Am 18. März 1968, einem Montag, kommt der 44-jährige Schauspieler Wolfgang Kieling mit seinem blauen Volkswagen von West- nach Ost-Berlin. Es ist kurz nach 14 Uhr, die Sonne scheint, und er braucht nur wenige Minuten vom Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße bis zum Hotel "Johannishof" in Mitte, dem Gästehaus des DDR-Ministerrates. Dort erwartet ihn Klaus Gysi, Minister für Kultur der DDR und einer der wenigen, die sein Geheimnis schon seit einiger Zeit kennen. Wolfgang Kieling will ab sofort im Osten leben und arbeiten. Ein ungewöhnlicher, nahezu einmaliger Schritt für einen Star von "drüben". Kieling bringt seine Tochter Annette mit, die Siebenjährige soll in der DDR aufwachsen. Seine Frau Johanna, Bühnenbildnerin an der Schaubühne am Halleschen Ufer, wird nachkommen. Schließlich ist, wie Kieling später in seinen Memoiren erzählt, noch "einiges zu klären, zu überschreiben, zu verwalten, zu verschenken. Ein hübscher Bauernhof im Bayerischen Wald, eine Ferienwohnung südlich von Tarragona - all jene Dinge eben, die in einem VW-Käfer schwer unterzubringen sind". Vor allem auf Drängen von Johanna Kieling war die Familie erst ein paar Monate zuvor aus München nach West-Berlin gezogen. Zum Domizil wird ein Reihenhaus im Grunewalder Hegewinkel, idyllisch gelegen, weg vom bewegten Zentrum der Metropole. Und doch sind die Kielings bald mittendrin in den politischen Konflikten der Zeit. West-Berlin ist die Hochburg der antiautoritären Studentenbewegung und der außerparlamentarischen Opposition. Der Name des Studenten Benno Ohnesorg, der im Juni 1967 von einem Polizisten hinterrücks erschossen wurde, ist noch in aller Munde, und der von Rudi Dutschke sowieso, der sich tagtäglich den Zorn von der Seele schreit. Johanna Kieling bringt Nachrichten von der Schaubühne mit nach Hause, deren Mitarbeiter nicht einfach nur Theater spielen wollen, sondern beschließen, "Hegel zu lesen und die Leute auf der Straße zu unterstützen". Auch Künstler protestieren gegen die US-Aggression in Vietnam, gegen brutale Polizeieinsätze und gegen die Berichterstattung darüber in der Springer-Presse. Das Haus Springer redet den Notstandsgesetzen und ergo dem Polizeistaat das Wort und verketzert die APO. Es gilt bei Linken und Liberalen als formiert, ja faschistoid. Wolfgang Kieling beobachtet das alles mit zunehmendem Missbehagen. Eigentlich will er in Ruhe arbeiten. Er hat zu tun, besingt Schallplatten, synchronisiert seine jüngst entstandenen ausländischen Filme und macht sich mit Vorschlägen des westdeutschen Fernsehens vertraut. Keine schlechten Projekte, zu denen er eingeladen wird: "Das siebte Kreuz" von Anna Seghers soll neu gedreht werden, mit ihm in der Hauptrolle, und auch Graham Greenes "Das Herz aller Dinge" ist im Gespräch. Aber Politik muss sein. Und wenn es gegen den Vietnamkrieg geht, will Kieling nicht abseits stehen. Am 17. Februar 1968, als zwölftausend Demonstranten ihrem Unmut am Kurfürstendamm Luft machen, ist er dabei. Er erlebt, wie Passanten ihn beschimpfen: Der spielt im Fernsehen immer die Mörder! Kein Wunder, dass der bei denen mitmarschiert! Und einen Bart hat er auch! Es nervt ihn, dass die SPD zwei ihrer Berliner Stadträte, Harry Ristock und Erwin Beck, aus der Partei ausschließen will, weil sie sich am Aufmarsch