Normierte Baukultur: Der Architekt und Rasterfetischist Ernst Neufert im Bauhaus Dessau: Die Fratze der Moderne

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Um berechnen zu können, wie viel Platz ein paradierendes Bataillon von Soldaten, SS- oder SA- Angehörigen benötigt, wenn der "Führer" die Militärparade abnimmt, muss man genau vermessen, wie groß der Abstand zwischen den Marschierenden ist, mit und ohne zum Hitlergruß gestreckten rechten Arm. Das hat der Architekt Ernst Neufert (1900-86) getan beängstigend gründlich. Das Werk, in dem derlei Informationen enthalten waren, heißt "Bauentwurfslehre" und hat sich zu einem der meistverkauften Architekturbücher weltweit entwickelt. Fast jeder Architekturstudent erwirbt es schon im Grundstudium. Es wurde in dreizehn Sprachen übersetzt. Dieses deutscheste aller Architekturbücher wurde zum Exportschlager für lesefaule Architekten. In den zwanzig Jahren nach dem ersten Erscheinen erlebte es 20 Neuauflagen. Heute liegt die 35. Auflage in den Architekturbüros der Welt; bei der völligen Überarbeitung sind auch die SS-Strichmännchen getilgt worden. Ebenso akribisch hat Neufert vermessen, wie hoch eine ausgewachsene Taube ist (falls der Architekt einen Taubenschlag entwirft) oder wie hoch ein Stapel von zwölf vier Mal übereinander gefalteten Herrentaschentüchern ist. Obwohl die Bauentwurfslehre dadurch harmlos bis lächerlich wirkt und sich überwiegend mit den Radien von Garagenrampen und Sonnenstandswinkeln beschäftigt, sprechen die Details Bände: Der Abstand zwischen Badewanne und Wand etwa muss zehn Zentimeter groß sein, damit die "Frau mit Schürze" dazwischen wischen kann, die auf allen Strichzeichnungen in Neuferts Buch zu sehen ist. Das Bauhaus Dessau widmet Neufert derzeit eine Ausstellung mit dem Titel "Normierte Baukultur im 20. Jahrhundert". Die Bauhaus-Stiftung beschäftigt sich seit geraumer Zeit kritisch mit der Geschichte und dem Mythos des eigenen Hauses. Der Technokrat Neufert wird in vielen Bauhaus-Geschichten totgeschwiegen. Auch seine eigene Biografie hat er geschönt. Das ist kein Wunder angesichts ihrer unrühmlichen Passagen. Neufert selbst hat gesagt, Geschichte sei "Ballast" und "unnötig". Sein Schaffen fällt in drei den Geschichtsverlauf widerspiegelnde Phasen. Vor 1933 war er Mitarbeiter von Walter Gropius (dessen Chefarchitekt er 1924-26 war) am bahnbrechenden Fagus-Werk in Alfeld/Leine und dem Bauhausgebäude in Dessau. Neufert war schon in Weimar ein Gropius-Student der ersten Stunde gewesen. Zu seinen wenigen eigenen Vorkriegsbauten gehören die Mensa und das Abbeanum in Jena von 1930 für die Zeiss-Stiftung. Obwohl er im Jahr zuvor als Dozent an der Bauhochschule in Weimar von den Nationalsozialisten entlassen wurde, emigrierte er 1933 nicht, sondern versuchte sein Glück mit den Nazis. Er wurde wichtiger Helfer von Albert Speer als "Beauftragter für Typisierung, Normung und Rationalisierung" nach amerikanischem Vorbild. Seine Entwürfe aus dieser Periode illustrieren, dass Architektur unter den Nazis zur kriegswichtigen Disziplin wurde. Neufert entwarf Luftschutzbunker und Behelfsbauten, die in der Dessauer Ausstellung zu Recht mit den Baracken im KZ Auschwitz verglichen werden. Dass die Wurzel der Baukunst die Kriegskunst ist, wusste schon der Architekt Vitruv. Neufert arbeitete 1943 eine Hausmaschine aus, die auf Schienen durch die Landschaft fährt und Wohnblocks im "Gebäudeguss" wie aus der Strangpresse hinterlässt. Neufert ist damit legitimer Ahnherr des Plattenbauelends und der Demontage des Architektenberufs. Ebenso wie diese moderne Variante der menschenfeindlichen Mietskaserne zeugt Neuferts "Oktameter" von dem Versuch, aus der Architektur eine blutleere Wissenschaft zu machen: Der 5/4-Meter war ein kohärentes Maßsystem, das in seiner Kleinkariertheit problemlos Eingang in die unsägliche Deutsche Industrienorm fand. Das gebaute Karopapier von Neuferts Entwürfen lässt die späteren Legebatterien und Arbeiterschließfächer in aller Welt bereits erahnen. Seine Studien trieben den Drang des Menschen zur Systematisierung der Welt auf die Spitze. Neufert hat das Raster zwar nicht erfunden, aber seine Manie befindet sich mitten zwischen Moderne und Nationalsozialismus und trifft die Avantgarde ins Herz. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er eine steile Karriere und wurde Deutschlands bekanntester Industriearchitekt. An den Wiederaufbauplänen für deutsche Städte hatte er schon während des Krieges mitgearbeitet. Für Firmen wie Schott, Quelle, Eternit, Linde und Hoesch schuf er mediokere Industriebauten des Wirtschaftswunders. 1965 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz dekoriert, während Architekten, die vor den Nazis geflohen waren, die Anerkennung durch die Bundesrepublik versagt blieb. Die Ausstellung hält sich irritierend lange mit der Nachkriegswerkphase auf, in der sich Neufert fast zum deutschen Albert Kahn entwickelte, dem Pionier der großen Fabrikhallen im amerikanischen Mittelwesten. Der zur Ausstellung erschienene Katalog bietet reichlich Stoff zum Nachlesen und diskutiert Neuferts Werk in allen Aspekten, was die kleine, aber sehenswerte Ausstellung nicht kann. Bis 17. Oktober im Bauhaus Dessau, Gropiusallee 38. Tägl. 10 - 18 Uhr. Tel. 0340-6 50 82 50. Internet: www.bauhaus-dessau.de. Katalog: Walter Prigge (Hg.) Ernst Neufert Normierte Baukultur im 20. Jahrhundert. Campus Verlag, Frankfurt/Main 1999. 55 Mark.

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