02.07.1997

Ralf Regitz macht die Agentur planetcom, und planetcom macht den großen Raver-Aufmarsch: Ein Mister Love Parade spricht nicht über Geld

Von Judka Strittmatter

Er hat "die Dinge" auf sich zukommen lassen ­ schon immer, sagt er. 1983 ist er "einfach so" in Berlin geblieben, als er das erste Mal vom Bodensee-Städtchen Markdorf in die Inselstadt fuhr, hat irgendwann "bei ein paar Anti-Nachrüstungs-Demos mitgemacht" und ist später "irgendwie ins Nachtleben reingerutscht". Und heute sei er eben einer der "Macher" der Love Parade. Wenn am 12. Juli eine Million Raver wie Marionetten durch Berlin tanzen, dann hat der 33jährige Ralf Regitz im Hintergrund die Fäden gezogen. "Ich habe Begabung für kreative Konzepte", sagt der Schwabe in seinem Kreuzberger 400-Quadratmeter-Büro, einem Loft, das über zwei Etagen geht und an dessen riesige Fensterfront die Spree schwappt. Der Ex-Architektur-Student Regitz gilt als "Mister Love Parade", als eine Art Primus inter pares unter den vier Geschäftsführern der Werbe- und Veranstaltungs GmbH planetcom ­ der Schaltzentrale der größten Berliner Massenveranstaltung. Ein planetcom-Schild fehlt auf der Firmentafel im Gewerbehof an der Schlesischen Straße 27. "Wir müssen die Leute doch nicht auf uns aufmerksam machen", erlärt der Chef doppelsinnig. Eigentlich, so Regitz, sei planetcom "eine kleine Szene-Firma". Eine, die von sich sagt: "Von Anfang an sind wir die treibende Kraft hinter den Kulissen des techno movements". So steht es im "fact sheet", dem Firmen-Selbstporträt. Das "Leistungsspektrum" der 14köpfigen Agentur liest sich wie der Stundenplan eines Turbo-Kreativ-Teams: "Konzeption, Consult, Internet Realisation, Online-Shopping". planetcom managt die Love Parade, planetcom betreibt den Techno-Tempel E-Werk, planetcom baut einen Info-Terminal für die Marketing-Agentur "Partner für Berlin" und planetcom macht die PR für das lesbisch-schwule Stadtfest. Und, und, und. Liebe im Herzen Knapp drei Millionen Mark Umsatz kämen so im Jahr zusammen. Sagt Regitz. 20 Prozent sei Love-Parade-Anteil. Über Gewinne sagt er nichts. Grundsätzlich nicht. "Die Chance, daß darüber die Wahrheit rauskommt, ist 0,5 Prozent", bemerkt er mit abweisender Handbewegung. Dem Geschäftsmann im schmalen Designer-Anzug ist es zuviel, ständig "über die leidige Kohle reden zu sollen". Darüber, daß die "Big Five", die fünf Gesellschafter der Love Parade GmbH, "angeblich die großen Abzocker seien". Sie organisierten eine Demo, eine politische Versammlung also, "und politisch ist man heute doch schon, wenn man einfach positiv ist". Das mag ein "abstrakter politischer Ansatz" sein, sagt Regitz. Und: "Eine Demo ist, wenn Leute mit Liebe im Herzen auf die Straße gehen." Bisher hat das noch immer gereicht, damit Berlin seinen Antrag auf Versammlung unterschreibt. Was der Techno-Trip der Millionen über die Straße des 17. Juni kostet ­ darüber machen Manager Regitz, DJ Dr. Motte alias Matthias Roeingh, Rechtsanwalt Andreas Scheuermann sowie Plattenverleger William Röttger und Lebensgefährtin Sandra Molzahn keine Angaben. "Der technische und personelle Aufwand muß ja irgendwie bezahlt werden", sagt Love-Parade-Sprecher Peter Lützenkirchen. Die halbe Million, die immer durch die Presse geistern würde, sei auf alle Fälle "viel zu niedrig". Aber auch er will verbal nichts drauflegen, "weil das Rückschlüsse auf die Zahlung der Sponsoren zuläßt. Da ist die GmbH eben sehr vorsichtig." Vorwürfe, Mißgunst Für das Kostenpaket Love Parade, für Telefongespräche, Info-Trips quer durch Europa und Sicherheitstechnik müsse die GmbH "anschaffen gehen", sagt Ralf Regitz. Die Sponsoren-Akquise sei wie "neue Freunde finden". Die Freunde in diesem Jahr sind der Zigaretten-Multi Camel und die ARD-Soap "Marienhof". Die Fernsehanstalt hat für Dreh-Erlaubnis auf der Parade und eine VIP-Lounge "ungefähr 250 000 Mark" bezahlt, verrät ARD-Marketingleiter Dietmar Pretzsch. Regitz erklärt die Sache so: "Die Love Parade ist nicht teuer und bringt auch nicht viel Geld ­ sie strahlt nur so." Und dieses Strahlen, das ginge nun mal um die ganze Welt und würde in die "kommerzielle Seele" aller Beteiligten scheinen. Deshalb der Neid, die Vorwürfe, die Mißgunst. Von Ravern, Bezirksbürgermeistern, Techno-Hassern. Sollten doch alle froh sein, daß es jemanden gibt, der den Techno-Umzug "auf Top-Level-Niveau organisiert". Sein letztes Wort zu diesem Thema: "Mit einer Demo wird man kein Millionär." Das sehen nicht alle so: Die Sponsoren-Akquise, die laut Organisatoren dem Staat die Subventionspflicht für die Demo abnimmt, sei an "Heuchelei kaum zu überbieten", schreiben die Anwälte des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschlands (BUND), der den Aufmarsch der Techno-Jünger aus dem Tiergarten verbannen will. In ihrer Beschwerde vor dem Berliner Oberverwaltungsgericht, über die in dieser Woche in zweiter Instanz entschieden wird, verwerten die Anwälte Informationen von "einem aus dem inneren Kreis der Veranstalter". Der Name des Informanten liegt den Umweltschützern angeblich vor, nennen wollen sie ihn nicht. BUND-Anwalt Christian von Hammerstein: "Er kennt die Verträge und hat somit gegen alle Vorschriften verstoßen." Der Info-Lieferant nennt die angeblich richtigen Summen. 