18.05.2004

Neue Filme von Michael Moore und Hans Weingartner im Wettbewerb von Cannes: Hauptsache rund: Was man alles so retten kann

Von Anke Westphal

Vor dem 11. September 2001 verbrachte George W. Bush zweiundvierzig Prozent seiner Amtszeit im Urlaub. Der Dokumentarist Michael Moore hat das für seinen neuen Film "Fahrenheit 9/11" recherchiert und auch gleich Unterhaltungswert daraus gezogen: Er zeigt Bush junior nach dem Wahlbetrug, der Bushs Inauguration vorausging, beim Angeln, Golfen und im verschwitzten T-Shirt beim Aufforsten von Wald. Gleich eingangs macht Moores Film den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu einem Blödmann ersten Ranges, der nur schniefend die Oberlippe hochzieht, als ihn die Nachricht vom Anschlag auf das World Trade Center beim Fototermin in einer Grundschule in Florida erreicht. Wieder mimt Michael Moore den schlitzohrigen Onkel, der seinem Publikum eine böse Geschichte über Korruption, Überwachung und Betrug erzählt. In "Fahrenheit 9/11" deckt er auf, wie die ökonomische Allianz zwischen den Familien Bush und Bin Laden erst die Karriere des George W. Bush beförderte und wie dann beide Familien von den Kriegen in Afghanistan und im Irak profitierten. Der Oscar-preisgekrönte Regisseur erzählt, wie sich die Bush-Administration noch am Tag der Anschläge vom 11.9. als Reisebüro für die Bin-Laden-Familie betätigte, indem sie nahe Verwandte Osamas in Privatflugzeugen außer Landes bringen ließ. Als die Trümmer des Pentagon rauchten, lud der US-Präsident den saudiarabischen Botschafter zum privaten Dinner. Unabhängige Untersuchungskommissionen der Terroranschläge ließ Bush jr. verbieten, stattdessen den "War on Terrorism" erklären und den "Patriots Act" beschließen, jenes Sondergesetz, das die Bürgerrechte beschneidet. Das alles erzählt Michael Moore, und er hat unbedingt Recht damit, seine Regierung anzuklagen, aber Moore weiß auch, wie er es am Besten anstellt, dass alle zuhören.Was sich schon im Falle von "Bowling for Columbine" bewährt hat, wird in "Fahrenheit 9/11" erneut durchexerziert: Weil im Verständnis dieses Regisseurs - und nicht nur der enorme Kassenerfolg gibt ihm recht - politische Aufklärung maximal unterhaltsam sein muss, ist auch "Fahrenheit 9/11" ein fast durchgängig im Up Tempo inszenierter Film mit vielen satirisch verwendeten, popkulturellen Aufmunterungen - einmal schneidet Moore etwa die Köpfe von Bush junior, Cheeney, Rumsfeld und Tony Blair auf die Körper r eitender Cowboys aus einem alten Western, um sich über die Allianz der Willigen lustig zumachen. Michael Moore macht fast alles richtig: Er zeigt die bis zur Obzönität verbrauchten Bilder der ins WTC einschlagenden Flugzeuge nicht, und er spart auch die Bilder jener Opfer aus, die sich aus den Fenstern in den Tod stürzten. Stattdessen bringt er die fassungslosen Gesichter Überlebender ins Bild und in der Luft überm Ground Zero tanzende Rußpartikel. Diskretion ist hier auch ein Effekt - gerade weil Moore seine filmischen Mittel so deutlich und professionell kalkulierte, stellt man sich ganz andere Fragen: Genügt es noch, die Bush-Regierung lächerlich zu machen? Unterschätzt man George W. Bush nicht, der selbst schon wie ein Diktator regiert? Weiß das Publikum nicht längst mehr als dieser Film? So gerät "Fahrenheit 9/11" denn auch dramaturgisch ins Trudeln, wenn Moore dort ankommt, wo die Dinge beim besten Willen nicht mehr lustig aufzubereiten sind: bei den Toten der Kriege. Nach den Gesetzen des Unterhaltungskinos macht Michael Moore fast alles richtig, aber wie kann man es besser machen? Diese Frage dürfte sich in den USA nicht stellen - so viel haben jedenfalls die Nachrichten über Moores Schwierigkeiten, dort einen Verleih für seinen Film zu finden, bewiesen. Politische Dokumentarfilme wie "Fahrenheit 9/11" sollen in den USA vermehrt andere als ästhetische Aufgaben erfüllen. Von ihnen wird etwas erhofft, was die US-Medien kaum mehr herstellen - Gegenöffentlichkeit. "Uncovered - The War in Iraque" von Robert Greenwald, "Bushs Brain" (eine Dokumentation über den Regierungskritiker und ehemaligen Botschafter Joseph Wilson) - im Programm von Cannes finden sich auffallend viele solcher Dokumentationen. Noch wichtiger ist es, dass sie es auch in die Kinos schaffen. "Die fetten Jahre sind vorbei" wird gewiss nicht nur in deutschen Kinos laufen. Hans Weingartners neuer Film wurde mehr als freundlicher Beifall zuteil, als er gestern quasi Seite an Seite mit Michael Moore im Wettbewerb lief. Und so unähnlich sind sich beide Filme in ihrem Unwohlsein am Zustand der Politik und der Welt gar nicht, nur dass Weingartner seinen Kampfgeist unendlich subtiler verfasst. In "Die fetten Jahre sind vorbei" geht es darum, ob man nun die Welt oder nur den eigenen Arsch retten will - vor allem aber darum, dass das erste irgendwann im zweiten mündet. Peter, Jan und Jule, drei junge Weltverbesserer, arrangieren die Interieurs in Zehlendorfer Villen um, während deren Besitzer abwesend sind. Sie stehlen nichts, sie hängen der antiken Plastik nur einen Galgenstrick um, packen die Nippes ins Klo und hinterlassen Ermahnungen wie "Sie haben zuviel Geld. Die Erziehungsberechtigten". Spaßguerilla - bis einmal so ein Reichling, mit dem Jule sowieso ein Hühnchen zu rupfen hat, vorzeitig heimkehrt und gekidnappt werden muss. Die Geisel entpuppt sich jedoch als ein Ex-68er, der Karriere gemacht hat, und verfügt zudem über die besseren Argumente. "Rebellieren ist halt schwieriger geworden", weiß Jan, und am Ende wird aus Punk und Zorn immer Ernst, spätestens beim ersten Kind. Die junge Theaterschauspielerin Julia Jentsch als Jule ist eine Kinosensation; Daniel Brühl und Stipe Erceg spielen fabelhaft. Hans Weingartner macht vielleicht nicht alles richtig, manchmal erklärt er zuviel mit Worten, wo Bilder genügen, aber sein Film ist lebendig, absurd, witzig, wild, poetisch - und er hat etwas zu sagen. ------------------------------ Dokumentarfilme aus den USA müssen schaffen, was die US-Medien nicht mehr herstellen: eine kritische Gegenöffentlichkeit. ------------------------------ Foto: Weiß das Publikum nicht längst mehr als dieser Film? Szene aus "Fahrenheit 9/11" von Michael Moore.

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