beteiligten. Und es widert ihn an, wie die Bild-Zeitung über die Protestierer berichtet, abfällig, hämisch, zynisch. Er erinnert sich der "Goldenen Kamera", die er ein Jahr zuvor von der Fernsehzeitschrift "Hör zu" bekommen hatte. Und weil die auch von Springer ist, beschließt er, sie zurückzugeben. Am Abend der neuen Preisverleihung, noch im Februar 1968, drückt er dem stellvertretenden Chefredakteur des Blattes, der am Eingang des Festsaales die Gäste begrüßt, die Auszeichnung in die Hand. Die Folgen des demonstrativen Akts sind gravierend. Kieling in seinen Memoiren: "Sie machten aus mir eine Unperson. Fotografen in den Studios machen mir verschämt klar, dass ein Foto von mir an die Springer-Blätter nicht zu verkaufen sei. Ich erfahre sogar von einem befreundeten Journalisten, dass die Springer-Redaktionen meinen Namen bei Kritiken oder Berichterstattungen über Dreharbeiten tunlichst nicht erwähnen sollen." Kieling hat es satt. Warum soll ich nicht wahr machen, so mag er sich gedacht haben, wozu hysterische Bürger die Protestierenden immer wieder auffordern: "Geh' doch nach drüben!" Nach drüben - das ist für ihn ein Synonym für ruhige künstlerische Arbeit, für einen Schutzraum vor der geifernden Presse, für ein "Dasein ohne Hektik, Steuerangst und Profilierungspanik". Naiv? Vielleicht. Aber auch konsequent. Johanna Kieling, die heute als Malerin in Bayern lebt, erinnert sich, dass sie sehr kurzfristig vom Entschluss ihres Mannes erfuhr: "Ich saß wieder einmal an der Schaubühne, wir redeten über Hegel oder die nächste Inszenierung, als Wolfgang anrief und sagte: Ich gehe in die DDR. Das war von ihm eine ziemliche Ad-hoc-Angelegenheit." Dass er die gemeinsame Tochter mitnimmt, schmerzt sie heftig: "Ich habe gekämpft und den Kampf verloren." Noch bevor er seine Frau in seine Pläne einweiht, muss Wolfgang Kieling im Osten vorgefühlt haben, ob eine Übersiedlung überhaupt möglich ist. Vermutlich nahm er Kontakt zu Konrad Wolf auf, dem Filmregisseur und Präsidenten der Akademie der Künste der DDR, mit dem ihn lose freundschaftliche Fäden verbinden. Vermutlich weihte er auch den Rechtsanwalt Friedrich Karl Kaul ein, der später ganz offiziell den "Fall" betreut. Am 28. Februar 1968, knapp drei Wochen vor der Übersiedlung, wird jedenfalls eine Stasi-Akte über Wolfgang Kieling angelegt. Ihr erstes Blatt ist ein Telegramm, in dem die Berliner Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit ihre Bezirksstelle Potsdam auffordert, "alles über die Person vorhandene operative und offizielle Material sofort zur Auswertung" zu übersenden. Die DDR will genau Bescheid wissen, wer da Einlass in die "sozialistische Menschengemeinschaft" begehrt. Wolfgang Kieling und die DDR, das war kein ganz neues Kapitel in der Biografie des Schauspielers. Schon einmal hatte er im Osten gelebt, von 1954 bis 1956, gut zwei Jahre lang. Damals war er mit der Schauspielerin Gisela Uhlen verheiratet. Und die Übersiedlung wurde erwogen, um deren Tochter Barbara, aus einer ihrer vorherigen Ehen, dem Zugriff des Vaters zu entziehen. Um das Kind behalten zu können, bot sich nur die DDR an, die kein Rechtshilfeabkommen mit der Bundesrepublik abgeschlossen hatte. Die Flucht geschah am 22. April 1954, mit Hilfe der sowjetischen Besatzungsbehörden in Österreich, per