13.02.2009

Worte für die Ewigkeit

Von Peter Zekert

Auf einer kleinen Metallscheibe werden die Sprachen der Welt in Mikroschrift archiviert. So sollen sie die Jahrtausende überdauern Jahrhundertelang hatten Forscher vergeblich versucht, die Hieroglyphenschrift der alten Ägypter zu entschlüsseln. Erst eine zufällige Entdeckung, die französische Soldaten im Jahr 1799 in der Nähe der ägyptischen Stadt Rosetta machten, half bei der nahezu unlösbar erscheinenden Aufgabe. Eingraviert in eine schwarz glänzende Steintafel war ein Dekret des Rates der ägyptischen Priester in drei Versionen zu lesen: in Hieroglyphenschrift, in der altägyptischen Gebrauchsschrift Demotisch und auf Griechisch. Der Stein aus dem Jahr 196 vor Christi Geburt wurde so zu einer Brücke zu einer fast schon verloren geglaubten Sprache. Solche Brücken sind heute nötiger als je zuvor. Denn Sprachen sterben derzeit mit Besorgnis erregender Geschwindigkeit aus. Im Jahr 2000 begann die US-amerikanische Stiftung Long Now Foundation daher ein Projekt, das eine moderne Form des Steins von Rosetta zum Ziel hatte. Herausgekommen ist die Rosetta-Disk, eine Metallscheibe von etwa 7,5 Zentimetern Durchmesser, auf der in mehr als 1 500 Sprachen der immer gleiche Text eingraviert ist: die ersten drei Abschnitte der biblischen Genesis. So viel Text passt natürlich auch auf einen USB-Stick. Man setze jedoch bewusst nicht auf ein digitales Archiv, erklärt Laura Welcher, die Leiterin des Projekts. Denn die Nullen und Einsen heutiger Computer- und Speichergeräte seien womöglich schon in hundert Jahren für niemanden mehr lesbar. Die geringe Lebensdauer der digitalen Formate hält auch Peter Wittenburg für das größte Problem langfristiger Archivierungsprojekte. Der Forscher vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik betreut im niederländischen Nijmegen ein digitales Archiv von mehr als sechzig Sprachen, die im Rahmen des Projekts zur Dokumentation bedrohter Sprachen, kurz Dobes, in aller Welt gesammelt wurden. "Derzeit müssen wir die Sprachdateien alle vier bis sechs Jahre auf neue Speichermedien übertragen", sagt er. Für die langfristige Datensicherung gebe es keine Garantie. Ein Problem, denn wenn Projekte auslaufen, Archive nicht mehr gepflegt werden und Gerätestandards wechseln, könnten untergegangene Sprachen ein zweites Mal verloren gehen. Diese Gefahr besteht bei der Rosetta-Disk, in deren Oberfläche winzige Buchstaben durch Beschuss mit Gallium-Ionen eingraviert werden, nicht. Sie soll mindestens zweitausend Jahre überstehen und anders als Papier auch Hitze und Feuchtigkeit trotzen. Zusätzlichen Schutz bietet eine Hülle aus zwei Halbkugeln, eine aus Glas und eine aus Stahl. Der Zugang zu ihren Informationen soll auch in ferner Zukunft noch intuitiv möglich sein. Die Buchstaben sind deshalb an den Rändern der Oberseite aus Titan mit bloßem Auge lesbar und werden zur Mitte hin immer kleiner. Die Glas-Hemisphäre fungiert zudem als Lupe, so dass man eine Sprachenliste erkennen kann, die ringförmig um ein Bild der Erde angeordnet ist. Das eigentliche Sprachreservoir befindet sich auf der Rückseite aus Nickel. Mehr als 13 500 Seiten sind dort eingraviert, jede von ihnen kaum breiter als ein halber Millimeter. Zum Lesen wird ein optisches Mikroskop mit etwa 1 000-facher Vergrößerung benötigt. Wieso gerade die Schöpfungsgeschichte gewählt wurde, beschreibt Alexander Rose, einer der Initiatoren des Projekts: Kein Text auf der Welt sei in so vielen Übersetzungen verfügbar wie die Bibel. Und die Genesis biete einen wichtigen Vorteil: Sie stehe ganz am Anfang. Nur so habe man sicher sein können, beim Zusammentragen der Übersetzungen in kaum bekannten Sprachen den richtigen Abschnitt zu scannen. Schon 2004 wurde ein Prototyp der Rosetta-Disk an Bord der gleichnamigen Raumsonde von der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa) ins All geschossen. Sie befindet sich auf einer zehnjährigen Reise zum Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko und soll danach auf eine Umlaufbahn um die Sonne einschwenken. Vor einigen Monaten wurden die ersten fünf Scheiben fertig gestellt und an die Hauptspender des Projektes verteilt. Die Herstellung einer Rosetta-Disk kostet derzeit rund 25 000 Dollar. Eines der nächsten Ziele ist es daher, eine erschwinglichere Version herzustellen. "Wir streben eine möglichst weite Verbreitung unserer Disks an", sagt Welcher. So wolle man die Chance erhöhen, dass sich wenigstens ein paar der Mini-Archive über die Jahrtausende erhalten. Weitere Infos: www.rosettaproject.org ------------------------------ Foto: Auf dieser Metallscheibe ist ein Bibeltext in 1 500 Sprachen eingraviert.

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