dass die Zukunft tatsächlich so totalitär ausfallen wird, erscheint mit Blick auf vorangegangene Prognosen (siehe oben) allerdings mehr als fragwürdig.

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