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Ob im Plattenbau oder im Fünf-Sterne-Hotel - Ferienwohnungen sind bei Touristen beliebt: Im elften Himmel ohne Fernseher

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Keine Rolltreppe und kein Flügelschlag, sondern ein rumpelnder Aufzug führt in den "Elften Himmel". Das Licht ist gelblich. In der Ecke steht eine leere Bierflasche. Und hier wohnen Touristen? Ja, sogar mit Begeisterung, versichert Erika Hoffmann. Es gäbe schon Buchungen für den August und Anfragen für Silvester. Hoffmann ist ABM-Kraft beim Kinderring e.V. und für heute die Hüterin der Himmelsschlüssel. Die Wohnung im elften Stock ist gerade belegt, die darunter wird für neue Gäste hergerichtet. Das Haus liegt mitten in der Hochhaussiedlung Ahrensfelde. Man kann noch den alten Plattenbau-Grundriss erkennen: fünf Zimmer, Küche, Bad. Aber was für Zimmer: Die Eltern schlafen zwischen meerblauen Wänden und Holzplanken. Zwischen den Wänden des Kinderzimmers ist ein dichtes Geflecht aus Wollfäden gesponnen. Ein Spinnennetz, erklärt Erika Hoffmann, bei dem jeder Gast eine neue Verbindung spannen kann. Vom verglasten Balkon aus blickt man auf die Satellitenschüsseln der gegenüberliegenden Platte. Die Ferienwohnung selbst hat keinen Fernseher. Die Gäste sollen sich Marzahn anschauen und nicht das Vorabendprogramm, erklärt die Himmelswächterin. Wenn es draußen nichts mehr zu sehen gibt, bleibt immer noch die Wohnung, die voller absurder Details steckt. Im Flur liegt ein künstlicher Golfrasen samt Loch und Schlägern. Daneben steht ein Papierschredder. Im Wohnzimmer stehen ein Klavier und ein Akkordeon für spontane Hausmusik bereit. Elf Euro pro Person kostet eine Himmelsnacht. Auch das ist ein Grund für die Beliebtheit der Plattenbaupension. 14 500 Euro pro Nacht Der "Elfte Himmel" ist sicher eine der günstigsten Ferienwohnungen in Berlin. Wer etwas mehr ausgeben will, findet Lofts mit Dachterrasse genauso wie billig eingerichtete Zweckwohnungen. Die Berliner Tourismus Marketing Gesellschaft (BTM) führt eine Liste mit rund 120 Vermietern. Aber das, sagt BTM-Sprecher Christian Tänzler, ist nur ein Bruchteil des Angebots: "Da gibt es eine ganz große Grauzone." Die Ferienwohnungen werden nirgendwo offiziell erfasst, auch deshalb, weil die Abgrenzung zu anderen Wohnformen so schwierig ist. Wenn zum Beispiel ein Engländer in Berlin eine Wohnung hat und die ab und zu an Freunde vermietet - ist das schon eine Ferienwohnung? Oder wenn ein Praktikant zwei Monate bleibt - ist das ein normales Mietverhältnis? Auch beim "Ritz Carlton Appartement" stellt sich die Definitionsfrage: Ist das ein Palast oder die teuerste Ferienwohnung der Stadt? 14 500 Euro kostet eine Nacht. Im Preis enthalten ist Champagner, ein Leih-Bentley und ein persönlicher Assistent. Das rund 285 Quadratmeter große Appartement hat alles, was man von einer Ferienwohnung erwartet: Küche, Bäder und Platz für bis zu sechs Personen. Dazu kleine Annehmlichkeiten wie massives Walnussparkett, eine Fitnessstation und zwei Kamine. Im Spiegel des Badezimmers ist ein Fernseher installiert, so dass die Gäste selbst beim Zähneputzen die Börsenkurse im Auge behalten können. Ein zweiter Bildschirm ist über der Badewanne in die Wand eingelassen - die Fernbedienung dazu ist selbstverständlich wasserdicht. Kaum vorzustellen, dass sich in diesem Luxus wirklich jemand selbst an den Herd stellt. Nicht nötig, sagt Nancy Hauck, Pressesprecherin des Hotels. Auf Wunsch käme der Sternekoch aus dem Hotelrestaurant in die Appartementküche. Mit der Ende Januar eröffneten Suite hat das Ritz Carlton im Wettrüsten der Nobelhotels die Führung übernommen. Einige wohlhabende Gäste waren schon da. Mehr verrät die Sprecherin nicht. Auch die Diskretion ist im Preis inbegriffen. Wer einen längeren Aufenthalt in Berlin plant, aber nicht gleich fünfstellige Summen pro Nacht investieren will, hat die Wahl zwischen möblierten Apartments und normalen Hotelzimmern. "Louisa's Place" am Kurfürstendamm will etwas dazwischen sein: ein Appartementhaus mit Hotelservice. "Boarding House" nennt Mitinhaber Sven Schimank das Konzept. Der englische Begriff steht eigentlich für Wohntrakte von Internatsschulen. Bei Louisa's geht es aber eher erwachsen-gediegen zu - Pool, Kaminzimmer und verzierte Altbaubalkone zu Preisen ab 135 Euro pro Nacht. Die 47 