Schon der Name trügt: Sonnenallee - das klingt poetisch, heiter, friedlich. Das hört sich an nach einem Boulevard unter Bäumen, nach einer lichtdurchfluteten Straße, nach einer Oase in der Großstadtwüste. Dabei ist die Sonnenallee eher das Gegenteil. Rod Stewart, Michael Jackson, Boris Becker hat das nicht abgeschreckt: Sie kamen in den vergangenen Jahren trotzdem hierher ins Estrel, dem mit mehr als 1 100 Zimmern und Suiten größten Hotel Deutschlands. In dem dreieckigen Palast aus blauem Glas wird in den Jahren 1999 bis 2002 der Medienpreis Bambi verliehen. Weltstars gehören zum Estrel - nicht nur am Bambi-Abend. Joe Cocker röhrt dort beinahe täglich "Unchain my heart", ebenso oft zappelt Michael Jackson zum "Thriller"-Song über die Bühne, und Frank Sinatra preist mit großer Geste sein New York. "Stars in Concert" heißt diese stets gut besuchte Show. Doch diese Stars von der Sonnenallee sind nicht echt. Es sind Doppelgänger - und vielleicht passt diese Show auch deshalb so gut in diese Straße, an der so vieles nicht stimmig ist. Den Widerspruch zwischen Straßenname und Wirklichkeit zu erklären, das versucht eine Legende: Demnach soll das Arbeitsamt für den Straßennamen verantwortlich sein. Denn für die brotlosen Arbeiter soll im übertragenen Sinne die Sonne aufgegangen sein, als sie in der Zeit der Weltwirtschaftskrise in dieser Behörde ihr Arbeitslosengeld abholten. "Sonne" hätte die Behörde deshalb im Volksmund geheißen. Später sei dieser Spitzname auf die ganze Straße übergegangen. Die Legende hat nur ein Manko: Sie stimmt nicht, wie so vieles an dieser Straße. Das Arbeitsamt gab es von 1932 an, doch schon 1920 hieß ein Teil der Straße Sonnenallee. Das Arbeitsamtsgebäude, Deutschlands ältestes, verlottert heute hinter Absperrgittern. Dabei ist es eines der wenigen Baudenkmale der fast 450 Hausnummern zählenden Magistrale. Die Behörde hat sich nebenan einen schicken Neubau geleistet. Nicht ohne Grund wurde das Arbeitsamt in den 30er-Jahren dort gebaut: Arbeitslosigkeit und Armut gehören zu dieser Gegend, zu dieser Straße, seit es sie gibt. Auf der Suche nach Jobs drängte die Bevölkerung der umliegenden Dörfer vor gut hundert Jahren nach Rixdorf, der Keimzelle Neuköllns. Um die damalige Jahrhundertwende stieg die Zahl der Einwohner explosionsartig an. Die Menschen brauchten Wohnungen. Deshalb wurde auf den sumpfigen Wiesen östlich des heutigen Hermannplatzes eine Straße angelegt, an der binnen kurzem viele Wohnhäuser entstanden. Eine Mittelpromenade mit Bänken und Beeten lud zum Flanieren ein. Der Boulevard hieß zunächst Kaiser-Friedrich-Straße. In der Nazizeit wurde die Straße nach Hitlers Geburtsort in Braunauer Straße umbenannt. 1947 wurde sie wieder umgetauft - in Sonnenallee. "Ich habe diese Straße einmal geliebt. Aber das ist vorbei", sagt Siegfried Hermann. Dabei müsste er zumindest öffentlich "seine" Straße loben. Schließlich ist er Lobbyist - als Chef der Arbeitsgemeinschaft Sonnenallee. 