05.09.2011

von Tom Schimmeck, freier Autor: Habemus Peeram

Von Tom Schimmeck

Hohe Zeit, unsere komplizierte Demokratie ein bisschen zu verschlanken. Die frohe Kunde heute: Sie, liebe Bürgerin, lieber Bürger, gewinnen kostbare Spielräume. Flexibilität. An jenem Sonntag im Herbst 2013, an dem Sie sich zur Bundestagswahl hätten schleppen müssen, werden Sie frei haben. Können ausschlafen, Angeln gehen, Torte essen. Warum? Weil die Sache schon gelaufen ist. Peer Steinbrück wird Kanzler. Aus dem großen Herbeischreiber-Wettbewerb der politischen Großpublizisten und Tonangeber unserer Nation ist er als eindeutiger Sieger hervorgegangen. "Wer, wenn nicht Peer?", reimte schon im Mai das Magazin Cicero. Umjubelt ist "Mr. Klartext" (Stern), dieser "kühle, zupackende Krisenmanager" (Zeit), ein "Baum unter Büschen" (Spiegel), ein "Selbstläufer" (Süddeutsche) mit "Kanzler-Gen" (Handelsblatt), der "Politik für Erwachsene" (FAZ) macht und obendrein "brilliert in Finanzdingen" (Tagesspiegel). Auch die Meinungsfabrik Forsa, das "Politbarometer" und andere unbestechliche Fühler am Puls des Volkswillens sind sich einig: Er wird es. Sie sträuben sich? Haben Fragen, Einwände? Vergessen Sie sie. Es wird Ihnen nichts nützen, darauf hinzuweisen, dass Steinbrück zu allen großen Fragen schon dies und sein Gegenteil verkündet hat. Dass er selbst zu den forschen Deregulierern der Finanzwelt zählte, als solches en vogue war. Dass er noch nie eine Wahl gewonnen hat. Denn - Bild wusste es vor Wochen schon: "Immer mehr wollen Peer". Überhaupt wirft sich der Springer-Verlag, dem ja nichts enger am Herzen liegt als die Sache der Sozis, jetzt an die Spitze der Peeromanie. Produziert Perlen des Journalismus. Kaum fragte sich die Welt im Angesicht des "Hoffnungsträgers": "Steinbrück, der neue Guttenberg?", beschloss Bild: "Peer Steinbrück wird Kanzler-Kandidat der SPD". Denn: 1. "Er spricht Klartext." 2. "Er steht für solide Finanzen." 3."Er erinnert an Helmut Schmidt." Oh, da schlagen sich Steinbrücks Spin-Doktoren begeistert auf die Schenkel. Erleichterung, ja Freudentaumel auch bei den Genossen. Ersparen sie sich doch aufreibende Debatten, teure Parteitage. Ein Führer ist gefunden! Ein neues Modell der sozialdemokratischen S-Klasse: Schmidt-Schröder-Steinbrück. Im Dezember, das hat die SPD-Regie festgelegt, darf der neue Alte die Partei begeistern. Wie hat der Steinbrück das nur geschafft, fragen Sie? Nun, er hat stringent eine Strategie verfolgt, sich mit einem Buch selbst freigesprochen; sich ein paar Preise verleihen lassen; sich rar gemacht, vor allem im Bundestag, dem er eigentlich angehört. Lieber als außerparlamentarischer Redner die private Kriegskasse gefüllt - mit über 50 Vorträgen für mindestens 7000 Euro - pro Stück (von flüssigen Kunden wie Chemieindustriellen oder Investmentfonds). Zudem einen Chor getreuer Meinungsmacher um sich geschart, der in vorauseilender Euphorie unablässig verkündet, wie enorm klar, kantig und konsequent er ist. Warum die das tun? Es ist ihr Lieblingsspiel: Wir basteln uns einen Kanzler. Man hockt mit bei den Großen, fühlt sich wohl selbst ein bisschen wichtiger, größer, mächtiger, wenn man die Macht von morgen besingen darf. So haben sie es bei Schröder gemacht, bei Merkel. Um die später in die Tonne zu treten. Was Steinbrück auch blüht. Ob das ein Trost ist?

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