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Verfahren gegen ehemaligen Nationaltrainer eingestellt: Volker Frischke rechnet mit Resozialisierung

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BERLIN, 14. September. Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) bekommt vielleicht schon bald einen Trainer wieder, der eigentlich als Altlast abgeschrieben war. Nach einer überraschenden Wendung der Ereignisse hat die 34. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin im Pilotprozeß um das Doping Minderjähriger im DDR-Sport am Montag das Verfahren gegen Volker Frischke eingestellt. Der ehemalige Spitzentrainer des SC Dynamo Berlin kommt mit einer Geldbuße von 5 000 Mark, ohne Vorstrafe davon. Nachdem der DSV dem 54jährigen nach der Anklageerhebung Ende September 1997 fristlos gekündigt hatte, prognostizierte dessen Anwalt Thomas Betzelt am Montag: "Herr Frischke wird in absehbarer Zeit wieder für den DSV am Beckenrand stehen." Diese Ankündigung ist allerdings voreilig, denn Frischke und der Verband streiten sich noch vor einem Berliner Arbeitsrichter. Und DSV-Chef Rüdiger Tretow geht weiter davon aus, daß der Verband am Ende obsiegt: "An der Sachlage hat sich ja nichts geändert. Wir haben Frischke nicht entlassen, weil er angeklagt worden ist, sondern weil er mit Doping zu tun hatte. Das hatte er dem DSV gegenüber immer verneint." Tatvorwurf nicht bestätigt "Die Beweisaufnahme hat ergeben, daß sich der Tatvorwurf nicht so bestätigt hat, wie sich das die Anklagebehörden vorgestellt haben", sagte Betzelt und betonte, daß sein Mandant kein Schuldeingeständnis abgelegt habe. Das will die Verteidiger als Fingerzeig für die arbeitsrechtliche Auseinandersetzung verstanden wissen, in der Frischke auf Wiedereinstellung klagt. Der Verband, der bei seiner Bewältigung der Doping-Vergangenheit in den vergangenen Jahren ohnehin nicht gerade eine glückliche Figur gemacht hat, glänzte beim ersten Termin beim Arbeitsgericht vor rund zwei Wochen mit Abwesenheit. Die Art und Weise, wie sich das Gericht des Falles Frischke entledigte, hinterläßt einen schalen Nachgeschmack. Bis zum Schluß hat der Coach nicht einmal sein Schweigen brechen müssen, geschweige denn ein Teilgeständnis abgelegt, wie dies Rolf Gläser und Sektionsarzt Dr. Dieter Binus taten. Beide wurden vor zwei Wochen zu Geldstrafen von 7 200 und 9 000 Mark verurteilt, Frischkes Verfahren schlicht eingestellt. Sind die Ehrlichen also doch die Dummen? Staatsanwalt Rüdiger Hillebrand versuchte, das plötzliche Ende mit der dünnen Beweislage zu begründen. Von den ursprünglich acht Frischke angelasteten Dopingfällen sei nur noch die Hälfte übriggeblieben. Als Zeuginnen der Anklage geladene Schwimmerinnen hätten nur "seidenweiche" Aussagen gemacht. Zudem sei die Aktenlage der Stasi anders als bei Gläser schlecht gewesen. Von Frischke ein Geständnis zu fordern, hätte nur unnötig Zeit gekostet, behauptete Hillebrand. Offenbar spielen Staatsanwaltschaft und Gericht jetzt auf Zeit. Nach Abschluß des Verfahrens könnte Frischke nun als Zeuge gegen seine noch im Prozeß verbliebenen Kollegen vorgeladen werden. Zu dem restlichen Trio auf der Anklagebank zählt auch der ebenfalls vom DSV suspendierte Dieter Lindemann. Weil bei dem ehemaligen Trainer von Franziska van Almsick die Beweislage noch dünner ist, versuchen seine Verteidiger, das Verfahren bis zum erhofften Freispruch auszusitzen. Frischke hingegen darf sich dank der Berliner Justiz wieder Hoffnungen machen, seinen langjährigen Schützling Kerstin Kielgaß nicht nur "privat", wie bei den Schwimm-Weltmeisterschaften in Perth, sondern bald auch wieder ganz offiziell in der Nationalmannschaft betreuen zu können.

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