1982 haben Einzelhändler diesen Verein gegründet. Weil der Bezirk die Mittelpromenade neuen Fahrbahnen opfern wollte. Der Kampf der Kaufleute war aber so gut wie erfolglos. Heute fahren 17 000 Autos pro Tag durch die Straße. Kaum jemand will hierher, fast alle wollen nur durchfahren - zum Hermannplatz oder umgekehrt nach Treptow-Köpenick. "Kaufmännisch gesehen, müsste man hier schnellstens wegziehen", sagt Hermann, der an der Straße seit 40 Jahren ein Polster-Geschäft betreibt. Aber die wenigen Jahre bis zum Ruhestand will er noch ausharren. Wer heute noch an der Sonnenallee wohne, sei arm und könne sich nur noch leisten, in Discountmärkten einzukaufen. Wer auch nur ein bisschen Geld habe, ziehe weg, sagt Hermann. In die frei gewordenen Wohnungen zögen meist Ausländer, die dann nur in Läden ihrer Landsleute kauften. Viele Deutsche hätten ihre Geschäfte aufgegeben. "Als wir im Dunkeln die Sonnenallee entlangkamen, sah es zunächst so aus wie bei uns, gar nicht nach Westen", sagt Dieter Brunner. Er erinnert sich an die Nacht des 9. November 1989, in der kurz die Grenzübergangsstelle Sonnenallee geöffnet wurde. Der 63-Jährige trinkt an diesem Vormittag ein Bier im Sonnenstübchen. In dem Lokal erinnert nichts mehr daran, dass es früher die Wechselstube für Grenzgänger war. Mit Ausnahme der Baracke des Sonnenstübchens ist nichts mehr übrig geblieben vom Grenzübergang, der die Sonnenallee jahrzehntelang in einen ganz kurzen Ost- und einen sehr langen Westteil trennte. "Das kürzere Ende der Sonnenallee" hat Autor Thomas Brussig mit seinem gleichnamigen Roman, der auch verfilmt wurde, bundesweit bekannt gemacht. Doch den Spielplatz, auf dem Micha und seine Freunde in der DDR verbotene Musik hörten, sucht man vergebens. "Was der Film zeigt, gab s hier so gar nicht", sagt der Wirt des Sonnenstübchens. Und so lustig sei das Leben nahe der Grenzübergangsstelle auch nicht gewesen. Der Bezirk Neukölln führt die Sonnenallee als eine von drei Einkaufsstraßen. Aber längst gibt es mehr Gastronomie als Einzelhandel - Chinarestaurants mit Kegelbahn, oder Imbissbuden mit klangvollen Namen wie "Kebab-Hütte". Aber selbst die Döner, die es an den vielleicht drei Dutzend Imbissbuden gibt, halten mitunter nicht, was sie versprechen: Es ist manchmal mehr Hackfleisch darin als erlaubt, er- gab eine Überprüfung des Bezirksamtes. Die Imbisse kämpfen ums Überleben - mit Dumpingpreisen. Auch "Berlins billigstes Gasthaus" steht in der Sonnenallee, das Ambrosius. So heimelig wie die Werbeaufschrift "gemütliche Ecke" verkündet, ist das Lokal nicht. Der Gastraum ist mit Kücheneckbankgruppen möbliert. Aber es ist billig: Spagetti mit Hackfleisch-Soße kosten 2,80 Euro, Schweinebraten mit Kartoffeln und Rotkohl 4,90 Euro. "In so einer Gegend muss man sich mit den Preisen nach den Leuten richten", sagt Wirt Walter Schlüter. Dienstagnachmittag ist sein Ecklokal richtig voll: zum Tanztee für Senioren. Drei Dutzend Rentnerinnen ziehen dafür allwöchentlich ihre besten Kleider an und kramen ihre schönsten Ohrringe aus dem Schmuckkästchen. Weil es an Männern fehlt, tanzen die Omas miteinander - mehr oder weniger beschwingt, aber sichtbar erfreut. Gastwirt Schlüter findet kein Vergnügen mehr an der Straße. "Die Gegend hier ist kriminell hoch drei", sagt er. Erst kürzlich sei 50 Meter entfernt ein Doppelmord auf offener Straße passiert. Ihm selbst sei schon mehrfach das Portmonee gestohlen und das Auto demoliert worden. "Angst darf man hier nicht haben, oder zumindest nicht zeigen", sagt