Vor 140 Jahren erfand Hermann Henschel in Brandenburg den Pappteller: Ohne Luckenwalde kein McDonald's

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LUCKENWALDE. Sie ist klein, hat einen Nagel und einen breiten, runden Hut - die Reißzwecke. Fast jeder kennt sie. Dass sie aber ihr Dasein einem Uhrmacher aus Brandenburg verdankt, ist wohl weit weniger bekannt. Immer wieder hatte Johann Kirsten aus dem uckermärkischen Lychen vergeblich versucht, mit bloßer Hand und einem Nagel einen Zettel an seine Werkstattwand zu pinnen. Weil sich der schmale Nagelkopf dabei stets so schmerzhaft in seinen rechten Daumen bohrte, kam ihm vor 105 Jahren die Idee mit der Reißzwecke. Eine Notlage bildete auch im Süden Brandenburgs den Ausgangspunkt für eine unscheinbare, aber vermutlich zumeist wohl unterschätzte Erfindung. Denn man kann wohl sagen, dass es ohne die Idee eines Luckenwalders heute kaum ein Fastfood-Restaurant geben würde. Vor gut 140 Jahren zerbrach sich ein Buchbinder den Kopf darüber, wie man Fisch und Fleisch, das bis dahin oft in Zeitungspapier eingewickelt wurde, hygienisch verpacken könnte. Hermann Henschel war 23 Jahre alt, als er 1867 jenes Utensil entwickelte, das noch heute an keiner Würstchenbude wegzudenken ist: Er erfand den Pappteller. "Die Bedeutung dieser Erfindung ist nicht so groß für Luckenwalde. Heute würde es aber ohne Henschels Einweggeschirr kein McDonald's und kein Burger King geben", sagt Roman Schmidt, der das Heimatmuseum leitet. In der Ausstellung sind alte Pappteller zu sehen. "Die stammen aber erst aus der Zeit um 1910", sagt Schmidt. Überhaupt war über den Erfinder des Einweggeschirrs nur wenig bekannt, bis vor zweieinhalb Jahren Henschels Ururenkelin Luckenwalde (Teltow-Fläming) besuchte. Sie überbrachte dem Museum die Betriebschronik der städtischen Papptellerfabrik, eine Glückwunschurkunde zur Silberhochzeit des Urgroßvaters mit den Unterschriften aller Betriebsmitarbeiter sowie ein Ölgemälde mit dem Abbild Hermann Henschels. All dies hat seitdem seinen Platz in Schmidts Heimatmuseum. Henschel wurde 1843 geboren. Als er in Luckenwalde die Papptellerfabrik gründete, bekam er von seinem Vater dafür ein Darlehen von 200 Talern. Der Betriebschronik kann man entnehmen, dass Henschels eigene Ersparnisse bei 40 Talern lagen. Und weiter ist dort zu lesen: "1867 befasste sich der Gründer unseres Betriebes, Buchbindermeister Henschel, angeregt durch eine ärztliche Abhandlung über die unhygienische Verpackung von Lebensmitteln in Zeitungspapier erstmals mit der Herstellung von Papptellern." Henschel ließ sich seine Erfindung patentieren. Pappteller aus Luckenwalde waren von da in aller Welt zu finden. Warum sich ausgerechnet ein Buchbinder mit der Herstellung des Einweggeschirrs befasste, darüber kann Museumsleiter Schmidt nur spekulieren. "Vielleicht war es Henschel, der bei seinem Beruf schon schwarze Finger bekam, einfach leid, nun auch noch beim Auspacken von Fleisch oder Fisch Druckerschwärze an die Hände zu bekommen." Pappteller werden in Luckenwalde noch heute hergestellt. Natürlich auch die bunten Weihnachtsteller, sagt Roman Schmidt. Doch das Hauptgeschäft mache die Tüten- und Papptellerfabrik GmbH mit Einwickelpapier für Bäckereien. 35 Mitarbeiter arbeiten in dem Betrieb, der seit 1998 zur "Dr. Rösler & Weiss KG" in Wuppertal gehört. Leider hüllte man sich dort über die Produktionszahlen des traditionsreichen Luckenwalder Betriebes in Schweigen. Es herrsche Feiertagsstress, hieß es. Der örtlichen Presse aber ist zu entnehmen, dass in Luckenwalde monatlich elf Millionen Pappteller produziert werden. Aber nicht nur wegen seines Einweggeschirrs hat sich Hermann Henschel einen Namen gemacht. Er hat sich noch etwas patentieren lassen, dass man heute in jedem Lokal und jeder Kneipe findet: Henschel gilt als Erfinder des bedruckten Bierdeckels. ------------------------------ Heimatmuseum bietet Führungen an Erfinder: Hermann Henschel wurde am 12. Dezember 1843 geboren. 1867 erfand er den Pappteller und bedruckte Bierdeckel. Er starb am 12. Oktober 1918. Museum: Im Heimatmuseum am Markt 11 in Luckenwalde sind bei den Exponaten zur Geschichte der Stadt auch alte Pappteller zu sehen. Ebenfalls vorhanden ist die Betriebschronik der Papptellerfabrik und die Glückwunschurkunde zu seiner Silberhochzeit. Geöffnet: November bis April Di, Mi, Fr 10-17 Uhr, Do 10-18 Uhr, Sa, So 13-17 Uhr. Eintritt kostet zwischen 1,50 und 2,50 Euro. Führungen: Im Museum gibt es Führungen ab zehn Personen nach Anmeldung u. a. Marktturmführung, zu Themen wie "Kriegsgefangenenlager Stalag IIIA","80 Prozent - das rote Luckenwalde" und "Sagen und Märchen Luckenwaldes". Anmeldung unter Tel. 03371/672550, -51.

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