Sonderthemen: Weihnachtsmärkte in Berlin | Flüchtlinge in Berlin

Schwermütig

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Gulag, Gold, Gewalt, ORB. Jedes Detail dieser Reportage über "Rußlands wilden Osten" wäre eigentlich eine Geschichte für sich gewesen. Der 1 9üjährige Komponist schwermütiger Lieder, der wegen Homosexualität im Gulag saß. Der Kleinkriminelle, der von der Miliz durchs Odland der ostrussischen Provinz Magadan gejagt wird. Im Gefängnis sitzen die Häftlinge vor dem Fernseher. Die Rilder bewegen sich, aber die Zeit ist stehengeblieben. "Es ist eine Lüge", sagt einer von ihnen, "daß alle Dissidenten vor zwei Jahren freigelassen wurden." Ein Mann zeigt ein paar Krümel: In Magadan gibt es eine Goldmine. Dieses Ineinander von Gulag-Vergangenheit und Goldgräber-Gegenwart versuchte der Bericht von Anna Sadovikova und Christian Gramstadt nicht aufzulösen. Verbunden waren die Personen nur durch die Geographie. Magadan ist großer als Westeuropa. Unfreiwillig entsprechen Landschaften und Aussagen dem Klischee von Rußland: rückwärtsgewandt, schwermütig und trotz Gold absolut perspektivlos. Die Reporter beschränkten sich auf die Chronistenrolle. Wenige Schnitte, kaum technischer Schnickschnack und als Musik nur das Magadan-Lied des alten Dissidenten -- weniger war in diesem Fall mehr. Gleich hinterher schob der ORB einen ebenfalls sehr aufschlußreichen Film über den Schmuggel sowjetischer Literatur ins westliche Ausland. Warum aber wurden zwei so informative Rußland-Reportagen an einem Abend verheizt?

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