28.02.2009

Was ist aus der guten alten Pubertät geworden? Überlegungen anlässlich des Falls Alfie Patten: Jugend ohne Tugend

Von Ann-Christine Mecke

In England soll ein dreizehnjähriger Junge Vater geworden sein. Soweit die eher unspektakuläre Nachricht. Denn der kleine Alfie Patten ist weder der jüngste Vater des Landes, noch sind Teenager-Schwangerschaften in Großbritannien eine Seltenheit. Nicht das Alter von Alfie ist die Sensation, sondern sein äußeres Erscheinungsbild: Babyface, Kinderstimme, große ungläubige Augen. Schüchtern und naiv antwortete er auf die Fragen der Presse. Erstaunlicherweise blieb die biologische Sensation, die diese Nachricht eigentlich darstellt, völlig im Hintergrund. England diskutierte über Teenager-Schwangerschaften, soziale Missstände, Sexualaufklärung und den Niedergang der Moral. Immerhin, die Times stellte die eigentlich naheliegende Frage an einen Kinderarzt, ob ein Junge, der neun Monate später noch immer mit Kinderstimme spreche und auch sonst keinerlei Zeichen der Pubertät aufweise, ein Kind gezeugt haben könne. Der Arzt antwortete, was seriöse Fachleute eben sagen können: Es sei ausgesprochen unwahrscheinlich, aber möglich. Zweifel kamen dennoch erst auf, als noch andere Jungen Anspruch auf Baby und Boulevardpresse erhoben. Nun soll der Streit mit Hilfe eines Vaterschaftstests beendet werden. Damit wird der kleine Alfie in die Reihe der vielen erwachsenen Männer gestellt, die allwöchentlich in Talkshows Briefumschläge öffnen, in denen die Antwort auf die Frage steht, ob der kleine Justin ihr Sohn ist. Die biologische Unwahrscheinlichkeit wird weiterhin ignoriert, denn die Bilder des kulleräugigen Vaters befriedigen ein Bedürfnis. Es ist nicht das Bedürfnis nach einer biologischen Sensation, sondern nach einer Illustration für die allgemein verbreitete These, dass heutige Kinder bedenklich frühreif sind. Andere Teenager-Eltern konnten dieses Bedürfnis bisher nur eingeschränkt befriedigen: Normalerweise haben Teenager-Väter Pickel und einen hässlichen Bartflaum. Es stimmt, dass die Pubertät heute früher einsetzt als vor zweihundert Jahren. Die Ursachen sind nicht vollständig bekannt, aber fest steht, dass das Phänomen vor allem ein Zeichen dafür ist, dass es uns gesundheitlich besser geht als früheren Generationen. Der Zusammenhang zwischen der körperlichen Entwicklung und dem allgemeinen Wohlstand einer Bevölkerungsgruppe ist so eng, dass Sozialforscher Wachstumsparameter als Indikatoren für Gesundheit und Wohlstand einer Bevölkerungsgruppe benutzen. Umso bemerkenswerter, dass das Phänomen ansonsten einhellig negativ bewertet wird. Doch die Annahme, dass Kinder möglichst spät heranreifen sollten, steht in einer langen Tradition. Schon bevor man entdeckte, dass das Pubertätsalter langfristigen Veränderungen unterworfen ist, beobachtete man, dass Nordeuropäer sich später entwickelten als Südeuropäer, arme Kinder später als Adlige und Jungen später als Mädchen. Das Urteil über die Schnellwachsenden fiel dabei stets negativ aus: Minderwertig seien Südländer und Frauen, verweichlicht und verdorben der Adel. Wer bereits als Kind hart arbeitet, es nicht zu warm und kuschelig hat und sich fern von sexuellen Einflüssen hält, der entwickele sich spät und zu einem besseren Menschen. Heute sind es vor allem Fernsehen, "Reizüberflutung", Übergewicht und die Allgegenwart von sexuell aufgeladenen Bildern, die wir für die frühe Entwicklung verantwortlich machen. Die Bewertung indes ist gleich geblieben. Dass das Ausmaß der Veränderung gern überschätzt wird, ist bei einer derart kulturpessimistischen Sichtweise kein Wunder. Schon