02.08.2008

Warum in Italien jedes Jahr im August die Strände überfüllt sind und die Italiener das völlig in Ordnung finden: Am liebsten dahin, wo alle sind

Von Kordula Doerfler

ROM. Man tut es einfach nicht. Non si fa, wie die Italiener sagen. Schon die Idee, es anders zu machen, ist absurd. In Rom, Mailand oder Florenz zu Hause zu bleiben, wenn alle anderen weg sind? Schon morgens an der Bar auf gar niemanden oder, schlimmer noch, nur noch auf Touristen zu treffen? Eine wunderbar ruhige, schläfrige Stadt für sich zu haben? Das mag etwas für Ausländer sein, die auch nach Jahren in Italien nicht begriffen haben, was Italianita heißt. Zum Beispiel, dass ein Sommerurlaub einfach nichts werden kann, wenn er nicht im August stattfindet. Obwohl Italiens Schulen drei Monate schließen, von Anfang Juni bis Anfang September, bietet sich jedes Jahr das gleiche Schauspiel. Exodus Anfang August Anfang August beginnt wie auf Knopfdruck der Exodus aus den Städten, der wahrhaft biblische Ausmaße hat. Stundenlang kämpft sich praktisch jede Familie durch Staus, die kein Ende nehmen, um dorthin zu fahren, wo alle hinfahren: an den Strand. In sengender Hitze ist man sich auf den völlig verstopften Autobahnen über eines einig: Dass man das nie, nie wieder machen wird, nächstes Jahr ganz sicher zu einem anderen Zeitpunkt in die Ferien gehen wird. Um es dann wieder am 1. August loszufahren, dann, wenn alle fahren. Si fa, man tut es. Schließlich wussten schon die alten Römer, dass man zu dieser Jahreszeit nicht arbeitet. Am 15. August hatten auf Geheiß des Kaisers Augustus selbst die Sklaven frei. Daran hält man sich auch in christlicher Zeit. Über den 15. August, das heutige Mariä Himmelfahrt - ferragosto genannt - kommt Italien zum Stillstand, verwaisen die Städte wie vor einem Luftangriff. Umso drangvollere Enge herrscht dann an den Küsten, da, wo alle sind, von Sizilien bis hinauf nach Ligurien und an die Adria. Jede Hundehütte lässt sich um diese Zeit für viel Geld vermieten, Hotels, Camping-Plätze und Restaurants sind zum Bersten voll. Dass manche Mitteleuropäer in ihren Ferien nach einsamen Stränden suchen und dafür selbst so abwegige Orte wie norwegische Fjorde bereisen, verstehen viele Italiener nicht. Man stelle sich nur das Essen in jenen Ländern der Barbarei vor. Und erst das Wetter! Es könnte einem glatt passieren, nach zwei oder drei kostbaren Wochen nicht "belli abbronzati" nach Hause zu kommen - also aufs leckerste gebräunt, wer denkt schon an Hautkrebs und künftige Runzeln. Hingegen: Welche Schmach vor den Nachbarn, den Kollegen, den Schulkameraden, kommt man bleich daher. Und dafür hätte man dann auch noch viel Geld ausgegeben. Da bleibt man lieber in Italien und weiß, was man hat. Auch zu Zeiten, als es den Italienern wirtschaftlich besser ging, verbrachte man seinen Urlaub am liebsten im eigenen Lande. Das gilt auch für den Jet Set, der sich dann auf seinen Luxusjachten im Mittelmeer räkelt und selbst für die linke Schickeria. Besonders beliebt unter römischen Intellektuellen, Sozialisten und Kommunisten ist seit Jahren die Maremma, das südliche Ende der Toskana. Das einstige Sumpfgebiet ist längst kein Geheimtipp mehr, schläfrige Provinzstädtchen wie Capalbio, Saturnia und Sovana im hügeligen Hinterland sind saniert und reich. Wer ganz sicher auf seinesgleichen treffen will, für den kommt nur ein Strand in Frage. Schon seit den legendären 70er-Jahren ist die "L'ultima spiagga" der Ort, wo es sich besonders revolutionär in der Sonne braten