Flug aus Wien über Prag nach Ost-Berlin. Nur wenige Wochen später erhielten Kieling und die Uhlen Zwei-Jahresverträge mit der Defa und ein Haus in Kleinmachnow. Am 17. Januar 1956 wurde im Bezirkskrankenhaus Potsdam ihre gemeinsame Tochter Susanne geboren. Für Wolfgang Kieling sind das künstlerisch fruchtbare Jahre, an die er sich gern erinnert. Konrad Wolf besetzt ihn als jungen Kriegsheimkehrer und falschen Arzt in "Genesung" (1956), einem Drama um Schuld und Sühne. Carl Balhaus holt ihn für "Damals in Paris" (1956), ein Hohelied auf die französische Resistance. Und Kurt Jung-Alsens "Betrogen bis zum jüngsten Tag" (1957), über ein Verbrechen von Wehrmachtssoldaten, in dem Kieling einen zwielichtigen, brutalen Gefreiten spielt, wird sogar in London und Cannes gezeigt. Privat hat der Schauspieler weniger Glück. Die Ehe scheitert, er fühlt sich überflüssig, glaubt, in seinen vier Wänden ersticken zu müssen, geht zurück in den Westen. Was von den frühen Ostjahren bleibt, sind Verbindungen unterschiedlicher Art. Zum Beispiel eine lockere Freundschaft mit dem Drehbuchautor Karl Georg Egel. Der hatte "Genesung" geschrieben und sitzt 1963/64 an dem fünfteiligen Fernsehfilm "Dr. Schlüter". Als es um die Besetzung der Hauptrolle geht, einen Chemiker, der zuerst für die rheinische Großindustrie arbeitet, dann für die Nazis, und der später zu den Russen findet, denkt Egel sofort an Kieling. Regisseur Achim Hübner: "Er war grundsätzlich bereit, das zu spielen, es gab intensive Gespräche, und wir brachten ihn auch schon mit potenziellen Filmpartnerinnen zusammen." Dann schiebt die Leitung des Deutschen Fernsehfunks einen Riegel vor: Kieling, so wird argumentiert, sei zwar ein interessanter, aber auch ein merkwürdiger und sprunghafter Charakter. Und wer könne garantieren, dass er eine Arbeit, die sich über zwei Jahre erstrecke, auch durchhalten würde? Den Dr. Schlüter spielt dann Otto Mellies. Dagegen nimmt Kieling im Herbst 1965 eine andere Aufgabe an, die ebenfalls mit der DDR zu tun hat, wenngleich unter genau umgekehrtem Vorzeichen. In Alfred Hitchcocks "Der zerrissene Vorhang" spielt er den Stasi-Agenten Gromek, in schwarzem Ledermantel, Kaugummi kauend und mit teuflischem Grinsen. Kielings Filmtod ist spektakulär: Paul Newman, sein positiver Gegenspieler, ein junger amerikanischer Atomphysiker, steckt ihn kopfüber in die Backröhre eines Gasherdes. Kielings Hände zucken noch kurz, dann erschlaffen sie: Der Bösewicht hat ausgedient. Die Figur gerät Kieling so gut, dass er ernsthaft für einen Nebenrollen-Oscar ins Gespräch kommt. Paul Newman soll das aus Konkurrenzgründen verhindert haben. Aber wenigstens Hitchcock schickt Grüße: "Lieber Wolfgang, ich danke Ihnen, dass Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, mit einem der besten Künstler zu arbeiten, die ich je gekannt habe. Aufrichtigen Dank. Hitch." "Der zerrissene Vorhang", ein Thriller mitten aus dem Kalten Krieg, ist trotz Kielings Spiel ein eher schwacher Film. Als Kieling wiederum die Seiten wechselt, ist er schon fast vergessen. Am ersten Tag nach der Übersiedlung, am 19. März 1968, erscheint auf der letzten Seite der Bild-Zeitung ein Artikel unter der Überschrift "Einer, der ging". "BILD", so ist zu lesen, "wünscht Herrn Kieling gute Reise. Wenigstens