30.06.2011

Zum hundertsten Geburtstag des polnischen Literatur-Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz: Prophet der Katastrophen und der Erlösung

Von Artur Becker

Czeslaw Milosz ist in Deutschland ein weitgehend Unbekannter. Das verwundert - schließlich hat er 1980 den Nobelpreis bekommen, den er gewiss nicht nur seiner hervorragenden Dichtung, sondern auch dem Geist seiner Epoche zu verdanken hat: der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc. Die Werftarbeiter haben ihn mit ihren friedlichen Streiks für Brot und Freiheit aus seinem Exil befreit, in dem er sich seit Januar 1951 befand. Dreißig lange Jahre hatte er im kommunistischen Polen nicht publizieren dürfen. Seine auf Polnisch verfassten Texte erschienen bis 1980 ausschließlich im Pariser Exilverlag Kultura, den sein Freund Jerzy Giedroyc leitete. Nur wenige deutsche Leser - Dichter, Kritiker oder Liebhaber polnischer Literatur - kennen Milosz' Werk wirklich gut, obwohl dessen internationale Bedeutung für die Lyrik und die Essayistik unumstritten ist. Meistens wird Milosz (1911-2004) mit "Verführtes Denken" in Verbindung gebracht, dem von Karl Jaspers gelobten Essayband über die zerstörerische Beherrschung des menschlichen Intellekts durch das kommunistische Regime aus dem Jahre 1953. Eingeweihtere kennen noch seinen Kindheitsroman "Das Tal der Issa" und das Gedicht "Campo di Fiori", das jedwede Art von Inquisition am Beispiel der Hinrichtung Giordano Brunos im Jahre 1600 anprangert. 1943 geschrieben, ist es ein subtiler und verzweifelter Kommentar zu den schrecklichen Ereignissen während des Aufstandes im jüdischen Ghetto in Warschau. Das war's dann aber auch schon. Der deutsche Leser muss ins Englische wechseln, will er die ganze kulturgeschichtliche Bandbreite des Werkes von Milosz kennen lernen, denn im Deutschen liegen einige wichtige Bücher immer noch nicht vor. Neuauflagen bereits übersetzter Werke sind rar. Der Essayband "Das Land Ulro" zum Beispiel, 1982 in Köln erschienen, ist nur im Antiquariat erhältlich, obwohl gerade dieses Buch eine tragende Rolle im religiös-transzendenten Denken des polnischen Dichters spielt. William Blake, Emanuel Swedenborg, Dostojewski, Gombrowicz, Simone Weil, Beckett und Oscar V. Milosz, der französisch-litauische Dichter, ein entfernter Verwandter, sind hier die Hauptfiguren: Ihre Werke werden in den Dienst des Synkretismus - quasi Milosz' private Religion - gestellt. Man kann all die erwähnten Autoren - mit Ausnahme von Beckett - als Milosz' Verbündete im Kampf gegen den Agnostizismus, Atheismus und Nihilismus ansehen, aber auch gegen einen übermächtigen Biologismus, der Swedenborgs Jenseitsreisen belächelt oder Dostojewskis Frage nach dem Ursprung des Bösen in der Welt zu erklären versucht. Den Namen Ulro leiht sich der Dichter von der symbolischen Poetik Blakes aus, der einen Ort der Einsamkeit und Entfremdung so bezeichnet. Blake meint aber nicht bloß die Hölle, sondern unsere Zivilisation. Nach dem Zweiten Weltkrieg geht Milosz, der die moderne Zivilisation in seinen Texten von Anfang an scharf kritisiert, ausgerechnet in die USA. Und während seiner Anfangsjahre in Washington im diplomatischen Dienst der Volksrepublik Polen liest er aufmerksam die moderne amerikanische Dichtung, wie W.H. Auden oder Karl Shapiro. Er entwickelt sich im Laufe seines langen Lebens zu einem großen Erneuerer der Dichtung, nicht im Sinne der Avantgarde, die er immer skeptisch betrachtet hat, sondern im Sinne der Ontologie und der Wertefindung. Nicht umsonst fragt er in seinem Gedicht "Vorwort" von 1945: "Was ist Poesie, wenn sie weder Völker / Noch Menschen rettet?" Nur wenige Dichter haben ihre Lyrik so als geeignetes Instrument im Kampf gegen die Überbetonung des Rationalen begriffen wie Milosz. Der kalte, wissenschaftliche Verstand, der sich gegen unsichtbare Welten wie das Jenseits und die Ewigkeit standhaft wehre, dürfe nicht Gesellschaft und Kultur beherrschen, so Milosz. Ihn beschäftigt die Möglichkeit einer Rettung vor dem schmerzlichen Dualismus unserer vergänglichen Existenz. In seinem poetischen Werk geht es um die uralte eschatologische Frage nach der Ursache für die Vertreibung aus dem Paradies und dem Fall der Seele in den Kreislauf von Geburt und Tod. Milosz muss man deshalb unbedingt als einen religiösen Dichter bezeichnen. Seine Gedichte sind philosophische, theologische und metaphysische Mini-Traktate. Sie wirken auf die Imagination des Lesers, sodass man beginnt, die historischen, kulturgeschichtlichen und kausalen Bausteine unserer Zivilisation als eine faszinierende und apokalyptisch wirkende Ganzheit zu sehen. Im Gedicht "Was groß war" von 1959 schreibt er: "Was groß war, hat sich als klein erwiesen. / Reiche verblassten wie verschneites Kupfer." Der Dichter misstraut der Welt und der poetischen Form, obwohl er sie meisterlich