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Oskar Neumann hat die Oderberger Straße begrünt, gepflegt und verteidigt: Ein Leben im Dorf

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Im Entweder Oder kann man im hinteren Raum noch rauchen. Oskar Neumann dreht sich eine Zigarette, nimmt einen Schluck vom Weizenbier und denkt über eine Frage nach: Welches ist seine älteste Erinnerung an die Oderberger Straße? Oskar Neumann ist 36 Jahre alt und er hat die Oderberger Straße, in der er geboren wurde, nie richtig verlassen. Es gab ein paar Unterbrechungen, doch die zählen eigentlich nicht. Die Lehrzeit verbrachte Neumann in Brandenburg an der Havel, am Wochenende fuhr er nach Berlin. Später wohnte er kurze Zeit in anderen Straßen von Prenzlauer Berg, doch am liebsten besuchte er Freunde in der Oderberger. In einer Ladenwohnung, die seine Eltern in den 60er-Jahre bezogen hatten, kam Oskar Neumann zur Welt. Die Wohnung lag direkt neben einer Schusterei. Heute ist darin das Entweder Oder. Könnte Oskar Neumann durch die Wand gehen, stünde er in seinem alten Kinderzimmer. Das gehört heute zu einem griechischen Restaurant, seine Eltern sind in eine andere Wohnung der Oderberger gezogen. Oskar Neumann sagt, die Straße sei seine Heimat. "Hier sind meine Wurzeln. Meine Straße ist mein Dorf." Seine Freunde am Kneipentisch sagen, wer etwas über die Oderberger Straße wissen will, müsse mit Oskar reden. Seit einem Jahr wollen ganz viele mit ihm reden. Die Presse, die Parteien in Pankow, die Bewohner der Straße. Oskar Neumann ist Sprecher der Bürgerinitiative Oderberger Straße, kurz BIOS. Er sagt, er wisse jetzt, was Lobbyarbeit heißt. Er vertritt eine Straßenbewegung, er ist Baumretter und ein Zeitzeuge, der seine Straße verteidigt. Als im vergangenen Jahr die Pläne des Bezirksamtes Pankow bekannt wurden, die Oderberger Straße für 2,5 Millionen Euro neu zu gestalten und Blumenkübel und Bäume zu entfernen, protestierten die Anwohner. Sie hängten Trauerflore in die Bäume, organisierten einen Workshop und erstellten eine Internetseite. Das Grün der Oderberger wollten sie erhalten, schließlich waren viele ja auch deswegen in die sanierten Häuser gezogen. Ihre Unnachgiebigkeit und ihr Einfallsreichtum erinnern an die Aktionen aus DDR-Zeiten, als Anwohner den Abriss der Häuser verhinderten und Hinterhöfe gestalteten. In einem, dem berühmten Hirschhof, führten sie Theaterstücke auf, organisierten Lesungen und Partys. Engagierte Bewohner unterwanderten sogar das staatliche Gremium, den Wohnbezirksausschuss (WBA), um Geld für Straßenfeste zu bekommen. Die Straße wurde zum Mythos von Prenzlauer Berg. In den ältesten Erinnerungen von Oskar Neumann taucht der Spielplatz im Hof auf "mit Hundezwinger und der alten Frau, die dort Hühner und Karnickel hielt". Walnussbaum und Fliederbusch sieht er vor sich und die Mauer am westlichen Ende der Straße. Dahinter lag West-Berlin. "Das hat uns nicht gestört Ich bin nicht in Tränen ausgebrochen, wenn ich die Mauer sah." Als Zehnjähriger war er dabei, als Anwohner den Hirschhof errichteten. Später half er beim Aufstellen der Blumenkübel und Hochbeete. Bis heute prägen sie das Straßenbild. Nach der Wende, die Lehre zum Facharbeiter für Werkzeugmaschinen mit Abitur war gerade vorüber, bezahlte das Arbeitsamt Oskar Neumann eine Stelle als Gärtner im Hirschhof. Später kellnerte er im Entweder Oder. Dort tagte Anfang der 90er-Jahre ein neuer WBA. Das Bündnis hieß "Wir bleiben alle!" und genau dies war auch die Forderung. Anwohner organisierten den Protest gegen steigende Mieten und Vertreibung. Trotzdem zogen später einige von Neumanns Freunden freiwillig fort. "Für hohe Abfindungen verließen sie ihre Wohnungen", sagt Neumann. Eigentümer sanierten ihre Häuser, die Mieten stiegen. Oskar Neumann ist geblieben. Er arbeitet heute als Altenpfleger, im Museum für Naturkunde, als Lehrer für Erwachsene, nebenbei studiert er Geografie. Bäume und Beete der Oderberger sind gerettet, es gibt neue Konflikte: Anwohner fordern mehr Parkplätze, neue Häuser eines Investors verdunkeln bald die Wohnungen. Noch kann sich Oskar Neumann in Deutschland keinen anderen Ort zum Leben vorstellen. Vielleicht geht er später nach Thailand. Wer weiß, sagt er und lacht. Von seinem Platz im Entweder Oder schaut Oskar Neumann auf den Hirschhof. Nach Hause sind es nur wenige Meter. Ein Bekannter streicht ihm im Vorübergehen durch die Haare. ------------------------------ Ein berühmter Hof Das Gelände des Hirschhofes erstreckt sich über die Hinterhöfe der Oderberger Straße 15 und der Kastanienallee 12. Früher war dort eine Käserei, sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Eine Initiative von Anwohnern begann 1982, das 2 200 Quadratmeter große Gelände zu einem Park umzugestalten. Sie legten einen Spielplatz an und bauten eine Freilichtbühne. Der Bezirk Prenzlauer Berg zahlte etwa eine Million Mark. Im Sommer 1985 wurde der Hof eröffnet. Es gab dort Feste, Konzerte, Lesungen und Partys. Der Hirschhof wurde zum Treffpunkt für Künstler, Punks und Oppositionelle. Symbol des Hirschhofes ist ein riesiger aus Schrott geschweißter Hirsch. Hausbesitzer verschlossen 2005 die Zugänge zum Hof, der Bezirk schuf ein neues Tor. ------------------------------ Foto: Verliebt in die Oderberger Straße: Hier sind meine Wurzeln, sagt Oskar Neumann.

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