einer, der die Konsequenzen zieht. Der nicht gegen die demokratische Ordnung der Bundesrepublik muffelt und trotzdem ihre Segnungen genießen will. Schade", fährt das Blatt fort, "dass so wenig andere Linksradikale seinem Beispiel folgen. Hinter Mauer und Stacheldraht, in ihrem sozialistischen Paradies, müssen sie sich doch eigentlich viel wohler fühlen als bei uns." - Direkt daneben ist ein anderer Text platziert: "Und einer, der kam." Die Geschichte eines Kraftfahrers, der "mit blutendem Beinstumpf die letzten fünfzig Meter durch den Todesstreifen an der bayerischen Zonengrenze gekrochen" ist. Der "Zonen-Flüchtling" als willkommener Gegenpol zum weggegangenen Künstler Kieling. Euphorisch ist dagegen der Tonfall in der DDR-Presse. Bereits in den Überschriften wird Kielings Akt gefeiert: "Abscheu vor der alten Welt" titelt das "Neue Deutschland", "Bekenntnis zur Humanität" die "Berliner Zeitung". Die Karl-Marx-Städter "Freie Presse" lässt wissen: "Als Künstler konnte er nicht schweigen", und die "Norddeutschen Neuesten Nachrichten" aus Rostock verkünden pathetisch: "Er wählte den Weg ins Leben". Das DDR-Kulturministerium beraumt eine Pressekonferenz an, am 21. März, im Künstlerclub "Die Möwe". Als Sekundanten Kielings sitzen sein Schauspielerkollege Erwin Geschonneck und Konrad Wolf mit auf dem Podium. Geschonneck begrüßt Kieling als "Kollege Unzufriedener" und vergleicht dessen Schritt mit der Entscheidung des ehemaligen Kommandanten von Greifswald, Rudolf Petershagen, der die Stadt am Ende des Zweiten Weltkrieges kampflos den Russen übergab: "Beider Tun setzte hartes politisches Ringen mit sich selbst und ein hohes Maß an Verantwortungsgefühl voraus." Geschonneck hatte die Rolle des Stadtkommandanten in dem Fernseh-Fünfteiler "Gewissen in Aufruhr" (1961) gespielt. Konrad Wolf wünscht Kieling, dass er in der DDR "seine politische und schöpferische künstlerische Heimat findet". Dann vergleicht er die West-Berliner Pressekampagne gegen Kieling mit "den Rufmordkampagnen, die deutsche Faschisten gegen fortschrittliche Kulturschaffende geführt haben". Kielings Entscheidung, prophezeit Wolf, sei Ausdruck eines Prozesses, vor dem viele westdeutsche Künstler stünden. Dann geht auch Wolfgang Kieling selbst auf die Gründe ein, die ihn zu seinem Weggang aus dem Westen bewogen. In einer Gesellschaft, in der jede progressive politische und künstlerische Meinungsäußerung mit einer Flut manipulativer Verleumdungen überschüttet wird, könne er nicht mehr leben. "Ich möchte nicht von meiner Tochter einmal die gleichen Fragen gestellt bekommen, die ich vor zwanzig Jahren meinem Vater gestellt habe." - Ähnliches schweres Geschütz fährt er in einer "Erklärung" auf, die der "Republikanische Club" in West-Berlin veröffentlicht, eine Versammlung linker Intellektueller. Da stehen solche Sätze wie: "Ich halte die Regierung der USA für die gefährlichste, kulturfeindlichste, menschenfeindlichste Macht der Gegenwart." Oder: "Mit Betroffenheit wurde ich Zeuge, wie die letzten Inseln der Liberalität, der Freiheit, der Kritik in Funk und Fernsehen abgebaut wurden." Oder: "Ich gehe in die DDR, weil sie das einzige deutschsprachige Land ist, von dem ich mit Gewissheit sagen kann, dass es an den Verbrechen der amerikanischen Politik keinen Anteil hat." Der