2,1 Millionen Mark allein würden die Veranstalter damit kassieren, daß sie gemietetes Straßenland an einen Getränke-Unternehmer weitervermieten, weitere 800 000 mit Platten und CDs verdienen. "Krönung der Scheinheiligkeit": das "unzulängliche" WC-Konzept der Veranstalter. Regitz & Co propagieren in ihrer Firmenphilosophie "die Integration der Umwelt als Techno-Prinzip", wollen aber nur 76 Toiletten-Container aufstellen. Die gegnerische Seite fürchtet ein fäkalisches Desaster: "Geht man von ca. 1 Million Teilnehmern aus, so kommen auf jede Toilette 13 157 Raver." Goldelse und das Tor Auch die Tiergarten-Route sei den Machern nur deshalb wichtig, weil sich "die Zahlungsbereitschaft der Sponsoren erhöht", wenn Goldelse oder Brandenburger Tor über die Mattscheibe des Bundesbürgers flimmern. Die Love-Parade-Crew hatte zu Beginn der BUND-Klage proklamiert: "Wer die Parade von der sichersten Route verlegen will, sollte sich bewußt sein, damit Menschenleben zu riskieren." Bei planetcom rechnet man fest damit, daß von der Berufung des BUND "keine Gefahr mehr ausgeht". Ulrich Anschütz, Sendeleiter Fernsehen beim SFB, sammelt die Stimmen vieler Mißtrauischer, wenn er sagt: "Auf der einen Seite wollen sie eine politische Demo sein, auf der anderen vermarkten sie die Love Parade nach allen Regeln der Kunst. Da paßt was nicht zusammen." Der Sender, der am 12. Juli 265 Minuten übertragen wird, sieht gerade die Vertragsverhandlungen über ein Love-Parade-Video scheitern. Anschütz: "Die wollen zuviel Geld." Noch 10 Tage bis zum Tag X ­ auf ihrer Internet-Seite zählen die Love-Parade-Macher die Sekunden bis zum "Aufbruch in eine optimistische Zukunft". Am 12. Juli wird die neunte Love Parade losmarschieren, es wird die vierte sein, die planetcom organisiert hat. Bis dahin steht in der Schaltzentrale noch einiges auf dem Zettel: die leidige Klo-Diskussion müssen sie vom Tisch kriegen, Freunde auf wichtige Listen setzen und so weiter. Wenn alles vorbei ist, wollen sie sich auch "endlich wieder um den Verein kümmern", den "Verein zur Förderung der Love Parade", der idealistische Raver gegen Zahlung einer Spende zu "Love-Botschaftern" adelte. Schließlich sollte dieser Verein Gemeinnützigkeit signalisieren, alle kommerziellen Bedenken der Außenwelt im Keim ersticken, die Love Parade als Teil der Techno-Szene und des Techno-Undergrounds schützen. Im Moment weiß das Veranstalter-Team nicht mal die genaue Mitgliederzahl. "Wir haben den Verein nicht gepflegt", gesteht Lützenkirchen. "Naturgemäß kümmern wir uns in erster Linie um die Love Parade." Einer fehlt Ralf Regitz wird vor dem 12. Juli dienstlich noch nach Malta jetten, planetcom organisiert dort einen neuen Club. Am Tag X, wenn die Millionen-Raver-Gemeinde über die Straße des 17. Juni tanzt, dann wird er selbst "irgendwie durch die Gegend tapern". Oder mit einem gemieteten Hubschrauber drüberfliegen. Er wird die Dinge auf sich zukommen lassen. Sein ehemaliger Geschäftspartner und Ex-"Big Five" Jürgen Laarmann ­ der "Tycoon der Technoszene", wie eine Hamburger Wochenzeitschrift formulierte ­ wird vermutlich nicht in Berlin sein. Kein Mensch weiß, wo er momentan steckt. Dabei war er neben Regitz der größte Love-Parade-Macher, bis er im April dieses Jahres mit seiner Firma Technomedia, dem Verlag seines Szene-Blatts "Frontpage", Konkurs anmelden mußte. Jetzt gehen die Gerüchte, Laarmann habe sich erst mal nach Amsterdam abgesetzt, weil er in Deutschland noch Rechnungen offenhaben soll. "Wir haben keine geschäftliche Beziehung mehr, und wir wissen auch nicht, wo er jetzt wohnt", sagt Parade-Sprecher Peter Lützenkirchen. Immerhin können Laarmann-Fans noch auf das Internet zurückgreifen. Da hat der glücklose Geschäftemacher seine Techno-Thesen publiziert: "Der Rest von Glamour verschwindet spätestens, wenn es ans Aufräumen geht. Und zuletzt, wenn es darum geht, wie der Gewinn aufgeteilt werden soll."

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