die bekannteste Graphik zu diesem Thema - ein Diagramm, nach dem die Pubertät seit 1850 pro Jahrzehnt um drei Monate früher einsetzte - ist eine grobe Vereinfachung. Die Auswertung der alten Statistiken ist schwierig, und andere Forscher kamen auf ganz andere, oft überhaupt nicht gradlinige Verläufe. Die Vorstellung von einer linearen Entwicklung hat sich trotzdem ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Und obwohl die Datenspur um 1850 endet, sind viele bereit, der praktischen Linie noch weiter in die Vergangenheit zu folgen. So kommt man zu dem Ergebnis, dass die Knabensänger des Thomanerchors zu Bachs Zeiten erst im Alter von 19 Jahren in den Stimmbruch kamen. Nachweisen lässt sich das nicht, im Gegenteil: Alle verfügbaren Quellen sprechen eher dafür, dass der Stimmbruch zu Bachs Zeiten mit zirka 15 bis 16 Jahren eintrat. Drei Jahre später als heute, nicht sechs. Nicht nur, dass das Ausmaß der Wachstumsveränderungen übertrieben wird: Ganz automatisch haben wir auch die Vorstellung, dass die Zeugungsfähigkeit von der psychischen Entwicklung abgekoppelt sei. Bei der Klage über die "frühreife" Jugend glauben wir eigentlich gar nicht an Reife. Wir sind uns vielmehr sicher, dass die frühere Entwicklung dazu führt, dass seelische und körperliche Reife getrennt eintreten und dass dieser Umstand zu psychischen Problemen führt. Und wer sich mit dem höheren Alter von Bachs (Fortsetzung auf Seite 36) (Fortsetzung von Seite 35) Sängerknaben beschäftigt, geht meist davon aus, dass Bachs 19-jährige Sopranisten zwar noch ihre Kinderstimme gehabt hätten, ansonsten aber so groß und so erwachsen gewesen seien wie heutige Abiturienten. Ein Musikwissenschaftler verstieg sich sogar zu der These, frühere Sängerknaben seien eher Kastraten ähnlich gewesen als heutigen Jungen. Auch solche Ideen sind nicht neu: Kein geringerer als Jean-Jacques Rousseau entwickelte die Phantasie einer "natürlich" lebenden Landbevölkerung, bei der die Geschlechtsreife sehr zum Vorteile der Heranwachsenden spät eintritt: "Man findet in diesen Gebirgen zu seiner Überraschung Burschen, groß und stark wie Männer, mit Sopranstimme und das Kinn ohne Bart ... . Dieser Unterschied scheint mir daher zu kommen, dass bei der Einfachheit ihrer Sitten ihre Phantasie ruhig und friedlich bleibt, ihr Blut später in Wallung kommt und ihr Temperament weniger frühreif ist." Groß, kräftig und vernünftig wie Männer, aber asexuell und nicht zeugungsfähig - diese Fabelwesen lebten für Rousseau im Gebirge, für einige Musikforscher in den goldenen Zeiten der Sängerknabenkultur. Alfie ist unser Gegenbild: klein, schwächlich und einfältig, und doch so triebhaft. Dass die Pubertät heute früher eintritt und dass darüber hinaus gar nicht so wenige Teenager von ihrer Zeugungsfähigkeit Gebrauch machen, mag eine gesellschaftliche Herausforderung sein; ein Zeichen für Degeneration ist es nicht. Sollte die Zeugungsfähigkeit allerdings in Zukunft häufiger unabhängig vom Stimmbruch auftreten, bestünde wieder Hoffnung für die vom früher eintretenden Stimmwechsel geplagten Knabenchöre. Ann-Christine Mecke ist Konzertdramaturgin in Heidelberg und Autorin des Buches "Mutantenstadl. Der Stimmwechsel und deutsche Chorpraxis im 18. und 19. Jahrhundert" (WVB, Berlin 2007. 352 S., 43 Euro.) ------------------------------ Bei der Klage über die frühreife Jugend glauben wir gar nicht an "Reife". ------------------------------ Foto: Ob der 13-jährige Alfie Patten (links) aus Eastbourne, Sussex, tatsächlich der Vater von Maisie Roxanne (rechts) ist, soll ein Vaterschaftstest klären.

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