Text, so sagt er später, sei in einer Terminologie verfasst, die ihm fremd und unheimlich war. Hat er die "Erklärung" gar nicht selbst geschrieben? Johanna Kieling glaubt sich zu erinnern, dass es tatsächlich andere waren, die das Pamphlet, in seinem Namen, zu Papier brachten. Bekannte aus der außerparlamentarischen Opposition, darunter der Rechtsanwalt Horst Mahler und sein Sozius Otto Schily. Auch den Bundesfilmpreis, das "Filmband in Gold", das Kieling 1965 für seine Rolle im Krimi "Polizeirevier Davidswache" erhalten hatte, versteigert der Schauspieler nicht selbst. Das übernehmen die Freunde vom "Republikanischen Club", am Samstag nach seinem Weggang, in einer großen, völlig überfüllten Wohnung in der Wielandstraße. Als Auktionator fungiert der Kabarettist Dietrich Kittner, der aufmunternde Worte in die Menge ruft: "Mindesteinsatz fünf Mark. Fünf Mark kostet eine Handgranate." Jedes Mal, wenn wieder ein neuer Hunderter erreicht ist, ertönen aufmunternde Sprechchöre: "Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh". Nach anderthalb Stunden "amerikanischer Versteigerung" bekommt Barbara Agnoli den Zuschlag, eine angehende Psychologin. Das Ganze bringt 1 760 Mark ein, die Summe soll der Nationalen Befreiungsfront Südvietnams zur Verfügung gestellt werden. Barbara Agnolis Mann Johannes, Assistent am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität, ist damit nicht zufrieden. Er schlägt vor, den Preis als Wanderpokal zu stiften. Andere "Republikanische Clubs", überall in der Bundesrepublik, sollen ihn weiter versteigern, ebenfalls für Vietnam. "Aber dafür gab es dann doch kein Interesse", sagt Frau Agnoli heute, "und so habe ich den Preis behalten. Irgendwann brachte ich das Filmband zum Goldschmied. Der stellte fest, dass es nur vergoldet war und eigentlich aus Silber bestand. Er schmolz es ein und machte einen Armreif daraus. Ich trage ihn noch immer." Nachdem die Aufregung in West und Ost verraucht ist, zieht Wolfgang Kieling aus dem Appartement 201 des "Johannishof" in eine Dreiraum-Wohnung. Koppenstraße 56, Neubau, oberster Stock, "janz jut und mittenmang". Annette wohnt mit ihm, häufig ist Johanna zu Gast, manchmal auch Susanne Uhlen. Auch seinen Sohn Florian lernt Kieling jetzt kennen, den Zehnjährigen, "ein Kind der Liebe", wie er in seinen Memoiren schreibt. Dessen Mutter ist Ingrid Rentsch, der Kieling bei seinem ersten Aufenthalt in der DDR begegnet war. Florian Martens, seit Langem selbst ein bekannter Schauspieler und dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, kann sich gut an die ersten Kontakte erinnern: "Ich war in der vierten Klasse und war dran mit Politinformation. Da mussten wir Schüler abwechselnd die politischen Neuigkeiten aus der Zeitung auswerten. Ich las die Nachrichten über Wolfgang Kieling, fand sie interessant und berichtete darüber. Dabei sprach ich den Namen falsch aus: Thielen statt Kieling. Am Abend erzählte ich meiner Mutter davon. Sie nahm mich beiseite und sagte: Weißt du eigentlich, wer das ist? - Ich: Na, ein Schauspieler. - Darauf sie: Ja, und dein Vater. - Bis dahin hatte ich geglaubt, dass mein Ziehvater mein richtiger Vater sei. Es dauerte nicht lang, da lernte ich Wolfgang, Annette und Johanna kennen." Schon in der ersten Ost-Woche meldet sich die Defa und