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Thomas Kunze über das Leben Nicolae Ceausescus: Der Honig der Welt und der Apparat

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Nicolae Ceausescu kam am 26. Januar 1918 in Scornicesti zur Welt, als drittes von zehn Kindern einer armen Bauernfamilie. Den knapp 11 Jahre alten Jungen schickten die Eltern nach Bukarest. Sie konnten ihn einfach nicht länger ernähren. So begann der nervöse, eher schwächliche und aufbrausende Stotterer eine Lehre in der Stadt, die damals noch das "Paris des Ostens" war. Der Schuster, bei dem Nicolae zur Lehre ging, war Mitglied der 1921 gegründeten und bald darauf verbotenen Rumänischen Kommunistischen Partei. Und weil der Lehrling Ceausescu "kommunistische Manifeste austrug, wie andere Jungen Zeitungen", landete er schließlich für drei Jahre im Gefängnis. Hier, im berüchtigten Doftana-Gefängnis, begann sein eigentlicher Aufstieg. Denn hinter Gittern lernte Ceausescu den Gewerkschafter Gheorghe Gheorghiu Dej kennen, den späteren Staats- und KP-Chef Rumäniens. Dej sollte seinen Schützling Ceausescu ein Leben lang protegieren und ihn schließlich auch zu seinem Nachfolger machen. Worauf die enge Freundschaft zwischen den beiden Männern gründete, ist ungewiss. Gerüchte um eine homosexuelle Beziehung sind jedoch nicht beweisbar. Auch Thomas Kunze findet in seiner Ceausescu-Biographie keine Erklärung für die Protektion, die Dej seinem Schützling angedeihen ließ. Ceausescus Persönlichkeitsstruktur, sein Fühlen und Denken stellt Kunze eher grob geschnitzt vor. Deutlich herausgestellt wird der Machtinstinkt des Mannes, den spätere Hofpoeten als "Sohn der Sonne" oder "Honig der Welt" priesen. 1965, nach dem Tode Dejs, wurde Ceausescu erster Sekretär des rumänischen Politbüros, und er ging mit großem Geschick daran, seine Macht zu sichern und zu stärken. Schon seit 1955 war er parteiintern für die Überwachung der Bereiche Inneres, Geheimdienste, Streitkräfte und Justiz verantwortlich gewesen. Nun nützte er seine genaue Kenntnis des Reppressionsapparats, um jede Opposition auszuschalten. Ein zweiter Aspekt ist das außenpolitische Geschick des rumänischen Diktators. De Gaulle sah in ihm "ein trojanisches Pferd im Warschauer Pakt" und verlieh ihm das Großkreuz der Ehrenlegion. Nixon lud das Ehepaar Ceausescu in die Vereinigten Staaten ein, und Rainer Barzel erklärte 1967, als die Bundesrepublik Deutschland sich durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Rumänien de facto von der Hallstein-Doktrin verabschiedete, dieser Bruch sei "ein Meilenstein einer geduldigen, folgerichtigen Politik". Spätestens nachdem Rumänien 1968 den Einmarsch des Warschauer Paktes in Prag verurteilte, sahen westliche Politiker Ceausescu gemeinhin als einen "Maulwurf im Ostblock" an. Dass diese Einschätzung mehr westlichem Wunschdenken als rumänischen Realitäten entsprach, wird von Thomas Kunze überzeugend nachgewiesen. Ceausescu war, wie sein Beschützer Dej, ein großer Bewunderer Stalins. Nach der "Sowjetisierung Rumäniens", befolgten die rumänischen Machthaber jahrelang bedingungslos jegliche Anweisungen aus Moskau, dass Chruschtschov 1958 dem Abzug der Roten Armee aus Rumänien zustimmte. Dej und Ceausescu hatten schließlich während des Ungarnaufstandes 1956 ihre Treue unter Beweis gestellt. Zudem war Rumänien von Staaten umgeben, in denen weiterhin Truppen der UdSSR stationiert blieben. Der Abzug der Roten Armee ermöglichte der Führung des Landes, sich beim Volk beliebter zu machen. In dieser Verbindung scheinbarer Unabhängigkeit von Moskau und tatsächlicher Gefolgschaft lag der Anfang des "Nationalkommunismus rumänischer Prägung", den Dej mit seiner berühmten April-Deklaration von 1964 offensiv vertrat, und den Ceausescu übernahm und perfektionierte. Thomas Kunze erklärt die geschichtlichen Ent- und Verwicklungen, die den Werdegang der "Eiche aus Scornicesti" begleiteten und ermöglichten. So wird aus der Biographie des Nicolae Ceausescu eine lehrreiche Darstellung rumänischer Geschichte, in der Archivmaterial sowie Einschätzungen und Berichte von Zeitzeugen ausgewertet werden. Mangels Nachweismöglichkeiten muss sich der Biograph gelegentlich damit zufrieden geben, Möglichkeiten der Wahrheit vorzuschlagen. Dennoch oder gerade deshalb ist Thomas Kunzes Ceausescu-Biographie eine gute Gelegenheit, mehr über ein Leben zu erfahren, das im Dezember 1989 so spektakulär mit der öffentlichen Exekution endete. Thomas Kunze: Nicolae Ceausescu. Eine Biographie. Ch. Links Verlag, Berlin 2000. 463 S. , 48 Mark.

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