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Universal Design soll die Dinge des Alltags generationenübergreifend gültig gestalten: Nur nicht alt aussehen

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Man muss nur früh genug damit anfangen, dann wird man nicht überrascht - eine von fünfzehn "goldenen Regeln" zum Thema "Erfolgreich altern". Was auf dem letzten Weltkongress der Psychologen in Berlin offeriert wurde, klingt ziemlich paradox in einer Zeit, da alle jung bleiben wollen, bis sie tot umfallen. Soll man sich sputen, um früher am Ziel zu sein? Und was hieße dann, erfolglos zu altern? Wir reden uns das Altern schön. Längst sind Greise und ehrwürdige Alte aus der Sprache verschwunden, an ihre Stelle ist die Generation Gold getreten, die Best Ager, Silver Ager oder gar Happy Enders. Und wenn doch die Vokabel alt benutzt wird, ist von "neuen Alten" die Rede oder gar vom "Abenteuer Altern", und paralysierte Spätjugendliche schreiben flotte Ratgeber, wie man das letzte Abenteuer übersteht. Es ist wie Pfeifen im Walde, die Angst vor dem Alter beginnt mit Vierzig. Aber so viel wir auch Botox spritzen, Fitness machen, Grünkernkekse knabbern, Fremdsprachen lernen und die innere Einstellung auf Lebenslust justieren - die Falle schnappt zu. Das Alter kommt, unausweichlich. Und mit ihm die Gebrechen: schlechter hören, sehen, sich bewegen, steifer Rücken, steife Finger oder Knie, Vergesslichkeit, schwindende Kräfte, Hängepartien im Gesicht und anderswo . Immer noch gut unterwegs?, fragt Jauch im Fernsehen die Wandersleute. Aber mit Gelenksalbe und Anti- Aging-Kosmetik lässt sich keiner mehr abspeisen. Die Alten - das ist nicht nur eine jung gebliebene Reise- und Freizeitgemeinde. Zwischen den munteren Sixties und dem Pflegeheim liegen zwanzig Jahre, und wenn es gut geht, mehr. Die gewonnene Zeit will man trotz der körpereigenen Mängelliste unabhängig und selbstständig verbringen. Ein bisschen Hilfestellung wäre allerdings ganz gut. Die Forderungen der Alten reichen von Sitzmöbeln im Kaufhaus (nicht zu tief, damit man wieder hochkommt) bis zur Toilette bei Aldi, von leicht auffindbaren Informationstafeln auf Bahnhöfen bis zum größeren Verschluss bei der Perlenkette. Zu komplizierte elektronische Geräte lehnen sie ab, für endlose, unverständliche Gebrauchsanweisungen ist die verbleibende Lebenszeit zu kurz, schon der Beipackzettel der Medikamente frisst zu viel davon. Nach einer Untersuchung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) haben 66 Prozent der Älteren Probleme bei der Handhabung ihrer Haushaltsgeräte. Sie sind unzufrieden mit Spargelschäler, Gewürzmühle, Gemüsereibe. Ganz zu schweigen von zu kleinen Handytasten. Es besteht Handlungsbedarf. Die kollektive Langlebigkeit der Zukunft verlangt "vorausschauend gestaltete Produkte", was wohl so viel heißt wie: Wenn sich hellsichtige Designer und Hersteller auf die zu erwartenden Defizite der Älteren einstellen, stellt sich auch der Verkaufserfolg ein. Denn dass man sich etwas vergibt, wenn man die Kaufkraft der Älteren vernachlässigt, hat sich herumgesprochen. Schon jetzt kommt ein Drittel der Konsum-Ausgaben von den über 60-Jährigen. Gute Beispiele gibt es bereits, im Handel und als Entwurf. Und in Ausstellungen war einiges zu besichtigen, was der Mensch braucht, wenn das Leben nicht mehr ganz rund läuft: Einen tropffreien Kaffeebereiter aus Glas im Neopren-Anzug mit Reißverschluss, einen Backherd auf Augenhöhe, der das Kuchenblech sanft auf der Arbeitsfläche absetzt, eine Sitzdusche für zwei, in der einer dem anderen helfen kann, einen griffigen Thermostat für Sehbehinderte, eine Salatschleuder