lässt. Das ist schön doppeldeutig und bezeichnet nicht nur den schicksten, den definitiven Strand, sondern auch den letzten (in der Toskana), an dessen Horizont malerisch die Kühltürme des nie zu Ende gebauten Atomkraftwerks von Montalto di Castro in der Sonne glitzern. Im gleichnamigen Strandrestaurant wurden schon viele Umsturzpläne geschmiedet, und nur die linken Asketen aus dem Norden, die schon vor 20 Jahren in der Gegend Häuser gekauft haben, begreifen noch immer nicht recht, dass einem das bei gutem Essen doch viel leichter gelingt. Kommen dann, wie jeden August, anspruchsvolle Vorträge von Wissenschaftlern und Schriftstellern dazu, ist das linke Dolce vita perfekt. Auch die Quallen kommen Allenfalls getrübt durch die endlose Kolonne von bettelarmen Habenichtsen aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die am Strand vorführen, dass man vor der Globalisierung wirklich nirgendwo sicher ist. Von gefälschten Rolex-Uhren über balinesische Tücher bis zu Kokosnüssen bieten sie alles feil, was das linke Herz (nicht) begehrt. Neuerdings schleppen Chinesen sogar mobile Kleidergeschäfte durch den Sand. Man weiß nicht, was schlimmer ist. Die "vu compra", wie die Italiener die fliegenden Händler nennen, oder dass Sprösslinge der neuen rechten Elite in Rom es wagen, sich hier blicken zu lassen. Oder die Quallenplage, die Meeresbiologen für Mitte August vorhersagen. Dann, wenn alle da sind. ------------------------------ Drei von vier machen Urlaub im eigenen Land Italiener bleiben in den Ferien am liebsten in Italien. Jeder zweite fährt im Sommer weg; 73,4 Prozent verbringen dieses Jahr ihren Urlaub im eigenen Land, ergab Anfang Juli die Umfrage "Check Turismo 2008" des italienischen Hotel- und Tourismusverbands. Die Zahl der Urlaubstage ist für viele Italiener aber geringer als in früheren Jahren. Im Schnitt können sie sich nur noch zwölf Tage leisten. Die Zahl der Übernachtungen gehe dadurch voraussichtlich im Vergleich zu 2007 um 20 Prozent zurück. Gründe seien die wirtschaftliche Unsicherheit im Land und die deutlichen Preissteigerungen. Weil auch viele Ausländer, vor allem Amerikaner und Briten, wegen des hohen Euro-Kurses ausbleiben, spricht der Chef des Tourismusverbands, Bernabó Bocca, von einer "veritablen Krise". An die Strände zieht es die Mehrzahl der Italiener: 74,2 Prozent verbringen ihre Ferien am Meer, magere 16,2 Prozent in den Bergen und nur 2,7 Prozent wollen kulturell interessante Orte besuchen. Die Adriaküste der Region Emilia Romagna ist bei italienischen Urlaubern am beliebtesten, gefolgt von der Insel Sardinien, den Stränden der Toskana und Siziliens. Diejenigen, die ins Ausland reisen, besuchen am ehesten die kroatische Adriaküste und die spanischen Mittelmeerinseln. Der Monat August ist mit Abstand der beliebteste Ferienmonat. 57 Prozent der Italiener verreisen in diesem Zeitraum. 16 Millionen Menschen sind in den ersten Augusttagen auf den Straßen unterwegs. Deutsche Touristen zieht es wieder verstärkt nach Italien. Erstmals seit 1980 löste es vergangenes Jahr Spanien wieder als liebstes Auslandsreiseziel der Deutschen ab. In den Jahren zuvor hatte das schlechte Preis-Leistungs-Verhältnis für einen Rückgang gesorgt. Nur 34 Prozent der Deutschen machten 2007 Urlaub in Deutschland. ------------------------------ Karte: Bekannte Urlaubsziele ------------------------------ Foto: Traumurlaub in drangvoller Enge: Sonnenbadende am Strand von Taormina auf Sizilien.

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