bietet Kieling zwei Hauptrollen an. Frank Vogel besetzt ihn als Schauspieler Günter in "Das siebente Jahr", Drehbeginn Anfang Mai 1968. Und Günter Reisch holt ihn als Dorfrichter Adam in "Jungfer, Sie gefällt mir", frei nach Kleists Lustspiel "Der zerbrochene Krug". Eigentlich ist Rolf Ludwig für die Rolle vorgesehen, aber die Defa ordnet sich der politischen Notwendigkeit unter, dem prominenten Übersiedler schnellstens Arbeit zu verschaffen. Auch Rolf Ludwig fügt sich und gibt sich mit der Nebenfigur des Schreibers Licht zufrieden. Seine Bedingung, wenigstens die gleiche Gage wie Kieling zu erhalten, wird ohne Zögern erfüllt. In der Rüpelballade "Jungfer, Sie gefällt mir" kann Kieling seine ganze Körperlichkeit ins Spiel bringen, raufen, saufen, krakeelen. Aber "Das siebente Jahr" ist künstlerisch der ungleich wichtigere Film. Wenn Kieling mit seiner sechsjährigen Filmtochter scherzt und sie an sich drückt, ist das ein Spiegelbild seiner zärtlichen Liebe zu Annette. Für ein paar kurze Szenen, die auf dem Theater spielen, schlüpft er in die Rolle des Truffaldino aus Goldonis "Diener zweier Herren". Dann, bei der inszenierten Premiere, drückt er ein paar berühmten Kollegen des Deutschen Theaters die Hand: Eberhard Esche, Cox Habbema, Otto Mellies, Jürgen Holtz, Gerhard Bienert. - Theater würde Kieling auch im wirklichen Leben gern wieder spielen. Zum letzten Mal stand er Anfang der 1950er-Jahre auf der Bühne, dann nie wieder. Nun, in der DDR, will er Verhandlungen mit Wolfgang Heinz führen, dem Intendanten des DT. Und mit Benno Besson, an dessen Volksbühne er gern auftreten würde. Es kommt nicht dazu, weder an dem einen noch an dem anderen Haus. Die Defa-Regisseure arbeiten gern mit Kieling. Günter Reisch: "Er war freundlich und ungeheuer diszipliniert." Joachim Kunert: "Er war professionell, alles lief im Grunde selbstverständlich ab, wir sind nicht ein einziges Mal aneinander geraten." Roland Gräf, der Kameramann des "Siebenten Jahres": "Er hatte keinerlei Starallüren. Aber es ging eine gewisse Fremdheit von ihm aus. Vielleicht resultierte sie aus meinem Gefühl, dass er die Grenzen wechseln konnte. Bis ins Innere hat er sich sowieso nie schauen lassen. Wenn ich an ihn zurückdenke, sehe ich sein Bild wie hinter einem Schleier ..." Bei den Dreharbeiten zum "Siebenten Jahr" trifft Kieling zum ersten Mal auf seine Kollegin Monika Gabriel, 25 Jahre alt, mit niedlichem Leberfleck auf der Wange und auch sonst eine sehr hübsche Frau. In einer Szene darf er sie umarmen. "Hm, Pfirsichwangen! Ein Kuss für deine Kosmetikerin", lautet der dazugehörende Dialogsatz. Mag sein, dass es da schon gefunkt hat. Bei "Jungfer, Sie gefällt mir", wo die Gabriel wieder seine Filmpartnerin ist, bricht die Liebe dann jedenfalls richtig aus. An der Bar des Hotels "Haus des Handwerks" in Görlitz, wo der Drehstab wohnt, fallen sich die beiden um den Hals. Wenn Kieling und die Gabriel am Set erscheinen, pfeift das Team ab sofort gern das Liebeslied aus dem französischen Film "Ein Mann und eine Frau", der gerade in der DDR angelaufen ist. Im August 1968 hat Kieling nur noch Augen für Monika. Dass der Drehstab zwei Tage vorfristig von Außenaufnahmen im Zittauer Bergland zurückbeordert wird, weil dort Soldaten für den bevorstehenden Einmarsch in die CSSR