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ATTENTATE IN ISRAEL - Die Bevölkerung ist in Panik und fordert hartes Durchgreifen gegen die Palästinenser. Die US-Gesandten müssen beide Seiten mäßigen.: Das blutige Wochenende der Hamas

JERUSALEM, 2. Dezember. Mit zitternden Händen versucht die 16-jährige Israelin Moran Dalin ein Streichholz anzuzünden. Mitten auf der belebten Ben-Jehuda-Straße im Herzen Jerusalems will sie am Sonntag eine Kerze aufstellen. Dort, wo zwei palästinensische Selbstmordattentäter am Samstagabend zehn Passanten mit sich in den Tod rissen und über 170 weitere verletzten. Normalerweise geht auch Moran samstags nach dem Ende des Sabbat mit ihren Freunden auf die Ben-Jehuda-Straße, um sich zu amüsieren. Diese Woche ist sie aber zu Hause geblieben, um sich auf eine Prüfung vorzubereiten. Sie bedauert das. "Wenn ich hier gewesen wäre, hätte ich vielleicht helfen können. Vielleicht waren auch einige von meinen Freunden unter den Opfern", sagt sie. Wie nach vielen anderen Attentaten sind es auch jetzt vor allem junge Menschen, die am Ort des Geschehens zusammenkommen, um ihre Solidarität mit den vielen gleichaltrigen Opfern zu bekunden.Präzise koordiniert hatten sich am Samstag kurz vor Mitternacht in der belebten Fußgängerzone um den Zionsplatz im Herzen Westjerusalems zwei Selbstmord-Attentäter fast zeitgleich und im Abstand von rund 100 Metern in die Luft gesprengt. Die gewaltigen Sprengsätze waren mit unzähligen Nägeln, Schrauben und Metallsplittern versetzt. Rund zwanzig Minuten später, als die Bergungsarbeiten auf vollen Touren liefen, ereignete sich in einer benachbarten Nebenstraße eine gewaltige Autobomben-Explosion, die wie durch ein Wunder nur zwei Menschen verletzte. Die zehn Todesopfer, die erst im Laufe des Sonntags identifiziert werden konnten, sind alle zwischen 14 und 20 Jahre alt, und auch die Verwundeten sind fast ausschließlich Jugendliche, die die Restaurants, Cafés und Vergnügungsstätten im Zentrum Jerusalems zu so später Stunde bevölkern.Nachdem am Sonntagmorgen ein Israeli zwischen den Nordsinai-Siedlungen Elei Sinai und Nisanit durch Schüsse auf sein Auto getötet worden war und israelische Panzer die beiden Schützen liquidiert hatten, wurde die Hafenstadt Haifa durch eine gewaltige Busexplosion erschüttert, ausgelöst durch einen weiteren Selbstmordtäter. Vor den Krankenhäusern in Jerusalem und Haifa, die von den Angehörigen der Verletzten belagert und gestürmt wurden, kam es zu verzweifelten, wütenden Szenen, ebenso wie bei den Beerdigungen der ersten vier Jerusalemer Todesopfer am Sonntag. Zu allen Anschlägen bekannte sich die Islam-Organisation Hamas. Darüber hinaus gab es Ankündigungen weiterer Terroranschläge innerhalb Israels durch unterschiedliche palästinensische Extremistengruppen. Das für Dienstag geplante Treffen zwischen US-Präsident George W. Bush und dem israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon wurde um zwei Tage vorverlegt, um Scharons Rückkehr am heutigen Montag zu ermöglichen. Präsident Bush, Außenminister Colin Powell und US-Vermittler Anthony Zinni verurteilten die Terroranschläge aufs Schärfste und verlangten von Palästinenserchef Jasser Arafat umgehendes, entschlossenes Vorgehen - sowohl gegen die Verantwortlichen als auch gegen die Terror-Infrastruktur. Auch die Palästinenserbehörde verurteilte die Anschläge mit offensichtlichem Zorn, versprach die Bestrafung der Hintermänner und übermittelte dem israelischen Volk ihr Beileid. Doch der israelischen Bevölkerung bemächtigt sich Panik. Die erneuten Beteuerungen der Armee, die grüne Linie dicht zu machen, der Anblick massiv verstärkter Sicherheitskräfte in den großen Städten genügen den Menschen nicht mehr, nachdem alle bisherigen Abriegelungen und militärischen Kraftakte sich gegenüber Selbstmordattacken als ineffektiv erwiesen haben. "Arafat muss davongejagt, seine Behörde zerschmettert, Westufer und Gazastreifen erneut besetzt werden!", lauteten die Forderungen, die sich auch in aufgebrachten Anrufen an die Radiostationen niederschlugen.Scharon erwartet bei seiner Rückkehr ein Rücktritts-Ultimatum des Koalitionspartners "Israel Beitenu", falls er mit den Amerikanern weiter in Sachen Waffenstillstand kooperiert. Die Vorstellungen der Hardliner in Scharons Regierung fasste der Likud-Minister für Inneres, Uzi Landau, mit den Worten zusammen: "Bisher haben wir gegen Fliegen gekämpft - nun muss der Sumpf ausgetrocknet werden." (mit AFP)Populäre Terroristen // Die radikalislamische Hamas-Bewegung wurde 1987 gegründet. Die Gruppierung lehnt das Existenzrecht eines jüdischen Staates im Nahen Osten ab.Die gezielte Tötung von Führungsmitgliedern durch israelische Streitkräfte hat den Rückhalt der Hamas gestärkt. Einer Umfrage zufolge unterstützen 27 Prozent der Palästinenser die Aktionen der Hamas, vor einem Jahr sagten dies nur 13 Prozent. Die Hamas ist auch stark sozial engagiert.DPA Rettungskräfte bergen nach dem Selbstmordanschlag Verletzte auf der Ben-Jehuda-Straße in West-Jerusalem.