02.09.2002

Roberto Bolaños "wilde Detektive" sind Dichter auf der Suche nach sich selbst: Unterwegs auf dem Erdball und darüber hinaus

Von Gregor Ziolkowski

Es gibt derzeit wohl keinen Autor, der sich derart radikal in die Literatur als Gegenstand seiner Prosa versenken würde, wie das der Chilene Roberto Bolaño tut. Wenn es denn überhaupt lohnte, von irgendetwas ein Aufhebens zu machen, dann wäre es in jedem Fall das gedruckte Wort, so lautet seine feste Überzeugung - eine Haltung, die bei einem nichts als belesenen Literaturhistoriker nicht weiter überraschen würde. Aber das ist es ja eben: Bolaño schreibt Romane, die auch noch zum Besten gehören, was im Moment zu haben ist. Der Trick dabei ist so simpel, dass man nur noch von einem Geniestreich reden kann. Bolaño erfindet sich die Literatur, auf deren Spuren er seine Figuren schickt. So hat er "Die Naziliteratur in Amerika" - Titel eines früheren Romans - erfunden, und so auch jagen "Die wilden Detektive" einer mexikanischen Poeten-Gruppierung nach, die es allein in Bolaños imaginärem Literaturmuseum zu finden gibt. Was der "viszerale Realismus" der mittsiebziger Jahre in Mexiko-Stadt also genau war, ist nur wenig umrissen - nihilistisch, umstürzlerisch und absolut, das ja, aber auf welche Gruppierung junger Avantgardedichter würde das nicht zutreffen? Und ein Werk der Realviszeralisten versagt der Autor seinem Publikum auch - stattdessen lesen wir den in solchen Zusammenhängen schon unverschämten Satz: "Und dann vernahm ich seine Stimme, die das beste Gedicht vortrug, das ich jemals gehört hatte." Der das so verzückt notiert, ist der siebzehnjährige Jura-Student Juan García Madero, Dichter aus Berufung und gerade aufgenommen in den erlauchten Autorenkreis. Seinem Tagebuch - aus ihm besteht der erste und der dritte Teil des Romans - vertraut er nicht nur den Stolz an, in den Zirkel aufgenommen worden zu sein, sondern auch die Ahnungslosigkeit darüber, warum das eigentlich geschah und was es mit dem Realviszeralismus auf sich habe. Die beiden Köpfe der Gruppe, Ulises Lima und der Chilene Arturo Belano, Mittzwanziger, legen das alles ganz willkürlich fest, ebenso wie später die Hinauswürfe, die Arturo Belaño wie einst André Breton mit herrischer Geste exekutiert. Maderos Tagebuch ist um literarische Definitionen wenig bekümmert. Denn in Bolaños durchtriebenem Spiel ist die Literatur zwar Anlass allen Erzählens, aber keinesfalls dessen alleiniges Thema. Die Polster der Literaturtheorie, die ein Dichter braucht, werden verdrängt von den Kissen in den Gemächern der Mädchen, die zur Gruppe und deren Umfeld gehören. Immer ist die Dichtung mit im Spiel, aber immer ist sie auch der Wegweiser ins pralle Leben der Boheme. Maderos dichterische Erweckung vollzieht sich ähnlich stürmisch wie die sexuelle. Der literarische Rand mischt sich mit dem sozialen, und die glaubhafte Naivität des Siebzehnjährigen protokolliert die riskanten Begegnungen der Lyrik mit der Zuhälterei, mit den Drogen und den Auswüchsen eines beginnenden Wahnsinns. Die daraus entstehenden Turbulenzen sind beträchtlich und zwingen Madero, Belaño und Lima gemeinsam mit der Prostituierten Lupe zur hastigen Flucht vor Lupes Zuhälter in den Norden Mexikos. Das Kernstück des Romans ist sein zweiter Teil, er enthält die eigentliche Detektivgeschichte, die sich zwischen 1976 und 1996 entfaltet. In ihr wird eine Vielzahl von Zeugen zitiert, in deren Aussagen die Spuren von Ulises Lima, Arturo Belaño und anderer Gruppenmitglieder verfolgt werden. Das Detektivische doppelt sich, denn zunächst kommen Personen zu Wort, die ihrerseits von beiden Dichtern aufgesucht worden sind, um etwas über eine seit Jahrzehnten verschollene, kaum bekannte Dichterin herauszufinden, die sich beide als die Urmutter des Realviszeralismus ausgesucht haben. Ohne Klärung, ob die Suche erfolgreich war, geht die Rekonstruktion der Lebenslinien von Lima und Belaño über die Jahre hin weiter. Die einzelnen Zeugen-Monologe verdichten sich zu einem Geflecht von Episoden, die mal den einen, mal den anderen Dichter auf ihren getrennten Lebenswegen zum Gegenstand haben. Bolaño ist ein exzessiver Erzähler, der die halbe Welt erzählt: vom mexikanischen Literaturbetrieb (wenn es um die Herausgabe einer Zeitschrift geht) über das Exil als Daseinsform (beide leben zeitweilig in Spanien), Bürgerkriege in Afrika (wo Belaño als Journalist auftaucht), bis zu den Spielarten der Liebe. Die Schauplätze liegen weit verstreut - USA, mehrere lateinamerikanische Länder, Israel, Spanien, Frankreich, Angola -, und die Spuren der Dichter sind von unterschiedlicher Frische und Deutlichkeit, ehe sie sich ganz verlieren. Aber noch aus dem kleinsten Körnchen Anwesenheit entwickelt Bolaño eine dichte, oft abenteuerliche Geschichte, und sei es die Geschichte des jeweils Monologisierenden. Es ist, als sei es um genau diesen Beweis gegangen: dass sich noch aus der marginalsten Dichtergruppierung ein spannender Roman entwickeln lässt, der das ganze Universum erzählt. Im dritten Romanteil wird García Maderos Tagebuch aus der Mitte der 70er-Jahre fortgesetzt. Die Fluchtgeschichte ist zugleich eine des Suchens, denn sie spiegelt die Bemühungen von Lima und Belaño, die verschollene Dichterin in einem Dorf im Norden Mexikos aufzuspüren, deren Beginn bereits im zweiten Teil geschildert wurde. Die Dichterin wird gefunden, aber die Begegnung bringt ihr auch den Tod. Es ist García Madero, der in ihrem Haus bleiben und ein vergessener Realviszeralist werden wird. Und irgendwann, das scheint sicher, wird sich ein avantgardistischer junger Lyriker auf die Spuren des verschollenen Dichters García Madero machen, denn die Literatur ist wie die Welt: sie hat nicht Anfang und nicht Ende, sondern immer nur abenteuerliche Fortsetzungen, die von wilden Detektiven wie Roberto Bolaño beschrieben werden. Foto: AKG Hier heißt es: Überblick bewahren! Eine Geschichte jagt die andere, und aus jedem Detail entsteht ein Universum. Roberto Bolaño: Die wilden Detektive. Roman. Aus dem Spanischen von Heinrich von Berenberg. Hanser, München 2002. 680 S. , 29,90 Euro.

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