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Zu Recht nicht verfilmt: Das Drehbuch der letzten "Derrick"-Folge: Finales Sendungsbewusstsein

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Bei der jüngeren Generation hat sich den Fernsehklassikern gegenüber eine Rezeptionshaltung eingebürgert, die den Qualitätsbegriff der Alten mutwillig unterläuft: Ausgerechnet im Schlechten will man das Gute erkennen, chancenlos ist allein das Mittelmaß. Was sich aber in Pracht und Schönheit als Banalität zu erkennen gibt, wird mit den neuen Weihen des Kultigen geadelt, je peinlicher der aufklärerische Gestus, desto lieber ist es dem juvenilen Underground. Das MDR-Wunschkonzert avancierte so zum Schlager bei Stefan Raabs "TV-Total". Und als im vergangenen Jahr Oberinspektor Derrick den Dienst quittierte, war das allen Feuilletons ein wehmütiger Abgesang wert. Nun hat die Eventagentur "Barbarella Entertainment" ein Drehbuch von "Derrick"-Erfinder Herbert Reinecker aufgestöbert, das eigentlich den pompösen Bildschirm-Abschied für Tappert & Co im vergangenen Oktober hätte bereiten sollen. Allein: Die Folge "Doktor Traut" kam nie in die Produktion, Horst Tappert soll sich geweigert haben, das pathetische Drehbuch um Schuld und Sühne mit seinem Leben zu erfüllen. Am Montagabend nun traf man sich im Zigarettendunst eines Berliner Tanzlokals, um dem abgelehnten Meisterwerk Herbert Reinecker schrieb bis zum Schluss alle "Derrick"-Folgen die letzte Ehre zu erweisen: Neben Ludger Pistor als Derrick und Georg Uecker als Harry Klein wirkten bei dieser Lesung auch Stephanie Stappenbeck und Peter Fitz mit. Die lyrischen Regieanweisungen Reineckers ("Wohnraum Dr. Traut: Wir sehen ein Haus, konservativer, guter Geschmack, ein großes Haus") trug Wilhelm Wieben vor. "Meine Geschichte richtet sich ja vor allem an junge Leute", flüsterte Herbert Reinecker eingangs sichtlich bewegt ins Saalmikrofon und deutete auf die Szenegänger in "Clärchens Ballhaus". Man hatte dem alten Mann zuvor erklärt, dass bei allem Ernst des Anliegens während der Premiere doch auch mit einigem Gelächter zu rechnen sei eine sensible Umschreibung für auseinanderdriftende Erwartungen. Denn die "jungen Leute", die Reinecker mit seinem düsteren Alterswerk zum Kampf für eine friedlichere Welt anstiften wollte, wollten sich zuvörderst an der lieb gewordenen Schnurre erfreuen. Erst verschämt, dann aber immer mutiger kicherten sie über die kunstvolle Redundanz der Derrick-Dialoge (Polizist: "Es war ein bemerkenswerter Besuch." Derrick: "Warum war der Besuch bemerkenswert?"). Man delektiert sich am brutal antiquierten Frauenbild, das sich am geringen Sprechtext für eine sichtlich gelangweilte Stephanie Stappenbeck zeigte, und beobachtete feixend das Bemühen von Ludger Pistor, den artifiziellen Tonfall seiner Rolle einigermaßen zu ertappern. Freilich entstand durch die demonstrative Anwesenheit des Autors (normalerweise werden diese erst nach der Lesung auf die Bühne geholt) eine gewisse Hemmung, den Greis und sein Sendungsbewusstsein einfach so zu verlachen. Also hielt man sich weitgehend zurück, als der Plot seinen kathartischen Höhepunkt erreichte: Der Privatgelehrte Dr. Traut hält vor jungen Studenten demagogische Vorträge über die Schlechtigkeit der Welt. Suggestiv setzt er dafür auch Fernsehbilder aus Sarajevo und ein "lebensgroßes Originalfoto" (Regieanweisung) von der Rampe in Auschwitz ein. Die "jungen Menschen" lassen sich von der sichtbar gemachten "heillosen Verbrecherwelt" derart beeindrucken, dass einige von ihnen "freiwillig auf das Leben verzichten". Oberinspektor Derrick, der sich alsbald mit dem Champagnerglas vor dem KZ-Bild wiederfindet, soll nun die Suizide aufklären und in einem gewohnt pathetischen Showdown gegen den zynischen Fatalismus des Doktors folgende "Weltaufgabe" setzen: "Nehmt den Menschen die Mörderseele". Völlig zu Recht kam dieses Flehen nie auf den Bildschirm. Selbst Herbert Reinecker war beim Schreiben klar, "dass sie das Buch nicht nehmen werden". Der "Fall Derrick", wie die "Süddeutsche Zeitung" die Ablehnung betitelte, ist also kein Skandalon, Horst Tappert kein Hasenfuß. Auschwitz lässt sich einfach nicht solchermaßen verwerten. Das konnte man am Montag abend in "Clärchens Ballhaus" buchstäblich hören: Auch wenn Wilhelm Wieben Reineckers pompösen Regieanweisungen in seinem geschult distanzierten "Tagesschau"-Tonfall vortrug, schimmerte doch immer diese alte Vermessenheit durch, alle nur erdenklichen Geschütze um der großen Sache willen aufzufahren. Auch wenn die Sache nun der moralischen Aufklärung verpflichtet ist, auch wenn man Herbert Reinecker gute Motive unterstellen mag, bemächtigte er sich mit seinem "Doktor Traut" doch der Geschichte mit der gleichen omnipotenten Großmannsfantasie, mit der sie einst gemacht wurde. "Meine Geschichte richtet sich ja vor allem an junge Leute. " Herbert Reinecker

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