stationiert werden sollen, registriert er bestenfalls nebenbei. Bald gibt es Probleme, die ihm mehr auf den Nägeln brennen. Am 1. November 1968 siedelt Johanna Kieling nach Ost-Berlin über: "Ich bin hingezogen, um mich scheiden lassen zu müssen", sagt sie heute. Konrad Wolf, auf den Kieling große Stücke hält, geht nicht auf seinen Wunsch ein, ihn den Titelhelden seines neuen Films "Goya" spielen zu lassen, sondern gibt ihm nur die Nebenrolle des spanischen Ministerpräsidenten Godoy: eine herbe Enttäuschung, noch ein verschlagener Charakter mehr in der Galerie seiner zahllosen negativen Filmfiguren. Überhaupt bleiben größere Aufgaben aus. Die Defa macht sich rar, das DDR-Fernsehen auch. Inzwischen sitzt Kieling, nunmehr an der Seite von Monika Gabriel, in einer Villa im Köpenicker Stadtteil Wendenschloss, in der illustren Nachbarschaft von Ministern und ZK-Mitgliedern. Das Haus hat früher dem Stummfilmstar Henny Porten gehört. In diesem Ambiente kommt Kieling ins Träumen: Er hoffe, dass er bald einen Film für sich schreiben und auch selbst Regie führen könne, vertraut er einem Interviewer der kulturpolitischen DDR-Wochenzeitung "Sonntag" an. Doch nichts davon wird Wirklichkeit. Von August bis Oktober 1969 darf Wolfgang Kieling der Einladung folgen, einen Film für den Bayerischen Rundfunk in Brasilien zu drehen, "Hunger 2000". Die DDR-Behörden erlauben ihm die Reise, dafür muss er einen Teil seiner West-Gage abliefern und bekommt ihn in Ost-Mark umgetauscht. In der Ferne gesteht er dem Regisseur Robert Menegoz, einen Fehler gemacht zu haben. Schon nach ein paar Monaten sei ihm die DDR zu eng geworden, er wolle wieder weg, aber nur mit Monika, doch wie soll das geschehen? Das zermürbende Spiel wird anderthalb Jahre dauern. Mehrmals melden westdeutsche Journalisten sein Kommen und Gehen. Im Juli 1970 besorgt er sich in Wien, wo Nachaufnahmen für "Hunger 2000" entstehen, einen westdeutschen Pass. Ein Tonband gerät an die Öffentlichkeit, mit einer Erklärung Kielings, die er zunächst nur zur eigenen Selbstvergewisserung entworfen hat: "Ich bin zu sehr manipuliert, um noch völlig von vorne anzufangen und mich in eine völlig neue Gemeinschaft einzureihen. Ich habe keinen Grund, mich über das Leben, das ich während der letzten beiden Jahre geführt habe, zu beklagen, weder menschlich noch beruflich, aber ich habe dann irgendwann einmal erkennen müssen, dass ich leider auf verschiedene Annehmlichkeiten nicht mehr verzichten kann. Das mag sehr bequem klingen, aber so alt bin ich nun wiederum auch nicht, als dass ich mich da hineinschicken kann für den Rest meines Lebens." Ein resignatives Bekenntnis, aus dem auch Trauer über die eigene Schwäche spricht. Und ein Leiden an der ganzen Welt. Im Osten wird das mit Erstaunen und verhaltenem Zorn wahrgenommen. Bald kursiert bei der Defa der Witz: "Kannten Sie Kieling? - Ja, flüchtig." Dennoch darf er erneut in die DDR einreisen, hin und auch wieder zurück, mit West-Pass. Stasi-Zuträger halten fest, dass ihn Filmkollegen, denen er begegnet, wenn er die Gabriel bei Dreharbeiten besucht, hinter seinem Rücken beschimpfen. Günther Simon, der legendäre Thälmann-Darsteller, beschwert sich über ihn beim Defa-Direktor. Ein Produktionsleiter kolportiert, die Möglichkeit liege doch nahe, "dass Kieling ,für andere' arbeite und dadurch Konzessionen erhalte". Gemeint ist die Staatssicherheit. Aber auch im Westen, wo ihm das Fernsehen eine Rolle in dem Tabori-Stück "Die Kannibalen" anbietet, weigern sich Schauspieler, mit ihm zusammen aufzutreten. Und doch erfährt Kieling solidarische Hilfe: "Wolfgang Staudte, Gert Fröbe, Romy Schneider, Helmut Käutner versicherten mir, dass sie, falls nötig, für mich da seien. Gisela Trowe und viele andere bieten mir ihre Wohnungen an, bei Eberhard Fechner mache ich am längsten Station." Monika Gabriel kommt nach einem Bittbrief, den Kieling an Honecker schreibt und in dem er um "Familienzusammenführung" bittet, am 28. Juni 1971 in den Westen. Endlich. Doch vier Jahre später wird auch diese Ehe geschieden. - In die DDR reist Kieling immer mal wieder. Ganz privat, vor allem um Annette zu sehen. "Ich muss ihn loben", sagt Johanna Kieling, "auch mit seinen ganzen Unwägbarkeiten. Er hat versprochen, uns zu helfen, und er hielt sich daran, selbst nach seinen schweren Augenoperationen und halb blind. Ich bin ihm nie böse gewesen." 1977, nach der Biermann-Ausbürgerung, kehren auch Johanna und Annette in den Westen zurück. Wolfgang Kieling stirbt am 7. Oktober 1985 nach einer Magen-Operation in Hamburg. Tochter Susanne, die seine nachgelassenen, unvollendeten Memoiren herausgibt, setzt an den Schluss des Buches ein Zitat des Vaters: "Ich habe viermal mein Leben geändert und immer wieder von vorn angefangen. Veränderungen gehören zum Leben. Wenn ich mit Dreißig gewusst hätte, wie ich mit Sechzig leben würde, oder wenn ich gewusst hätte, dass es mit Sechzig noch immer so wäre, wie es mit Dreißig war - das hätte ich nicht ertragen können. Jetzt ist alles vorbei." ------------------------------ 1950 Der Schauspieler Wolfgang Kieling im Jahr 1950. Er wurde am 16. März 1924 in Berlin geboren und starb am 7. Oktober 1985 in Hamburg. 1966 Mit Alfred Hitchcock 1966 vor dem Cafe Kranzler in West-Berlin. Kieling spielte mit Paul Newman in Hitchcocks Film "Der zerissene Vorhang". 1968 1968 übersiedelte Wolfgang Kieling nach Ost-Berlin. Hier im gleichen Jahr mit seiner Tochter Annette, die er mitnahm, beim Spaziergang Unter den Linden. 1969 Kieling 1969 mit seiner späteren Frau Monika Gabriel während des dortigen Filmfestivals auf dem Roten Platz in Moskau. Beide spielen Hauptrollen in dem 1968 gedrehten Film "Das siebente Jahr". 1971 Das Intermezzo dauerte nicht lange. 1971 war Wolfgang Kieling schon wieder zurück im Westen.

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| Mannschaft | Tore | Punkte | |||
| 1 | Borussia Dortmund | 80:25 | 81 | ||
| 2 | Bayern München | 77:22 | 73 | ||
| 3 | FC Schalke 04 | 74:44 | 64 | ||
| 4 | B. Mönchengladbach | 49:24 | 60 | ||
| 5 | Bayer Leverkusen | 52:44 | 54 | ||
| 6 | VfB Stuttgart | 63:46 | 53 | ||
| 7 | Hannover 96 | 41:45 | 48 | ||
| 8 | VfL Wolfsburg | 47:60 | 44 | ||
| 9 | Werder Bremen | 49:58 | 42 | ||
| 10 | 1. FC Nürnberg | 38:49 | 42 | ||
| 11 | 1899 Hoffenheim | 41:47 | 41 | ||
| 12 | SC Freiburg | 45:61 | 40 | ||
| 13 | 1. FSV Mainz 05 | 47:51 | 39 | ||
| 14 | FC Augsburg | 36:49 | 38 | ||
| 15 | Hamburger SV | 35:57 | 36 | ||
| 16 | Hertha BSC Berlin | 38:64 | 31 | ||
| 17 | 1. FC Köln | 39:75 | 30 | ||
| 18 | 1. FC Kaiserslautern | 24:54 | 23 | ||