Patientenakten aus Senftenberg belegen Vergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee: Das große Schweigen

Von 

SENFTENBERG. Die Erinnerung hat sich tief in sein Gedächtnis gegraben. Wenn Manfred Kuhnke die Augen schließt, sieht er die Bilder genau vor sich: Er kauert im Stollen der Kohlefabrik in Senftenberg, zwischen hunderten Menschen. Mütter, Väter, Kinder. Es ist dunkel, verrußt. An diesem 21. April 1945 sind sie alle durch das Mundloch des Bergwerkstollens gestiegen, tief hinab unter die Erde. Die Nachricht hat die Runde gemacht, dass die Russen kommen und alle umbringen würden. Kuhnke ist erst elf Jahre alt, als die niederlausitzische Stadt Senftenberg eingenommen wird. Plötzlich stehen zwei junge Russen in Uniform im Stollen. Die glänzenden Pistolen auf ihn und seine Mutter gerichtet. "Uri, Uri", sagt einer der beiden. Dann sammeln sie Wertgegenstände ein. Ketten, Broschen, Trauringe. "Der schlimmste Satz war: ,Frau komm'", erinnert sich Kuhnke. Er holt tief Luft, dann öffnet er wieder die Augen. Mehr will der heute 74-Jährige aus seiner Erinnerung nicht hervorholen, nur dass russische Soldaten in jener Nacht auch Kuhnkes Mutter einforderten. So wurde er, der Elfjährige, Zeuge jenes Kriegsverbrechens, das nach 1945 so viele Frauen als Opfer zurückließ. In der DDR war es über Jahrzehnte ein Tabu-Thema. Dass Soldaten der Roten Armee junge Mädchen und Frauen vergewaltigt hatten, passte nicht in die Ideologie des Arbeiter-und-Bauern-Staates. Die Sowjetsoldaten waren schließlich die Befreier, die Guten. Historiker schätzen die Zahl auf 1,9 Millionen. Allein in Berlin sollen 100 000 Mädchen und Frauen Opfer von Vergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee geworden sein. Jede zehnte Frau starb an den Folgen. "Die Frauen besaßen ein Schamgefühl, die Ehemänner wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten", sagt Kuhnke. So erklärt er sich, warum Opfer und Angehörige jahrzehntelang schwiegen. Täglich vier bis fünf Abbrüche Jetzt, über 60 Jahre später, sind im Klinikum Niederlausitz in Senftenberg Patientenakten von 1945 aufgetaucht. Dokumente der Zeitgeschichte, die belegen, dass es in jenem Sommer massenhaft Abtreibungen gegeben hat. Der technische Leiter Georg Messenbrink fand sie bei Umbauarbeiten im Dachgeschoss des Klinikums. Ein ungewöhnlicher Fund, schon deshalb, weil solche Akten eigentlich nach 30 Jahren vernichtet werden. Als Hobby-Historiker inspizierte er den Inhalt genauer. Was er dort las, machte ihn stutzig. In den Monaten Juni, Juli und August 1945 nahmen Ärzte Tag für Tag Schwangerschaftsabbrüche vor. Georg Messenbrink steht in seinem Büro, er hievt ein dickes Buch auf den Tisch. Ein schwerer Schinken mit robustem Einband, auf dessen Buchrücken das Jahr 1945 verzeichnet ist. Messenbrink blättert vorsichtig in den vergilbten Seiten. In altdeutscher Schrift stehen dort fein säuberlich die Namen der Patientinnen. Dort, wo gewöhnlich Krankheiten und Verletzungen notiert wurden, steht "Interruptio" - der medizinische Fachbegriff für Abtreibung. Den ersten Schwangerschaftsabbruch vollzog der Arzt demnach am 25. Juni 1945. Danach wurden täglich vier- bis fünf Mal Frauen und junge Mädchen für einen solchen Eingriff in den Operationssaal geschoben. Sie waren zwischen 17 und 39 Jahre alt. Auch Manfred Kuhnke hörte von dem Fund in Senftenberg. Er schrieb an Messenbrink, denn er wollte wissen, ob der Name seiner Mutter in der Patientenakte vermerkt ist. Hatte auch sie abtreiben lassen? "Die Frage ließ mich nicht los, wir haben ja nie darüber gesprochen", sagt er. Über 80 Prozent aller Operationen in Senftenberg waren in den Tagen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Schwangerschaftsabbrüche. In einer Zeit, in der noch der Paragraf 218 galt, der den Ärzten diese Eingriffe eigentlich verbot. Die nüchtern verfassten OP-Berichte verschweigen, wie die betroffenen Frauen damit umgingen. Studie über ein Tabuthema Der Film Anonyma, der Ende Oktober in den Kinos anlief, basiert auf authentischen Tagebuchaufzeichnungen einer Frau in Berlin, die selbst mehrfach vergewaltigt wurde. "Wir hofften auf die enttabuisierende Wirkung des Films und starteten unsere Studie", sagt der Psychiater Philipp Kuwert vom Klinikum der Universität Greifswald. Es ist die erste Befragung von Opfern, die die Folgen sexualisierter Kriegsgewalt erforscht. Darin werden betroffene Frauen interviewt und die Befragungen ausgewertet. 35 Frauen meldeten sich bisher, die meisten stammen aus Berlin, etliche aus Brandenburg. "Viele von ihnen haben heute noch Therapiebedarf, denn Vergewaltigung gehört zu den am schwierigsten zu verarbeitenden Traumata", sagt Kuwert. Dass in der DDR über das Thema geschwiegen wurde, habe den Heilungsprozess zusätzlich erschwert. Philipp Kuwert glaubt, dass viele Frauen bis zu ihrem Tod nie über ihre Erlebnisse gesprochen haben oder sprechen werden. Auch Georg Messenbrink vom Klinikum Senftenberg befürchtet, dass viele der Vergewaltigungsopfer von damals ihre Erinnerungen mit ins Grab genommen haben. So wie die Mutter von Manfred Kuhnke. Messenbrink wird in Senftenberg weitere Akten auswerten, sie sollen Teil einer historischen Ausstellung über Senftenberg werden, die Kriegsverbrechen der Roten Armee sollen eine zentrale Rolle spielen. Manfred Kuhnke, der heute in Berlin lebt, hat aus Senftenberg inzwischen eine Antwort auf sein Schreiben erhalten: Der Name seiner Mutter ist nicht in der Akte vermerkt. ------------------------------ Aufarbeitung der Vergangenheit Studie: Psychologisch geschulte Doktorandinnen der Uni Greifswald führen Gespräche mit Vergewaltigungsopfern durch. Sie sichern Anonymität zu. Betroffene können sich unter 0176-87 25 43 06 oder per Mail bei kuwert@uni-greifswald.de melden. Dokumentation: Helke Sander und Barbara Johr interviewten Ärztinnen, Rotarmisten und Zeugen zu Vergewaltigungen nach dem Krieg. Ihr Buch "BeFreier und Befreite" (Fischer Verlag, 9 Euro) gibt es auch als gleichnamigen Dokumentarfilm. Anonyma: Das Buch soll besser sein als der Kinofilm. "Anonyma - eine Frau in Berlin" basiert auf authentischen Tagebuch-Aufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945 in Berlin. Es ist im Verlag btb erschienen und für 9 Euro erhältlich. ------------------------------ Foto: Georg Messenbrink mit der dicken Patientenakte aus dem Jahr 1945 ------------------------------ Foto: Ein Operationssaal des Klinikums in Senftenberg kurz nach Kriegsende.

Anzeige