der Wirt. Die Polizei hält solche Schilderungen für übertrieben. Die Gefahr, bestohlen, beraubt oder verprügelt zu werden, sei in der Sonnenallee nicht größer als in anderen Gegenden Neuköllns, sagt Stefan Karol, stellvertretender Leiter der Polizeistation an der Sonnenallee. Allerdings sei in dem traditionellen Arbeiterviertel die Kriminalität seit jeher höher ist als andernorts. Und derzeit befinde sich der gesamte Bezirk "im freien Fall", meint der Polizist. Angesichts der Verelendung fühlten sich viele Anwohner verunsichert. Weshalb sie die schon immer vorhandene Krimininalität nun viel stärker wahrnähmen. Auch Andrea Wangerczyn hält die Gegend für einen "fiesen Kiez". Trotzdem lebt sie ganz gut dort. Die 29-Jährige betreibt an der Ecke Friedelstraße einen Telefonladen, von dessen Kabinen man billig ins Ausland telefonieren kann. Inzwischen gibt es im Umkreis mehr als ein Dutzend solcher Läden. Andrea Wangerczyns Geschäft floriert dennoch - 500 Telefonate pro Tag gehen von hier in alle Welt, zumeist in den Libanon und die Türkei. "Die vielen Ausländer", sagt sie, "machen diese Gegend für mich lukrativ." Die Texte dieser Serie sind unter dem Titel "Berliner Straßen neu entdeckt - 33 Streifzüge durch die Hauptstadt" im Jaron Verlag als Buch erschienen. Es ist für zehn Euro im Buchhandel und im Kundencenter der Berliner Zeitung am Alexanderplatz erhältlich. Lange Straße mit vielen Namen // Die Sonnenallee ist knapp fünf Kilometer lang. Sie beginnt am Hermannplatz und endet an der Baumschulenstraße. Der weitaus größte Teil der Straße führt durch Neukölln, im Bezirk Treptow-Köpenick verlaufen nur etwa 300 Meter. An der Straße gab es von 1961 bis zum Mauerfall eine Grenzübergangsstelle. Angelegt wurde die Straße auf den Wiesen und Äckern Rixdorfs um 1880. Sie hieß zunächst Kaiser-Friedrich-Straße, ab 1920 teilweise Sonnenallee, ab 1938 nach Hitlers Geburtsort Braunauer Straße, 1947 wurde sie wieder in Sonnenallee umbenannt. Erreichbar ist die Sonnenallee mit der U 8 (Hermannplatz), mit der S-Bahn 41 und 42 (Sonnenallee) und mit der S-Bahn 45 (Köllnische Heide). BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Eine Kneipe in der Sonnenallee wirbt mit Dartspielen. Die Wirte richten ihr Angebot auf sozial schwache Kunden aus. BLZ/RITA BÖTTCHER

In unserer Verkehrsvorschau informieren wir Sie täglich über Staus, Sperrungen und Nahverkehrsstörungen in der Hauptstadt - bereits am Vortag, so dass Sie ihren Weg optimal planen können. mehr...

| Mannschaft | Tore | Punkte | |||
| 1 | Borussia Dortmund | 80:25 | 81 | ||
| 2 | Bayern München | 77:22 | 73 | ||
| 3 | FC Schalke 04 | 74:44 | 64 | ||
| 4 | B. Mönchengladbach | 49:24 | 60 | ||
| 5 | Bayer Leverkusen | 52:44 | 54 | ||
| 6 | VfB Stuttgart | 63:46 | 53 | ||
| 7 | Hannover 96 | 41:45 | 48 | ||
| 8 | VfL Wolfsburg | 47:60 | 44 | ||
| 9 | Werder Bremen | 49:58 | 42 | ||
| 10 | 1. FC Nürnberg | 38:49 | 42 | ||
| 11 | 1899 Hoffenheim | 41:47 | 41 | ||
| 12 | SC Freiburg | 45:61 | 40 | ||
| 13 | 1. FSV Mainz 05 | 47:51 | 39 | ||
| 14 | FC Augsburg | 36:49 | 38 | ||
| 15 | Hamburger SV | 35:57 | 36 | ||
| 16 | Hertha BSC Berlin | 38:64 | 31 | ||
| 17 | 1. FC Köln | 39:75 | 30 | ||
| 18 | 1. FC Kaiserslautern | 24:54 | 23 | ||