mit Knopfdruck, einen dreieckigen Bleistift mit Gumminoppen, leuchtende Türgriffe, Kullerwürfel mit samtenen Stopperkugeln, die nicht vom Tisch rollen. Und Flaschenöffner die Menge. Das ist die tröstliche Nachricht: Wenn wir auch noch so alt werden, verdursten werden wir nicht. Funktionierende Flaschenöffner gibt es für jede zittrige Hand. Eine "weltweite Bewegung für eine am Menschen orientierte Gestaltung" ist entstanden - sie nennt sich Universal Design, auch Inclusive Design oder Design für Alle. Universal Design ist das Designparadigma des 21. Jahrhunderts. Was für einen gut ist, kann für viele gut sein, das ist die Philosophie. Generationengerecht einerseits und generationenübergreifend andererseits. Für die Älteren, für Leute mit Einschränkungen, für alle. Nehmen wir die perfekte Salatschleuder - sie kann von der Seniorin genauso bedient werden wie vom Einarmigen oder von dem Jüngling, der seine erste Party vorbereitet. Es gibt sieben Prinzipien des Universal Design (zum Beispiel: einfache und intuitive Handhabung, geringer körperlicher Kraftaufwand) und viele, viele Richtlinien, um diese durchzusetzen. Eine wichtige Voraussetzung, dass Produkte dieses Qualitätssiegel verdienen, sei deshalb, dass sie nicht so aussehen, als seien sie "für Alte" gemacht, sie dürften nicht diskriminierend wirken, Stigmatisierungen seien zu vermeiden: "Ein Produkt darf niemanden beschämen, seine reduzierten Möglichkeiten und Fähigkeiten nicht vorführen, Einschränkungen nicht präsentieren", heißt es im Katalog zur Universal-Design-Ausstellung, die das Internationale Design Zentrum Berlin seit vergangenem Jahr auf Wanderschaft durchs Land schickt. Eine merkwürdige Beklommenheit ist da zwar zu hören, die die schöne Absicht nahezu ins Gegenteil verkehrt. Als müsse der Behinderte sich seiner Behinderung schämen. Stellt ein Treppenlift eine Diskriminierung dar, weil man ihm die reduzierten Möglichkeiten seines Benutzers ansieht? Aber ganz so eng will es wohl nicht verstanden sein, die Ausstellung selber zeigt Entwürfe, die auf spezifische Behinderungen zugeschnitten sind, eine Küche für Rollstuhlfahrer zum Beispiel, die nicht für alle anderen in gleicher Weise praktisch sein dürfte. Die übervorsichtige Ängstlichkeit ist wahrscheinlich zusammen mit dem Universal Design aus Amerika herübergeweht, wo man einen Menschen mit Behinderung lieber überkorrekt andersartig begabt - differently enabled - nennt. Dabei kommt die Idee des barrierefreien Zugangs für alle, quasi die Mutter des Universal Design, von ebenda, als man nach dem zweiten Weltkrieg für Kriegsversehrte im Rollstuhl den Zugang zu den Universitäten schaffen wollte. Heute ist die Barrierefreiheit in Institutionen und Verkehrsmitteln, ja letzten Endes in kompletten Städten, eine der Grundforderungen des Universal Designs. Von der Designerin Christina Weskott kann man nicht sagen, dass sie ihre Absicht verstecken oder die Behinderung des Benutzers kaschieren wolle. Schon ihre Homepage (www.rheuma-ringe.de) sagt aus, für welche Art von Beeinträchtigung sie ihre Produkte entwirft. Sie besteht darauf, korrekt zu benennen, was sie sind: Orthesen. Ein Kurzwort aus Orthopädie und Prothese. Schienen und Stützen zum Ausgleich von Funktionsausfällen der Extremitäten. Was sie macht, ist etwas ganz Spezielles, im eigentlichen Sinne kein "Design für alle", obwohl ihre Arbeiten gerade in dieser Stuttgarter Ausstellung als Musterbeispiel zu sehen waren. Eines allerdings tun ihre Stücke - sie kollidieren mit der offensichtlichen Auffassung der Orthopäden, eine Schiene müsse hässlich sein. Christina Weskotts Orthesen sind das Gegenteil, sie