NOBELPREIS: An der "Lex Buck" kommt keiner vorbei

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Jedes Jahr am ersten oder zweiten Donnerstag im Oktober vollzieht Horace Engdahl dasselbe Ritual. Schlag 13 Uhr öffnet der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie in Stockholm die Tür, die von seinem Büro hinaus in den Konzertsaal der Akademie führt, tritt vor die Mikrofone der dort versammelten Journalisten und spricht den Namen des neuen Literaturnobelpreisträgers ins Blitzlichtgewitter. Am Donnerstag, den 7. Oktober 2004, erfuhr die Öffentlichkeit aus seinem Munde von der Vergabe des wichtigsten Literaturpreises der Welt an Elfriede Jelinek. Eine halbe Stunde davor hatte Engdahl Jelinek in Wien angerufen und ihr die Entscheidung des 18-köpfigen Nobelpreis-Komitees, dem er selbst angehört, mitgeteilt. "Fast unmittelbar als Erstes sagte mir Elfriede Jelinek, dass sie nicht zur Nobelpreiszeremonie am 10. Dezember nach Stockholm kommen würde", sagt Engdahl leise in makellosem Deutsch. Er sitzt in seinem erlesen möblierten Büro, das wie die Schwedische Akademie in der Stockholmer Börse untergebracht ist: ein großer, heller Raum aus dem 18. Jahrhundert, schwedisches Rokoko, hohe Decke und Fenster, weiße Marmorbüsten von Engdahls Vorgängern stehen auf Säulenpodesten an der Wand. Es gibt einen Konzertflügel, einen kleinen Intarsien-Sekretär, ein Münzschränkchen und einige mit blau glänzendem Stoff bezogene, holzvergoldete Stühle mit römischen Ziffern auf der Lehnenrückseite. Für Besucher sind die tabu; sie waren ein Geschenk des schwedischen Königs Gustav III. an die Mitglieder der von ihm 1786 gegründeten Akademie, zu deren Agenden seit 1901 auch der Literaturnobelpreis gehört. Am 17. Dezember wird Horace Engdahl ein Flugzeug nach Wien besteigen. "Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Propheten gehen", sagt der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie. In der Wiener Botschaft seines Landes wird Engdahl Elfriede Jelinek die Medaille und Urkunde übergeben, die die Autorin auf Grund ihrer Phobie vor Reisen und großen Menschenmengen nicht in Stockholm aus der Hand des schwedischen Königs entgegen nehmen wollte. Im Gegenzug hat Jelinek ihre Festrede auf Video aufzeichnen lassen. Diese wird anlässlich der offiziellen Stockholmer Feiern auf drei Leinwänden im Konzertsaal der Akademie übertragen. Mehrere Jahre schon hat sich das Schwedische Nobelpreiskomitee mit der Arbeit von Jelinek beschäftigt. Jedes Jahr im November schickt das Komitee einen Brief an tausende Vorschlagsberechtigte in aller Welt - Literaturexperten, frühere Preisträger, Mitglieder von Literaturverbänden und -akademien. Bis Anfang Februar teilen diese dem Komitee ihre Vorschläge mit; in der Regel um die 200 Namen. Aus dieser "Langen Liste" wählt das Komitee mithilfe von Gutachten und den Mitarbeitern seiner riesigen Bibliothek Kandidaten für die "Halblange Liste" aus, auf der nur mehr 15 bis 20 Namen stehen. Dann kommt der schwierigste Teil der Arbeit: die Auswahl für die endgültige Shortlist. "Dabei muss man sehr umsichtig sein, denn üblicherweise erhalten alle, die auf die Kurzliste kommen, früher oder später den Nobelpreis." Ende Mai steht diese Liste fest, auf der im Durchschnitt fünf Namen stehen. Dann bekommt jedes der 18 Komitee-Mitglieder fünf große Bücherpakete mit allen Werken jedes Kandidaten mit in den Sommer und "verbringt die nächsten drei Monate in Gesellschaft dieser Autoren." Das heißt: Jeder liest alles. Im Original - alle Komitee-Mitglieder lesen etwa auf Deutsch - oder in kommentierter Übersetzung. An dieser Stelle wird die "Lex Buck" relevant: Dieses ungeschriebene Gesetz - benannt nach der amerikanischen Literaturnobelpreisträgerin 1938, Pearl S. Buck (deren Ernennung allgemein als merkwürdiger Fehlgriff gilt) verbietet, einen Autor, der zum ersten Mal auf der Shortlist auftaucht, zu wählen. "Auf der Kurzliste muss man mindestens zwei Jahre verbringen", erklärt Engdahl. Im September treten die Komitee-Mitglieder wieder zusammen und beginnen die entscheidenden Diskussionen. Der Literaturnobelpreisträger wird mit einfacher Mehrheit gewählt. Die Statuten legen die Auswahl-Kriterien für diese Entscheidung nur sehr allgemein fest; worin diese im Detail bestehen, sagt Horace Engdahl kryptisch lächelnd, sei "ein Mysterium". Und er fügt an: "Es ist ja eigentlich eine unmögliche Aufgabe, die ganze Literatur der Welt zu überblicken, aber man muss es versuchen."

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