Peter Scholl-Latour war Fallschirmjäger in Indochina, später berichtete er von den Kriegen und Konflikten dieser Welt - und tut es immer noch. Heute wird der Reporter 80 Jahre alt: Die Mutter aller Experten

Von 

BERLIN, im März. Es fehlt nicht mehr viel, dann hat er die Erdkugel durch. Auf dem Tisch in Peter Scholl-Latour s Charlottenburger Dachgeschosswohnung liegt ein Reiseführer über die Antarktis. Sandra Maischberger hat ihm den vor ein paar Tagen geschenkt. Vielleicht fährt er da in diesem Jahr hin. "Das ist gar nicht so dumm mit der Antarktis", sagt er. Im Königreich Bhutan und in Brunei war er auch noch nicht. "Das wäre aber nur zum Abhaken". Hinfahren möchte er trotzdem. Wahrscheinlich kann er gar nicht anders. Es ist das Leben von Peter Scholl-Latour. Am heutigen Dienstag wird er achtzig Jahre alt. Ein Gentleman des Wissens Als er zwölf ist, bringt ihn seine Mutter von Bochum nach Fribourg in der Schweiz ans Jesuiten-Kollege St. Michel. Seine Eltern, die Mutter aus dem Elsass, der Vater ein Saarländer, sind bekennende Katholiken, haben immer wieder Probleme mit den Nationalsozialisten. Im Schweizer Internat soll der Junge unbeschwert lernen. Tatsächlich wird es eine harte, bis heute prägende Schule, die ihn "stark gemacht hat", wie er sagt. "Ich war vorbereitet auf alles was danach kam". Der strenge Katholizismus half ihm später, den Islam zu verstehen; sein Spezialgebiet bis heute. Peter Scholl-Latour ist der Experte sämtlicher Fernseh-Talkrunden. Er konnte am 11. September 2001 sofort erklären, wer Osama bin Laden ist. Er hat das Scheitern der USA im Irak prognostiziert, weil er wusste, dass alle das Potenzial der mehrheitlich schiitischen islamischen Bevölkerung unterschätzen würden. Man könnte auch sagen, Scholl-Latour ist ein Gentleman des Wissens. Stets fein gekleidet, das Gesicht gebräunt, Seidenschal um den Hals, fällt ihm die Rolle des vielgereisten Großvaters der Nation zu. Chronist nennt er sich selbst gern. In dem promovierten Politologen sieht das Publikum, besonders das Jüngere, nicht den langweiligen Schreibtisch-Spezialisten, sondern den Frontreporter, der die Frauen liebt und guten Kognak zu genießen weiß. Sein Leben ist begleitet vom Krieg. Als 1945 in Europa der Zweite Weltkrieg zu Ende ist, meldet sich Scholl-Latour, der die deutsche und französische Staatsbürgerschaft besitzt, freiwillig bei der französischen Armee und wird mit der ersten Fallschirmspringer-Einheit nach Indochina geflogen. "Ich wollte das zerstörte Europa loswerden, etwas anderes sehen", sagt er. Er war abenteuerlustig. Die Freude eines jungen Mannes zeichnet sich in sein Gesicht, wenn er vom alten Saigon erzählt, die Straßen ohne Asphalt, die Frauen in den Bars zierlich. Er lernt den Krieg kennen, ohne den er sich das Menschengeschlecht nicht denken kann. Da schlägt die katholische Erziehung in ihm durch, "der Mensch ist nicht a priori gut. Das Böse existiert", sagt Scholl-Latour. Jahre später kehrt er als Fernsehreporter der ARD nach Vietnam zurück und berichtet vom Kampf des Vietkong gegen die amerikanischen Truppen. Zum ersten Mal polarisiert er. Zu antiamerikanisch seien seine Berichte, in denen er immer wieder den Erfolg der bis auf eine halbe Million GI s angewachsenen US-Armee bezweifelt. Doch Scholl, wie ihn Kollegen zu dieser Zeit nennen, schätzt die Kraft des Idealismus mit dem die Nordvietnamesen im Partisanenkrieg kämpfen richtig ein. 1975 ziehen sich die Amerikaner traumatisiert zurück. Der Reporter Scholl-Latour ist jetzt ein Star. Er schreibt sein Buch "Der Tod im Reisfeld" über die Kriege in Indochina. Bis heute folgen 24 weitere Bücher, alles Bestseller. Pünktlich zu seinem Geburtstag erscheint ein neues Buch. Es heißt "Weltmacht im Treibsand" und analysiert die Lage in Nahost und den Irak-Krieg. Scholl-Latour, der nach dem Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher 1983 für neun Monate Chefredakteur des "Stern" war, ist der meistverkaufte Sachbuchautor in Deutschland. Seine Themen fand er in den großen Weltkonflikten der letzten Jahrzehnte: Revolution im Iran, Palästina-Konflikt, die Golfkriege, der Balkan sowie Afrika, Russland und die Türkei. Seine Reportage und Essays sind meist aus der Ich-Perspektive geschrieben. Das Subjektive liegt ihm. Sein Wissen basiert auf dem Kontakt zu den Mächtigen. Als Ayatollah Khomeini am 1. Februar 1979 mit einer Sondermaschine der Air France aus dem Exil zurück nach Teheran fliegt, ist Scholl-Latour an Bord, filmt das künftige Staatsoberhaupt beim Morgengebet. Der enge Kontakt zu Khomeini hilft ihm auch heute noch, das Vertrauen muslimischer Führer zu erlangen. Dann zückt er seinen "Pass", wie er das Bild von ihm und Khomeini nennt. Eine einfache, aber offenbar wirksame Methode, über die sich seine Kritiker gern amüsieren. Sie werfen Scholl-Latour vor, das Bild eines rückständigen Islams zu vermitteln und den Dialog der Kulturen zu erschweren. Eine Gruppe Hamburger Islamwissenschaftler veröffentlichte 1993 ein Buch, in dem er angeklagt wird, Ängste und Ressentiments zu schüren. Scholl-Latour erinnert sich an die Zeit "in der es Mode war auf den Scholl draufzuhauen". Es muss ihn verletzt haben. Die Vorwürfe lässt er nicht an sich heran, er wittert "Neid beim Chor der Orientalisten". Ein sehr stiller Mensch Der 11. September und die darauf folgenden Geschehnisse ließen manche Kritiker verstummen. Vieles was Scholl-Latour, der sich einen Neo-Konservativen nennt, in seinen Büchern vorausgesagt hatte, ist eingetreten. "Ein wenig Genugtuung", möchte er sich da nicht verkneifen. Die vielen Fernsehauftritte im Katastrophenfall, die manchmal den Eindruck einer Dauerpräsenz vermitteln, empfindet er nicht als Zeichen seiner Eitelkeit. Er gibt gern Antwort, wenn er gefragt wird. Am Geburtstag will er das Telefon ausschalten und mit seiner Frau Essen gehen. Das ZDF strahlt ein Filmportät von Gero von Böhm aus und ehrt seinen Korrespondenten mit der "langen Peter Scholl-Latour-Nacht". Am Donnerstag wird sein Verlag ihm ein Festessen im Hotel Adlon ausrichten. Er mag Empfänge nicht besonders. "Wenn ich nicht interviewt werde, bin ich eigentlich ein sehr stiller Mensch". Foto: Peter Scholl-Latour am Ufer der Halong-Bucht in Vietnam

Anzeige