beherrscht. Czeslaw Milosz wird 1911 in Litauen geboren, das zu jener Zeit von heidnischen Mythen und Legenden geprägt ist. Die Natur seines Geburtsdorfes Szetejnie wird zu seiner Lehrmeisterin im Guten wie im Bösen. Er erkennt die dualistisch-manichäischen Charakterzüge der Natur, deren Erbarmungslosigkeit und Schönheit zugleich unbegreiflich sind. Der Fluss seiner Kindheit, Niewiaza, bringt Milosz die Philosophie des Heraklit näher, er ist fasziniert von der Vergänglichkeit der Reiche, Staaten, Kulturen, Sprachen und Menschen. All diese kosmologische Energie der litauischen Landschaft mit ihren magischen Wäldern und Seen begleitet Milosz nach Vilnius, wo er Jura studiert: in die Stadt von Adam Mickiewicz, dem polnischen Nationaldichter und Romantiker, aber auch in eine Stadt, in der der Nationalismus der Polen, Litauer und Russen blüht, in der der Antisemitismus und die Apostasie der jungen Juden, die mit dem Kommunismus flirten, aufeinanderstoßen. In Vilnius trifft er Dichterkollegen und wird zum Mitbegründer von "Zagary" (litauisch für Brenngestrüpp), einer Gruppe gleichgesinnter Lyriker, die sich Katastrophisten nennen. Mit 25 veröffentlicht er "Drei Winter", seinen zweiten Gedichtband. In der literarischen Landschaft Polens ist er damit auf Anhieb so berühmt wie umstritten. Man fragt sich, woher der pessimistische Ton kommen mag. Woher dieser Drang nach Unverfälschtem, Unaussprechlichem und Unvergänglichem? Der Mensch erscheint hier wie göttlich-teuflisches Beiwerk: Die Welt selbst ist die Hauptfigur, die ständig ihre Identitäten ändert, weil sie vergeht und wieder neu entsteht. Der Onkel Oscar Milosz, ein prophetischer Dichter und in Frankreich hoch geschätzter Intellektueller und Diplomat im Dienste des jungfräulichen litauischen Staates, übt auf den begabten wilden jungen Mann aus der alten Heimat starken Einfluss aus. Ein Stipendium in Paris Mitte der Dreißiger besiegelt die literarische Freundschaft zwischen den beiden Männern. Erst viele Jahre später kehrt Milosz wieder nach Paris zurück, an die alte Wirkungsstätte seines exzentrischen, polyglotten Onkels, dessen Prophezeiung, 1939 werde der Zweite Weltkrieg beginnen, schreckliche Erfüllung gefunden hat. Diese Rückkehr ist aber keine gewöhnliche: Milosz verlässt im Januar 1951 den diplomatischen Dienst und entscheidet sich für das Exil. Ausschlaggebend ist sein Verzicht, 1950 an der Neujahrsfeier des Polnischen Schriftstellerverbandes teilzunehmen. Der Stalinismus zeigte in Polen sein wahres Gesicht, und die Teilnahme an der offiziellen Feier hätte für den späteren Autor von "Verführtes Denken" politisch-moralischen Bankrott bedeutet. Der Emigrant lässt sich mit seiner Frau und den beiden Söhnen im Pariser Vorort Brie-Comte-Robert nieder und bleibt bis 1960 in Frankreich, bis zu seiner Berufung als Professor für Slawistik an der kalifornischen Universität in Berkeley, was er nicht nur seiner Dichtung, sondern auch seinen kritischen Essays zu verdanken hat. In Polen wird er rasch zum Renegaten und Verräter erklärt. Aber Milosz' "Nein", 1951 in der Kultura veröffentlicht, ist nicht nur ein Aufschrei des Protestes gegen die Versklavung im Namen der kommunistischen Ideologie, er kann auch den folkloristischen Nationalismus, Katholizismus und Opportunismus nicht akzeptieren: ähnlich wie Witold Gombrowicz, der zweite große Emigrant. Wer Milosz' Buch "West- und Östliches Gelände" von 1958 in die Hand nimmt, wird sich sofort über den scharfen Ton, in dem Milosz seine Landsleute kritisiert, mächtig wundern - als hätte ihm Gombrowicz beim Schreiben zur Seite gestanden. Eine Rückkehr nach Polen hat er immer ausgeschlossen. Doch nach der Wende von 1989 sucht er sich eine Wohnung in Krakau und heiratet zum zweiten Mal. Seine letzten Dichtungen, der Band "Hündchen am Wegesrand" oder die Gedichtsammlung "Das" etwa, lesen sich wie universelle philosophisch-theologische Ratgeber, Traktate und Parabeln für jedermann. Die letzte Frage: Ist er glücklich gewesen? Fast das ganze 20. Jahrhundert hat er gelebt: 93 Jahre! Sicher ist eines: Er war ein unermüdlicher Zeitzeuge, und er schrieb das Gedicht "Das Lied vom Weltende" - eines der schönsten überhaupt. Aus Anlass des 100. Geburtstags von Nobelpreisträger Czeslaw Milosz erinnert Halma, das Netzwerk europäischer Literaturinstitutionen, im Rahmen des internationalen Projekts "Letters to Milosz" an sein Buch "West- und Östliches Gelände" (Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1980). Artur Becker, 1968 in Bartoszyce (Masuren) geboren, veröffentlichte zuletzt den Roman "Der Lippenstift meiner Mutter" (Weissbooks. Frankfurt am Main, 2010) . ------------------------------ "Was ist Poesie, wenn sie weder Völker / Noch Menschen rettet?" Czeslaw Milosz, 1945 Foto: Czeslaw Milosz (30.6.1911-14.8.2004) im Jahr 1986 in Paris

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