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Was dachten Nazis über den Aal?

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Herr Bartz, Sie forschen über Aale im Nationalsozialismus - das ist ein seltsames Forschungsthema. Dafür haben Sie ein Stipendium des Hamburger Mäzens Jan Philipp Reemtsma bekommen? Dietmar Bartz: Ja, seine Stiftung ermöglicht eine Studie zu diesem Thema. Auf den ersten Blick ist es wohl ungewöhnlich, danach zu fragen, was die Nazis eigentlich über den Aal dachten. Aber es gibt eine Menge interessante Ergebnisse. Zum Beispiel: Den einen galt der Aal, der ja nicht ortsfest lebt, als "Zigeunerfisch", anderen dagegen als "germanische Delikatesse". Auch für die Fettversorgung der Wehrmachtssoldaten war er wichtig. Und er hat eine antisemitische Komponente. Was haben Aale mit Antisemitismus zu tun? Es gab ein Klischee, das Aale auf Juden bezog. Dazu gehörte ihr Wimmeln, und dass man so wenig über ihre Herkunft und die Ziele ihrer Wanderschaft wusste. Martin Walser hat in seinem Roman "Tod eines Kritikers" die Hauptfigur als Aal beschrieben. Damit war Marcel Reich-Ranicki gemeint, Jude und Literaturkritiker. Und in Berlin lebte die jüdische Familie Aal, die von den Nazis ins KZ geschickt wurde; der Name Aal führt das Berliner Gedenkbuch der Opfer des Nationalsozialismus an. Aber es gibt auch indirekte Zusammenhänge. So hat Sigmund Freud, Jude und Begründer der Psychoanalyse, mit nur 21 Jahren seine erste große wissenschaftliche Arbeit über die Hoden des Aals geschrieben, die sogar in den "Mitteilungen der österreichischen Akademie der Wissenschaften" veröffentlicht wurden . Die Triebkraft dafür war das antisemitische Milieu, in dem die Familie in Mähren und dann in Wien gelebt hat. Freuds Vater wurde immer wieder von Christen gehänselt und drangsaliert und hat das seinem Sohn erzählt, der in der Schule und auf der Uni selbst auf antisemitische Vorbehalte stieß. Um solche Demütigungen zu kompensieren, hat der Student Sigmund Freud eine ausgesprochene Ruhmsucht an den Tag gelegt. Zum Beispiel hat er sich in Briefen selbst als Hannibal bezeichnet. Und wo konnte er als junger Anatom viel Lob ernten? Mit der Erforschung der geheimnisvollen Fortpflanzung der Aale. Also suchte er nach den Hoden der Männchen. Wie konnte es dazu kommen, dass die Hoden der Aale in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer noch ein weißer Fleck auf der biologischen Landkarte waren? Bis ins 18. Jahrhundert hinein wusste man überhaupt nicht, wie der Aal sich fortpflanzt, ob er Hermaphrodit ist, also sich selbst befruchtend, oder ob es Männchen und Weibchen gibt. Und wenn es Männchen und Weibchen gibt, ob es lebendgebärende Aale gibt oder ob sie Eier legen, wie ja viele Fische. Übrigens hat bis heute nie jemand europäische Aale beim Laichen gesehen! Erst 1777 hat der Italiener Mondini überhaupt die weiblichen Geschlechtsorgane des Aals entdeckt. Es hat hundert Jahre, bis 1874 gedauert, bis der Zoologe Syrski in Triest rausgefunden hat, dass einige Aale nicht ein Ovarium haben, sondern ein merkwürdiges Lappenorgan, worin er das Äquivalent der Hoden des Aals vermutete. Aber er hat kein Sperma in ihnen gefunden. Der Professor, bei dem Freud studiert hat, verschaffte ihm ein Stipendium - Freud hatte damals sehr wenig Geld -, schickte ihn nach Triest und ließ ihn dieses Lappenorgan weiter erforschen. Freud hat dann in ein paar Wochen hunderte von Aalen seziert. Wie wurde Freuds Arbeit von der Fachwelt aufgenommen? Das war eine unergiebige Angelegenheit: Die Arbeit ist zwar in den renommierten "Mitteilungen der österreichischen Akademie der Wissenschaften" erschienen, aber von der Fachwelt gar nicht registriert worden. Freud hatte nämlich nicht viel mehr herausgefunden als Syrski. Freud entdeckte sogar, dass nicht einmal sein Professor die Arbeit gelesen hatte. So hat er sich verärgert von der Aalforschung zurückgezogen und ist dann auf ein anderes Topthema jener Zeit gestoßen: die Erforschung des Nervensystems. Darüber ist er ja zur Psychoanalyse gekommen. Die Fragen stellte Falko Hennig. In der Reihe "Das Expertensprechen" unterhalten sich am heutigen Mittwoch um 20 Uhr im Kaffee Burger Heiko Werning und Dietmar Bartz über "Den Aal im Nationalsozialismus".

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