WOHNEN IN BERLIN - Im Osten Berlins werden Sozialwohnungen abgerissen, in Schöneberg und anderswo steigen die Sozialmieten.: Aus Marzahn direkt ins Museum: Der erste Plattenbau ist abgerissen

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Das erste Plattenbau im Osten Berlins ist Geschichte: Am Freitag sind die letzten Reste an der Marchwitzastraße 1-3 in Marzahn demontiert worden. Eines der Betonelemente wurde schon am Mittwoch auf einem Tieflader ins Deutsche Historische Museum gebracht. Die Platte soll in der Dauerausstellung, die 2004 im Zeughaus Unter den Linden eröffnet wird, Platz finden. Das Gebäude ist nicht nur das erste Plattenwohnhaus, das weichen musste. Er ist auch eines der ersten Gebäude, das Ende der siebziger Jahre in der Großsiedlung Marzahn bezogen worden war. Bis zur Wende entstanden dort rund 60 000 Plattenbauwohnungen, im benachbarten Hellersdorf mehr als 40 000. Das Gebiet gilt als die größte Großsiedlung in Europa. Die erste Platte war an der Marchwitzastraße am 4. Dezember gefallen. Seitdem wurden der 18- und 21-Geschosser, in dem einst 296 Familien wohnten, Etage für Etage abgetragen. Ende Juli wird nichts mehr daran erinnern. "Die kompakte, besonders verstärkte Grundplatte muss noch entfernt werden", sagt Degewo-Sprecherin Erika Kröber. Deren Tochtergesellschaft, der Wohnungsbaugesellschaft Marzahn (WBG), gehört das Gebäude. Wenn die mittelständische Firma Halter aus Spandau die Platte demontiert hat, sind aus dem rund 70 Meter hohen Haus 33 000 Tonnen Bauschutt geworden. Diese sollen für den Straßenbau verwendet werden. Anstelle des Hochhauses entsteht eine zwei Millionen Euro teure Freizeit- und Grünanlage. In der Großsiedlung Marzahn-Hellersdorf stehen inzwischen etwa 12 000 der zu DDR-Zeiten begehrten Plattenbauwohnungen leer, insbesondere in unsanierten Häusern. Besser Verdienende zogen fort, ebenso Kinder, die erwachsen geworden sind. Wohnten 1991 rund 291 000 Menschen im Bezirk, waren es Ende 2002 nur noch zirka 253 000 Einwohner. Die Gruppe Planwerk hat errechnet, dass in den nächsten Jahren 7 000 Plattenbauwohnungen in Marzahn und Hellersdorf abgerissen werden könnten. Anstelle nicht mehr gebrauchter Kitas und Schulen sollen Grün- und Freiflächen entstehen. Doch darüber, wie diese Ideen umgesetzt werden sollen, gibt es Streit zwischen Bezirk und Senat. "Einem bloßen Abriss ohne gleichzeitige städtebauliche Aufwertungsmaßnahmen werden wir nicht zustimmen", sagt Stadtrat Heinrich Niemann (PDS). Anlass für diese Äußerung ist ein Projekt der WBG an der Havemannstraße in Marzahn-Nord. Dort sollen, wie berichtet, 1 670 Wohnungen verschwinden, über 500 aufwändig saniert werden. Nur einige Häuser sollen deshalb komplett fallen, der Rest abgestuft werden. Auf die Entscheidung, ob die Idee verwirklicht wird, warten die Mieter seit 2002. Mehr als drei Viertel der Häuser wurde schon leer gezogen, kein angenehmes Gefühl für die verbliebenen Mieter. Doch zunächst hat Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) die Angelegenheit Ende 2002 zur Chefsache gemacht. Er will gründlich prüfen, ob sich das Projekt rechnet. Denn auch in der sanierten Platte gibt es Leerstand. Immerhin zehn Millionen Euro an Landesmitteln sind für den Umbau des Quartiers nötig - genau so viel Geld, wie in diesem Jahr für die Plattenbausanierung in Berlin eingeplant ist. Laut Strieders Sprecherin Petra Reetz fällt die Entscheidung in wenigen Tagen. "Abriss ohne gleichzeitiger Aufwertung stimmen wir nicht zu. " Baustadtrat H. Niemann. Kein Geld mehr // Leerstand: Nach Angaben von Verbänden der Wohnungsunternehmen stehen in Berlin 100 000 bis 140 000 Wohnungen leer, davon in den Plattenbauten von Marzahn-Hellersdorf rund 12 000. Bald könnten es 17 000 sein. Sanierung: 80 Prozent der Plattenbauten sind saniert. Anfang der neunziger Jahre wurden jährlich rund 500 Millionen Euro dafür ausgegeben. In diesem Jahr sind zehn Millionen Euro für die Plattenbausanierung im Etat. Ab 2004 gibt es die Förderung nicht mehr. Es war einmal ein Hochhaus: Am 4. Dezember fiel die erste Platte (l. ). Am Freitag verschwand der letzte Rest. BERLINER ZEITUNG/WULF OLM Am 12. Mai standen mehrere Geschosse des Plattenbaus noch. Ein Bagger macht sich an einigen Betonelementen zu schaffen.

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