NEUE MODE - Die Bundesliga startet in ihre 40. Saison mit einem Berliner Künstler namens "Zecke", mit freien Brüsten in Bochum und Bremen, doch ohne die T-Shirt-Show beim Torjubel: Verbissen in eine Idee

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BERLIN, 6. August. Die Geschichte, wie aus Andreas Neuendorf ein Künstler wurde, begann im Wald. Vor sieben Jahren, der damals 20-Jährige spielte beim Bundesligisten Bayer Leverkusen, trabten die Profis im Training über steile Wege. Plötzlich zwickte es in der Kniekehle. Neuendorf zuckte zusammen, kratzte kurz und sah eine Zecke, die sich im Fleisch verbissen hatte. "Die hab ich abgeschlagen und die Sache nicht mehr beachtet. " Bald aber war ein dunkelroter Strich vom Schenkel hinauf zur Leiste zu erkennen - Neuendorf gab Alarm. Mit einer Blutvergiftung wurde er ins Krankenhaus eingeliefert. Als er drei Tagen später wieder zur Mannschaft stieß, rief schon der erste: "Zecke". Das Urheberrecht beansprucht der einstige Nationalspieler Ulf Kirsten. Andreas kennt niemand Schnell war der neue Name auch bei Freunden und Verwandten eingeführt. Zecke vergaß fast, wer er einmal gewesen war: "Wenn mich im Spiel jemand Andreas rief, habe ich gar nicht mehr reagiert. " Der Rufname ging auch beim Wechsel zurück in seine Heimatstadt Berlin nicht verloren - Jürgen Röber, der Trainer, nannte ihn so bei Hertha BSC, dessen Nachfolger Huub Stevens kennt ihn ohnehin nur unter diesem Namen. Autogrammkarten werden mit "Zecke" signiert. "Das ist kürzer", sagt er lapidar. Bald aber wollte Zecke mehr. Er sah, dass etwa Marcelinho, sein Teamkollege aus Brasilien, der eigentlich Marcelo dos Santos Paraiba heißt, seinen Künstlernamen auf dem Trikot tragen durfte. Warum sollte Zecke dies nicht auch genehmigt werden? Also fragte Andreas Neuendorf nach. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) - der sagte Nein. Bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) - auch die sagte Nein dazu, dass er im Hertha-Trikot mit der Nummer 20 und dem Schriftzug "Zecke" statt "Neuendorf" ins Stadion dürfe. "Die Regeln besagen, dass Spieler nur mit in ihrem Ausweis eingetragenen Namen auflaufen dürfen", so Heribert Bruchhagen, Geschäftsführer der DFL. Zecke aber hatte sich in die Idee verbissen. Er wandte sich an die Meldestelle des zuständigen Polizeireviers. Dort verwies man ihn an die zentrale Pass- und Ausweis- stelle in Berlin, wo Zecke die Auskunft erbat, ob es erlaubt sei, populäre Spitznamen offiziell im Personalausweis zu führen. Antwort: Nein. Künstlernamen aber, die seien erlaubt. Das Problem: Wie wird ein Fußballer zum Künstler? Fußballer mögen Fallrückzieher können - Kunst aber, so beschied man ihm auf dem Amt, Kunst, das sei etwas ganz Anderes. Zecke ließ sich nicht entmutigen, er reagierte schnell. Schließlich war die Lösung nah, sie lag in der Familie: Ehefrau Vanessa war stolze Besitzerin einer Staffelei. Sie malte. Ab und an. Zum Spaß. Zecke kaufte Pinsel und Farben und dann ging s los. Zweieinhalb Stunden Raserei, der Wahn des jungen Schaffens, dann war s vollbracht, Werk I (Gesicht 2001) und Werk II (Krickelkrakel 2001) waren geboren. Nur für wen? Fürs eigene Wohnzimmer? Zecke suchte die Öffentlichkeit. Via Homepage (www. herthabsc. de) wurde eine Versteigerung initiiert. Fast wie bei Sotheby s - nur dieses Mal nicht mit van Gogh oder Picasso. Ein echter Neuendorf im Angebot - pro Gemälde wurden am Ende rund 200 Euro eingezahlt. Weit wichtiger als der Erlös aber ist dem Selbstlosen die Aufmerksamkeit: Zecke wurde erneut in der zentralen Pass- und Ausweisstelle vorstellig. Und er hatte etwas dabei: Presseberichte, die beweisen, wie populär er selbst, sein Werk, und damit auch der Name ist. "Herr Neuendorf hat den Nachweis erbracht, dass er unter dem Namen Zecke bekannt ist", sagt Iris Freyny von der Passstelle: "Die Popularität des gewünschten Namens ist ein wichtiges Kriterium, um diesen auch eintragen lassen zu können. " Der künstlerische Wert der Arbeit wird nicht geprüft. Niemand vom Amt maßt sich an, über die Qualität zu urteilen. "Der Künstlername, den wir genehmigen, gilt für uns vor allem zur zusätzlichen Identifizierung", sagt Iris Freyny. Schon am Freitag gegen Dortmund darf Zecke als Zecke spielen. "Er hat die Auflagen erfüllt", sagt DFL-Geschäftsführer Bruchhagen, "wir haben seinen Wunsch akzeptiert. Aber wir hoffen, dass es keine Nachahmer gibt. " Foto: JÜRGEN ENGLER Andreas "Zecke" Neuendorf über seine Bilder: Zuerst habe ich das linke Bild gemalt. Das mit den blauen und schwarzen Vierecken. Mit Rot hab ich auch nicht gespart. Ich sehe darauf zwei Augen, einen Mund und eine Nase. Ich habe das Bild dann in alle vier Richtungen gehalten und ich fand, ich muss es "Gesicht 2001" nennen. Das Gesicht ist ein bisschen ernst, aber 2001, das zur Erklärung, war für mich als Fußballer ja nicht das beste Jahr. Nachdem ich "Gesicht 2001" fertig hatte, habe ich die Pinsel sauber gemacht und mich dem nächsten Bild gewidmet. Das ist das auf dem Foto rechts - mit den roten und blauen Farben. Es heißt "Krickelkrakel 2001". Man sollte über meine Bilder nicht lächeln, sondern es selbst versuchen. Vielleicht muss ich mich als Maler erst mal etwas zur Ruhe setzen, weil das Training unter Huub Stevens ziemlich hart ist. Eventuell aber male ich in diesem Jahr noch zwei Bilder. Ich bin spontan. Ich bin halt Künstler.

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