sind schön. Nicht nur bei Schwanenhals- oder Knopfloch-Deformität, Abduktion des fünften Fingers, Gelenk-Instabilität, Schuster-Daumen und was es noch an Erkrankungen bei Finger-Arthrose gibt. Es sind außergewöhnliche künstlerische Silberschmuckstücke, für die Finger, für den Daumen, für die ganze Hand, aber jedes einzelne ist zuallererst und ausschließlich ein handwerklich gearbeitetes, höchst funktionales Hilfsmittel zur Stabilisierung eines Gelenks, eine Schiene zur Korrektur einer Deformierung, individuell angepasst und gefertigt. Auf die Idee für ihre Orthesen kam Christina Weskott - sie hatte an der Berliner Hochschule der Künste studiert und etliche Jahre als Schmuckdesignerin gearbeitet - als sie eines Tages einen Unfall hatte. Sie war auf die Hände geknallt, der Daumen war lädiert, sie bekam eine hässliche Schiene verpasst. Auf einer Schmuckvernissage riet ihr eine Ärztin: Schmeißen Sie die Schiene weg, damit macht die Daumenmuskulatur schlapp. Der Daumen muss beweglich sein. Machen Sie sich doch selber eine, eine bessere, schönere. Weskott ließ den Schmuck sausen, nahm einen Kredit auf, befasste sich mit Orthopädie-Technik und Physiotherapie - zur Freude ihres Vaters, eines Landarztes. Statt des veranschlagten halben Jahres brauchte sie zwei für die Entwicklung des ersten Objekts. Seit 2001 hat sie ihre Palette ständig erweitert. Die Orthesen sind beim Europäischen Patentamt angemeldet und geschützt. Für den Daumen-Portello hat Christina Weskott mehrere internationale Design-Preise erhalten. Gerade erst wieder wurde sie mit zwei Red Dot Design Awards für die Fingerschienen Bocca und Snodo geehrt. Im Bereich Medizin, sie legt Wert darauf, das zu betonen. Noch, mit Ausnahmen, sind die Krankenkassen zögerlich: Eine Schiene darf nicht schön aussehen, dann kann sie nicht funktionieren. Muss sie wirklich so aussehen, wie das Ding, das eine Kundin aus ihrer Tasche zieht, als sie Weskotts Atelier in Steglitz aufsucht? Aus Stoff und Leder, unansehnlich geworden durch das Tragen, muss es wahrscheinlich alle paar Monate durch ein neues ersetzt werden. Billig ist das auch nicht. Und kaum vorstellbar, dass Frau S. es trägt, wenn sie beim Kirchenkonzert Querflöte oder zu Hause Klavier spielt. Sie hat eine Schwanenhals-Deformität am Mittelfinger der linken Hand, eine Überstreckung. Wenn sie beim Klavierspiel den Finger von den Tasten hebt, bleibt er mitunter in der Luft stehen, dann ist Schluss mit der Musik. Und der Zeigefinger fängt auch schon an. Mit zwei Gelenk-Ringen verlässt sie das Atelier. Sie werden die Überstreckung der Finger verhindern und trotzdem freies Greifen gewährleisten. Sie sind unzerbrechlich, antiallergisch, hautverträglich, ohne Klettverschluss, ohne Halterung, mehrfach weitenveränderbar, was fürs Leben. Und schön außerdem. Außer all dem, wofür sie eigentlich gemacht sind. Ein Gegenstand wird durch seine Funktion definiert, mehr als durch die Form. Was ist gutes Design? Altmeister Lucius Burckhardt: Das beste Design für eine Straßenbahn ist, wenn sie auch nachts fährt. Die IDZ-Ausstellung "Universal Design" wandert weiter: nach Bielefeld (16.4. bis 3.5.) und Ulm (7.5. bis 28.5.). ------------------------------ Foto: Die verbleibende Lebenszeit ist zu kurz, um sich mit komplizierten Anleitungen herumzuplagen. Foto: 66 Prozent der Älteren haben einer Studie zufolge Probleme bei der Handhabung ihrer Haushaltsgeräte. Christina Weskott beweist mit ihren Entwürfen (unten rechts), dass orthopädische Schienen nicht nur den Alltag meistern helfen, sondern auch ein schönes Stück Design sein können.

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