25.10.2006

Runterschalten

Von Holm Friebe, Kathrin Passig

Downshifting" heißt das Zauberwort aus den USA und vor allem Großbritannien, das schon eine Weile herumgeistert, aber gerade eine neue Konjunktur erfährt. Es heißt so viel wie: einen oder mehrere Gänge runter zu schalten und das "Rattenrennen" des hochgepitchten Angestelltendaseins zu verlassen. Es handelt davon, die Lebensbereiche Karriere und Konsum synchron herunterzupegeln - sowohl die Produktionssphäre, wo jede nichtige Abstimmung als Frage von Leben und Tod erscheint, als auch die Reproduktionssphäre, wo kompensatorischer Konsum für die Zumutungen der Vollzeitarbeit entschädigen soll. Es geht um Aussteigen und Ausspannen statt Mitmachen und Einverstandensein: "Ende des Rattenrennens: Das Phänomen ,Downshifting' elektrisiert das Milieu der einstigen Karrieristen", war erst kürzlich auf einer ganzen Seite in der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Anhand dreier Beispiele ehemals erfolgreicher Manager, die jetzt etwas ganz anderes machen, wird belegt, dass Downshifting auch Deutschland erreicht hat. Auf der Insel ist das Phänomen längst eine mentale Massenbewegung. Schon 2003 konnte der "Guardian" vermelden, dass vier von zehn jungen Briten mit dem Gedanken spielen, ihren stressigen Job an den Nagel zu hängen. Erfolgsbücher wie Tom Hodgkinsons "Anleitung zum Müßiggang" von 2004 dürften zusätzliches Öl ins Feuer gegossen haben, indem sie ein paar simple Wahrheiten wie diese transportieren: "Trotz aller Versprechungen der modernen Gesellschaft, dem Menschen Freizeit, Freiheit und Selbstbestimmung zu schenken, sind die meisten von uns nach wie vor Sklaven eines Stundenplans, den wir uns nicht ausgesucht haben." Downshifting hat viele geistige Väter und spirituelle Mütter: vom politisch motivierten Spontitum über die Öko-Bewegung bis zu den alten und neu-esoterischen Religionen. Für die einen geht es darum, den Kapitalismus zu unterwandern und dabei egotaktisch die subjektive Zufriedenheit zu erhöhen, für die anderen darum, nicht mehr auf so großem Fuß zu leben und "einen kleineren Fußabdruck auf der Erdoberfläche zu hinterlassen", wie es auf einer britischen Öko-Website zum Thema heißt. Das modernistisch-christliche Lager benutzt den Begriff als Türöffner, um überhaupt mal wieder mit seinen Botschaften an der lebenspraktischen Angestelltenwirklichkeit andocken zu können. Deutsche Galionsfigur in diesem Zusammenhang ist der Ex-Pfarrer Werner "Tiki" Küstenmacher, der mit seinen "Simplify"-Ratgebern seit Jahren die Bestsellerlisten dominiert. Damit könnte das Label als gemeinsamer Nenner funktionieren und als Sammelbecken so etwas wie eine säkulare Religion des "Weniger ist mehr" stiften, das praktisch alle Religionen propagieren - mit Ausnahme des Daoismus vielleicht und der melanesischen Cargokulte, die auf das Gegenteil abzielen. Tatsächlich ähneln sich die in den Medien kolportierten Erweckungsgeschichten der Downshifter allesamt und handeln - herkömmlichen Epiphanien nicht unähnlich - zumeist davon, wie der oder die erfolgreiche Karrierist/Karrieristin in einem Businessmmeeting schlagartig von der Erkenntnis übermannt wird, dass das alles keinen rechten Sinn hat, woraufhin der Schritt ins bescheidene, aber bedeutsame Leben vorbereitet wird. Danach folgen einige von ihnen den durch die Hippies ausgetretenen Aussteigerpfaden (Bauernhof mit Streuobstwiese, Schafe züchten in Neuseeland). Beliebter ist aber neuerdings die Variante "Social Entrepreneur". Das heißt, sie werden zu Sozialunternehmern, die ihren Geschäftssinn und ihre akkumulierten Wirtschaftserfahrung in den Dienst einer guten Sache und damit der Menschheit stellen (Umweltorganisationen, Non-Governmental Organizations, Obdachlosenhilfe). Weil man die Logik des Rattenrennens so einfach aber dann doch nicht ablegen kann, heißt das in vielen Fällen das aber leider auch: Sie werden zu Charity-Selbstdarstellern, die ihr Marketingwissen dafür einsetzen, sich als größte Wohltäter der Menschheit in Szene zu setzen - und damit auf einem neuen Spielfeld abermals stressig konkurrieren. Von Holm Friebe ist angrenzend zum Thema soeben das Buch "Wir nennen es Arbeit - Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung" erschienen. (zusammen mit Sascha Lobo, Heyne, 303 S. 17, Euro.

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