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Weil sich zwei Anwälte von wütenden Arbeitern nicht abschrecken ließen, wird in Weißwasser weiter Glas geblasen: "Wir wollen Ihren Betrieb kaufen"

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Mittagspause in der Lausitzer Glas GmbH Weißwasser. Dieter Reinhard stellt seine Glasmacherpfeife am Hafenofen ab und zieht einen großen Löffel aus der Tasche. Es gibt Pferdefleisch mit Zwiebeln. Aufgewärmt am Ofen, in dem die Glasschmelze glüht. So wie immer. "Eigentlich ist es wie ein Wunder", sagt er. "Damals, 1991, hatten wir alle schon die Kündigung in der Tasche. Firmen-Chefin Eveline Hubatsch überbrachte an jenem verregneten Novembertag gerade die Hiobsbotschaft: Die Glashütte wird geschlossen. Unerwartet hat die westdeutsche Firma Schott die Zusammenarbeit mit dem bekanntesten ostdeutschen Glashersteller eingestellt. Einen anderen Investor gibt es nicht. In die Betriebsversammlung der Lausitzer Glasmacher platzen zwei Herren im dunklen Anzug: "Wir wollen Ihren Betrieb kaufen. Zeigen Sie uns doch mal Ihre Bilanzen." "Ich werde Ihnen gar nichts zeigen!" ruft Eveline Hubatsch. Verschreckt ziehen die beiden Herren ab. Beinahe Keile bezogen Dreieinhalb Jahre später. Edwin Kau parkt seinen 300er Daimler draußen vor der Ofenhalle ein. Edwin Kau ist der neue Eigentümer des Lausitzer Glaswerkes. Einer der beiden Herren, die sich im Herbst 1991 von den Glasmachern beinahe Keile eingehandelt hatten. An jenem Abend waren die beiden Anwälte noch einmal ins Glaswerk zurückgekehrt. Sie informierten in Ruhe über ihre Pläne. Und fanden in Betriebschefin Eveline Hubatsch eine Frau mit vielen Ideen. Ein halbes Jahr später ruft die Treuhand ihre Liquidatoren aus Weißwasser zurück. Die beiden Hamburger Anwälte kaufen das Werk. Sie übernehmen 250 Mitarbeiter und investieren 50 Millionen Mark. In eine neue Anlage für die maschinelle Produktion von Gläsern. "Es ist die modernste in Europa", sagt Eveline Hubatsch, die auch heute noch Chefin der Glashütte ist. Edwin Kau: "Diese Frau hat ungeheure Detailkenntnisse." Volle Auftragsbücher Das hilft den beiden "Exoten", in Weißwasser eine wettbewerbsfähige Glasindustrie neu aufzubauen. Vor wenigen Tagen ist das neue Werk eröffnet worden. "Für die nächsten vier Monate", so Eveline Hubatsch, "sind unsere Auftragsbücher proppenvoll." Für mehr als acht Millionen Mark haben Kunden aus aller Welt in Weißwasser vorbestellt. Der Grund: An der neuen Anlage lassen sich Gläser maschinell so herstellen, wie das bisher nur von den Glasbläsern am Ofen möglich war. Solch eine Technik gibt es sonst nirgendwo. Rund 3 000 verschiedene Artikel umfaßt das Sortiment. Allein in diesem Jahr wird ein Umsatz in Höhe von 20 Millionen Mark geplant. "1996 wollen wir das Doppelte umsetzen", sagt Evelin Hubatsch. Und schwarze Zahlen schreiben. "Wir haben es geschafft", glaubt die Chefin. Edwin Kau glaubt das auch. Was dem Werk gefehlt habe, sei vor allem Geld für neue Anlagen gewesen, um erstklassige Qualität zu liefern. "Leute, die was vom Glas verstehen, gibt es hier genug." Dieter Reinhard hat seine Pferdewurst längst aufgegessen. Nun bieten er und die anderen Akteure auf der Ofenbühne eine einmalige Show. Wie ein Trompeter schwingt der 54jährige Glaskünstler sein Instrument - die Glasmacherpfeife. Wenn er hineinbläst, sind seine Backen prall gefüllt. Die gläserne Glut am Pfeifenende verwandelt sich binnen Sekunden in einen wunderschönen Weinkelch. Wie im Rhythmus einer Melodie wiegt Wolfgang Werner nebenan seinen Körper auf dem Ofenpodest. Als ob er gerade zum Solo