Wohnungen können für eine Nacht gemietet werden, aber auch für mehrere Wochen. Der treueste Gast blieb 14 Monate. Gerade hat sich die Filmcrew des neuen Roman Polanski-Films "The Ghost" eingemietet. Ohne die Künstler, die immer wieder Jobs in der Stadt haben, würde die Rechnung für Schimank nicht aufgehen. Er betreibt in München ein ähnliches Haus, das ganz auf Geschäftsreisende ausgerichtet ist, die für ein Projekt länger in der Stadt sind. "Dafür braucht man zwei Faktoren", erklärt Schimank, "einen engen Mietmarkt und eine starke Wirtschaft." In Berlin findet er weder das eine noch das andere. Also freut er sich über jeden normalen Touristen, der in den Appartements wohnt, und hofft auf die Zukunft. Auch Daniel Dagan hofft auf die Zukunft. Allerdings auf eine Zukunft mit weniger Touristen. Der israelische Journalist wohnt in einem der Plattenbauten, die in Mitte zwischen Wilhelmstraße und Voßstraße liegen. Zu DDR-Zeiten verlief der Grenzstreifen direkt neben den Wohnblocks. Die westnahe Lage war bei Linientreuen und Prominenten wie Eisläuferin Katarina Witt und dem früheren SED-Funktionär Günter Schabowski beliebt. Heute wohnen in den Plattenbauten Berliner nahe des Rentenalters und Touristen aus aller Welt. Die Mischung funktioniert nicht besonders gut: Einem Mann wurde die Tür eingetreten. Andere Anwohner beschweren sich über laute Saufgelage und das morgendliche Dröhnen der Putzkolonnen. Dagan erzählt, dass seine Frau an einem Morgen dreimal vom Klingeln herumirrender Touristen geweckt worden sei. "Die kriegen vom Vermieter keine genaue Wegbeschreibung und dann klingeln sie und fragen uns!" Vor fünf Jahren hat die Wohnungsbaugesellschaft Mitte die rund 900 Wohnungen an die B.Ä.R. Grundstücksgesellschaft verkauft. Seitdem, sagen die Altmieter, werden viele frei gewordene Wohnungen als Ferienwohnung genutzt. Rechtlich spricht nichts dagegen, erklärt der Sprecher des Berliner Mietervereins, Reiner Wild. Weil eine Regelung mit dem wohlklingenden Namen "Zweckentfremdungsverbotsverordnung" abgeschafft wurde, können Mietwohnungen problemlos in Touristenquartiere umgewandelt werden. Die B.Ä.R. hat zu den Anwohnerprotesten bisher keine Stellung genommen. Und ihr Anwalt war nicht zu erreichen. Die Vermietung der Wohnungen übernimmt "DieApart GmbH". Auf seiner Internetseite wirbt der Vermittler mit dem Slogan "Mitten in Berlin und supergünstig". In der Tat sind die Preise zivil: Ein Appartement für zwei Personen ist ab 75 Euro pro Nacht zu haben. Wenn man das richtige Haus erwischt, reicht der weite Blick über das Holocaust-Mahnmal bis zu den weißen Spitzen des Sony-Centers. Beweisaufnahme durch Mieter Auch die regulären Mieter schätzen Blick und zentrale Lage. Nur mehr Ruhe hätten sie gerne. Am Donnerstagabend haben sie deshalb einen Verein gegründet, um sich gegen die Ferienwohnungen zu wehren. Weil es vom Eigentümer keine offiziellen Angaben darüber gibt, wie viele Wohnungen an Touristen vermietet werden, haben die Bewohner selbst Nachforschungen angestellt. Die Findigkeit und Akribie, die sie dabei an den Tag legen, könnte man - nett ausgedrückt - detektivisch nennen. Ein erstes Indiz sind die Nummern, die an einigen Häusern die Namen am Klingelschild ersetzt haben. Dagan hat noch ein Merkmal erspäht: Die zusammengebundenen Vorhänge, an denen man die Ferienwohnungen von außen erkennt. Er geht davon aus, dass rund 30 Prozent der Apartments in der Wilhelmstraße schon in Touristenhand sind. In einigen Teilen der Anlage sei es mehr als die Hälfte. Die Beweisaufnahme ist noch nicht abgeschlossen. Die Mieter haben jetzt mehrsprachige Aushänge entworfen, auf denen sie Gästen die Lage erklären: "Bitte haben Sie auch Verständnis dafür, dass Sie gelegentlich von den Anwohnern fotografiert werden. Die Anwohner brauchen diese Fotos unbedingt, und zwar als Beweise für die Hotelnutzung der Häuser." So steht es auf den Zetteln. Und darunter: "Trotzdem einen schönen Aufenthalt in unserer Stadt!" ------------------------------ Foto (3) : Nicht billig, aber nobel - 14 500 Euro kostet eine Nacht in der 285 Quadratmeter großen Ferienwohnung des Ritz Carlton Hotels. Einst begehrt bei DDR-Prominenten, heute ein Plattenbau mit Ferienwohnungen - die Gebäude an der Wilhelmstraße. Heimat auf Zeit für Film-Crews: das "Louisa's Place" am Kudamm.

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