Vor 50 Jahren kamen bei Feuerkatastrophe in Hakenfelde 80 Menschen ums Leben / Zeitzeuge Erwin Rostek erinnert sich: "Dann stürzte das Dach ein - es war grauenhaft"

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Der 84jährige Erwin Rostek wirkt drahtig und gelassen. Morgen vor 50 Jahren wurde er quasi zum zweiten Mal geboren. Erwin Rostek überlebte die größte Brandkatastrophe, die Spandau je erlebte und einen der größten Brände in der Berliner Geschichte überhaupt. Am 8. Februar 1947 kamen durch ein Feuer im Vergnügungslokal "Karlslust" in Hakenfelde 80 Menschen ums Leben. Der damals 34jährige erinnert sich noch an Einzelheiten: Mehr als die Hälfte der Gäste war zwischen 17 und 19 Jahre alt, viele Sportler des Spandauer SC. Wie Erwin Rostek selber, der dort als Rechtsaußen Fußball spielte. Seine 1996 verstorbene Ehefrau war im Rotkäppchen-Kostüm zum Ball gegangen. Er selber habe nur eine Maske getragen: "Ich hatte den Ball mitorganisiert - speziell die Tombola mit typischen Geschenken. Zum Beispiel Alcolat, ein Ersatzstoff für geistige Getränke, oder Bären und Püppchen. Ich wollte am Abend auch anderweitig helfen. Da hätte mich ein Kostüm behindert." Julius Loebels Restaurant "Karlslust" war eine Institution: Das größte Spandauer Vergnügungslokal der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war für seine Sängerwettstreite ebenso berühmt wie für das familiäre Kaffeekochen oder das Bier nach dem Spiel auf dem benachbarten Fußballrasen. Bis 1933 fanden hier SPD-Maifeiern statt, auch bis 1945 gab es einige als "Geselligkeiten" getarnte Treffen der Genossen. Gegen 19 Uhr - eine Stunde vor Einlaß zum ersten Nachkriegs-Kostümball - war der Große Saal noch kühl: "Aber Julius meinte, er bringe die Kanonenöfen noch zum Glühen. Er hatte Recht: Da der eine der drei Öfen enorme Hitze abgab, stellten wir eine Barriere aus Stühlen darum, damit sich niemand verletzt." Genau jener Ofen, von dem Erwin Rostek gegen 22.45 Uhr nur fünf Meter entfernt war, löste das Feuer aus. Was sich in zeitgenössischen Quellen wie ein Kabelbrand liest ("flackerndes Licht, Funken an der Decke"), stellt der Augenzeuge so dar: "Die Hitze hat eindeutig das Deckenholz entzündet." Panik brach aus. Die meisten der etwa 1 000 Gäste stürmten zur Garderobe, um ihren wahrscheinlich einzigen Wintermantel zu retten. In der Hast stürzten viele von ihnen, wurden unter nachdrängenden Frauen und Männern begraben. Das Hauptportal zum Saal war zeitweise nur einflügelig offen, eine Seitentür angefroren. Vor den Fenstern befanden sich Eisengitter - Überbleibsel der letzten Kriegsmonate, als dort Gefangene interniert waren. Wer ohne Rücksicht auf seine Kleidung um sein Leben rannte, gelangte in den benachbarten kleinen Saal. Das Orchester rettete sich durch einen Kellergang in Bühnennähe - aber auch hier starben Menschen, die umgestoßen wurden. "Ich kannte ein Mädchen, das an der Staatsoper sang. Sie wurde buchstäblich totgetreten", sagt Rostek. Er selbst gehörte zu den ersten, die Foyer und Garderobe erreichten. Doch auch der durchtrainierte Sportler konnte sich des Ansturms nicht erwehren: "Ich kam in dritter Reihe auf einem Menschenhaufen zu liegen. Jeder streckte die Hände nach vorn, aber kaum einer konnte herausgezogen werden. Dann stürzte das Dach ein. Es war grauenhaft." Rosteks Rettung war wie ein Wunder: Ein britischer Soldat zog seine Begleiterin mit einem Uniformgurt aus dem Menschenknäuel. Rostek hielt sich fest und war plötzlich frei. Ein Lieferwagen brachte den Schwerverletzten ins Waldkrankenhaus. Mehr als vier Wochen blieb er dort. Eine der grausamen Erinnerungen hat sich festgesetzt: "Ein junges Pärchen versuchte, aus dem Garderobenraum zu flüchten. Aber alle Wege waren abgeschnitten - sie standen an die Hauswand gedrängt. Als die Decke einstürzte, hielten sie sich eng umschlugen. So hat man die verkohlten Leichname am Morgen gefunden. Um deren zwei Söhne kümmerte sich der Verein." Die Zeitungen vom Februar 1947 berichteten vom Heldenmut britischer Soldaten. Rostek erinnert sich, daß deren Feuerwehr vor der Städtischen eintraf. Jedoch waren Löscharbeiten wegen der eingefrorenen Wasserschläuche bei Temperaturen um minus 20 Grad fast unmöglich. Zahlreiche Briten verletzten sich, drei starben. Am 11. Februar wurden Konten bei Sparkasse und Postscheckamt eingerichtet. Kirchengemeinden spendeten ebenso wie SPD und CDU und der SED-Kreisverband. Rostek und seiner Frau wurden 1 000 Mark für Kleidung und Schuhe zuerkannt. Das "Zentrale Beschaffungsamt" des Magistrats von Groß-Berlin gab Stoff für 800 Mäntel heraus. In einer Sondersitzung stellte die BVV vier Tage später 75 000 Mark zur Verfügung. Berlin und der Bezirk teilten sich Beerdigungskosten. Verlorene Lebensmittelkarten wurden ersetzt. Bis zur Beerdigung am 25. Februar sagte der Bezirk "alle Tanzlustbarkeiten" ab. In ganz Berlin wurden nach dem 11. Februar alle "für Publikumsverkehr geeigneten Räume" auf Brandgefahren geprüft. Auf dem Friedhof "In den Kisseln" wurden die Toten unter großer öffentlicher Anteilnahme beerdigt. Auch wenn manches Brandopfer nicht identifizierbar war - in den Friedhofsunterlagen sind die Namen von 80 Opfern der Katastrophe verzeichnet, von denen 77 dort ihre ewige Ruhe fanden. "Spandau hält den Atem an und grüßt die Opfer", schrieb das "Spandauer Volksblatt" damals. "Ich konnte bei den Briten weiter arbeiten, aber wegen der verbrannten Hand nicht mehr als Koch im Offizierskasino. Da unter den Opfern sehr viele junge Sportler waren, reduzierte sich das Vereinsleben. Viele gingen nach Westdeutschland. Unsere wichtigste Begegnungsstätte und ihr Wirt waren nicht mehr. Auch Julius Loebel kam ums Leben, als er aus einem Versteck im Schornstein seiner Wohnung über der Kneipe die Geldkassette retten wollte", berichtet Rostek weiter. Die Witwe Loebels führte das Lokal weiter. Anfang der 50er Jahre nahm sie sich das Leben. Das Lokal steht nicht mehr. Heute befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft eine Schule. "Es hat bis heute keine Gedenktreffen von Beteiligten gegeben", sagt Erwin Rostek - dazu sei der Anlaß zu schmerzlich gewesen. Noch immer beklagt der alte Mann: "Warum mußte es gerade so viele junge Menschen treffen, die zum ersten Mal in einer großen Gemeinschaft versuchten, die Schrecken des Krieges zu vergessen?" +++

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