ansetzt. Plötzlich nimmt auch sein Kunstwerk Gestalt an - ein gläserner Stiefel. Die Männer am Ofen sind die Könige der Hütte. "Sie sind die Besten von allen", sagt Meister Heinz Kliemann. Halb Handwerker, halb Künstler. Drei Jahre dauert die Glasbläser-Lehre. "Doch danach sind noch einmal vier, fünf Jahre Praxis am Ofen nötig, um das Handwerk zu beherrschen." Sand, Soda, Pottasche, Kalk und Altglas heißen die Zutaten, aus denen die Lausitzer Glasbläser Schalen, Kelche, Seidel, Krüge, Vasen, Sturzbecher, Flaschen zaubern. Von vielen in der Hütte standen schon der Vater, der Onkel oder der Großvater auf der Ofenbühne. Seit 1433 wird in der Lausitz Glas geblasen. Zur Jahrhundertwende gibt es keinen Ort auf der Welt mit so vielen Glashütten. Ihr Handwerk haben die Weißwasseraner auch zu DDR-Zeiten nicht verlernt. Allerdings: "Für den Westen waren wir nur der billige Jacob", sagt Heinz Kliemann. "Unser Glas wurde dort nicht verkauft. Es wurde verschenkt." Daran haben die Lausitzer auch heute noch zu knabbern. Hauptsache aber, so der Meister, die Show auf der Ofenbühne geht weiter. Die 17 Glasbläser, die von einst 50 übriggeblieben sind, sorgen mit ihrer Kunst für den guten Ruf der Hütte. Der Gewinn allerdings wird woanders erwirtschaftet - an Automaten. "90 Prozent unserer Produkte werden an Maschinen hergestellt", sagt Eveline Hubatsch. Die Technik wird immer perfekter, so daß der Laie Handgeblasenes kaum noch von einem maschinell gefertigten Glas unterscheiden kann. Schon seit den 50er Jahren wird in Weißwasser maschinell Glas hergestellt. Ende der 80er Jahre ist das Werk das einzige in Ostdeutschland, das Kelchglas an Automaten produziert. Schott springt ab Der westdeutsche Branchenprimus Schott zeigt nach der Wende schnell Interesse für das Werk an der polnischen Grenze. So unterzeichnen sie eine Absichtserklärung, gemeinsam den Vertrieb zu organisieren. Eveline Hubatsch führt kurz darauf einen Schott-Vertreter bei der Interhotel-Kette ein, wo ein neuer Auftrag winkt. Sie kündigt allen Auslandsvertretern. Doch kaum haben die Lausitzer ihre Kundenkartei und Vertriebskanäle offengelegt, springt Schott vom Vertrag wieder ab. Der Interhotel-Auftrag geht an das Westunternehmen. Viele andere auch. "Ich war schockiert", erinnert sich die Betriebschefin. "Man hat alles versucht, uns kaputtzumachen." Monate nach dem Schott-Ausstieg wird ihr die Kopie eines Schreibens zugesteckt, das der Firmenchef von Ruhrglas Essen an die Treuhandanstalt sendet: "Schließen Sie die Lausitzer Glas GmbH, damit es bei uns keinen Arbeitsplatzabbau gibt." Angebote der Konkurrenz Eveline Hubatsch werden von der Konkurrenz riesige Summen geboten, um sie abzuwerben. Doch sie bleibt der Lausitzer Glashütte treu. Auch die bereits gekündigten Auslandsvertreter halten fast alle zur Stange. Einer von ihnen ist sogar ein ehemaliger Schott-Verkäufer. Er findet das Spiel, das mit der Lausitzer Hütte getrieben wird, so übel, daß er die Fronten wechselt. Vor fünf Jahren noch lebten 5 000 Menschen in der Lausitzer Region vom Glas. Heute sind es lediglich noch 1 000. Auch die Tagebaue ringsrum bauten kräftig Stellen ab. Was bleibt, sind die Kraftwerke in Boxberg und Jänschwalde. "Und das Eishockey", sagt Heinz Kliemann. Das hat beinahe genau so viel Tradition wie das Glas. Seit einem Jahr jagen die Füchse aus Weißwasser sogar in der ersten deutschen Liga dem Puck hinterher. Und mit der Nummer "7" ist Matthias Kliemann dabei. Der Sohn vom Glasbläser-Meister. Einmal wollen sie beide gemeinsam ganz oben stehen. +++

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