11.11.2000

Zwei neue Filme mit Götz George - auf die eine und andere Art misslungen: Schimanski muss leiden

Von Frank Junghänel

Was soll aus Horst Schimanski werden? Er ist aus der Zeit gefallen. Sein gefühltes Alter stagniert seit Ewigkeiten bei Ende vierzig, sein Hauptdarsteller Götz George ist in diesem Jahr biologische zweiundsechzig Jahre alt geworden. Die Figur und der Schauspieler - sie waren sich einmal so ähnlich wie die Kessler-Zwillinge, oft wurde der eine mit dem anderen verwechselt. Das ist vorbei, Götz George ist nicht nur älter geworden, als sein Bruder in der Kutte, er hat sich auch in seinem künstlerischen Ausdruck weiter entwickelt, als es dem pensionierten Hauptkommissar erlaubt ist. Wenn sich der Schauspieler heute die Schimanski-Jacke überzieht, dann spielt er Verkleiden. Die Differenz zwischen dem Spieler und seiner Rolle wird immer größer. Nun gab es seit der Wiederbelebung der Schimanski-Figur vor drei Jahren die verschiedensten Versuche, diese Identitätslücke irgendwie zu stopfen. Man hat es mit Ironie versucht, man hat es mit Gewalt versucht, man hat Schimanski ins Ausland geschickt und zurück nach Duisburg geholt. Es hat alles nichts genutzt. Bislang konnte einen noch kein Film davon überzeugen, dass es eine gute Idee gewesen ist, "Schimanski" wieder aufzulegen. Den klügsten Zugriff auf diese anachronistische Figur unternimmt der WDR in diesem Jahr. Für die beiden neuen Schimanski-Episoden wurden zwei junge, sehr eigenwillige, in ihren ästhetischen Mitteln absolut verschiedene Regisseure verpflichtet. Regisseure zumal, die vom Kino kommen und große Bilder sehen. Andreas Kleinert, der für die bessere Hälfte der "Klemperer"-Reihe zuständig war, hat "Tödliche Liebe" gedreht, Matthias Glasner, ein wild gewordener Autorenfilmer, war für "Schimanski muss leiden" (am 3. Dezember) zuständig. Die dramaturgische Absicht hätte besser kaum sein können, die entstandenen Filme sind auf die eine und andere Art misslungen. So ist das manchmal mit Theorie und Praxis. Andreas Kleinert läuft vor Schimanski davon, er hat sich von fast allem, was mit den Schimanskis der letzten Zeit zu tun hatte, verab-schiedet. Das Hausboot kommt bei ihm ebenso wenig vor, wie die Staatsanwältin, auch Schimanski selbst kommt nicht mehr vor. Nur seine Freundin Claire und Freund Hänschen erinnern mit ihren punktuellen Auftritten an früher. Und wo bleibt Schimanski? Er schleust sich als Agent Hugo Baldorf in eine Drückerkolonne mit lauter erbärmlichen jungen Leuten ein. Es gab dort einen Mädchenmord, den Schimanski aus irgendwelchen sentimentalen Gründen aufklären muss. Also kleidet sich Schimanski nach einer viertel Stunde des Films um und taucht als Baldorf wieder auf. Von diesem Moment an ist ein Götz George zu sehen, der einen Horst Schimanski spielt, der sich als Hugo Baldorf ausgibt. Dieser Baldorf wiederum erinnert an den frühen Gottlieb Wendehals, George gibt ihn pomadig, eklig immer schön auf der Schleimspur. Seine persönliche Schmierenkomödie beherrscht George aus dem Effeff, und so wird es im Film öfter komisch, als es der zu Düsternis neigende Regisseur Kleinert beabsichtigt haben mag. Wenn man sich an das Spiel mit den Identitäten gewöhnen will, beginnt nun ein völlig neuer Film, aber das ist eben kein "Schimanski" mehr. Wer "Columbo" einschaltet, möchte nicht erleben, wie Peter Falk stundenlang mit den Lackschuhen von Fred Astaire herumsteppt. Zurück zu Baldorf; der schwanzwedelt sehr engagiert um die Chefin der Drückerbrigade herum, die er in Verdacht hat, eine ganz Schlimme zu sein. Das ist sie auch, wie der Zuschauer bereits in einer Folterszene erleben musste. Katrin Saß spielt diese Elke Dorn mit einer schneidenden Kälte als eine üble Person, brutal aber heimlich nach Liebe (in Form von Baldorf) dürstend - was nicht nur kitschig klingt. Irgendwie dürsten in diesem Film alle nach Liebe, weil sie eine schwere Kindheit hatten oder überhaupt. So recht wollen sich in Kleinerts Regie die Elemente von Komödie, Tragödie und Milieu-Studie nicht zu einer Filmerzählung formen, zu einem Kriminalfilm schon gar nicht. Kleinert hält sich nicht an die Regeln, die unter anderem nach einer spannenden Tätersuche und einer plausiblen Motivlage verlangen. Götz George und Katrin Saß haben schöne Szenen miteinander, die zeigen, was in dieser Geschichte möglich gewesen wäre, wenn der Fokus viel stärker auf diese beiden reiferen Charaktere und nicht auf die Jugendlichen gerichtet gewesen wäre. Aber, und das verbindet Andreas Kleinerts Film mit Matthias Glasners Versuch, beide Filme forcieren bis zum Überdruss einen Handlungsstrang mit zielgruppengerecht aufgeputzten jungen Menschen. Als ob man dem Alten nicht mehr zutrauen würde, einen Film zu tragen. Die junge Garde an Schimanskis Seite, von einer Reihe mehr oder weniger begabter Nebendarsteller verkörpert, nimmt bei Kleinert viel Raum ein, bei Glasner nimmt sie der einzig interessanten Geschichte seines Films, der späten Liebe zwischen Schimanski und einer tapferen Großmutter (Christiane Hörbiger) völlig die Luft. Der Kommissar und die Großmutter sind auf der Jagd nach einem bösen Enkel, der seinerseits von kurdischen Aktivisten verfolgt wird, weil er Beweismaterial für Folterungen in der Türkei gestohlen hat. Der ernst zu nehmende politische Hintergrund dient dem Regisseur lediglich als Folie für eine überzogene Actionfarce. In "Schimanski muss leiden" muss nicht nur Schimanski leiden, dem Zuschauer geht es nicht besser. Nach zwanzig Minuten fragt sich Schimanski: "Um was geht s hier überhaupt?", nach dreißig Minuten konstatiert er: "Also ich verstehe überhaupt nichts mehr", nach der Hälfte des Films ist er noch nicht weiter, "Langsam verstehe ich die ganze Veranstaltung nicht mehr", und gegen Ende heißt es folgerichtig: "Schwachsinn ist genau das richtige Wort." Kleinert weicht Schimanski aus, Glasner lässt die Schimanski-Puppe zappeln, als wäre sie sein Spielzeug. So kann man mit ihm nicht umgehen. Weil der Kommissar vermutlich auch im nächsten Jahr unaufgefordert wiederkommen wird, sollte ihm endlich einmal jemand eine altersgerechte Geschichte schreiben. Tödliche Liebe, So., 20.15 Uhr, ARD Schimanski muss leiden am 3.12.

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