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Aus einem senegalesischen Dorf an die Universität und auf die Bestsellerlisten: Fatou Diome: Der Blick von unten

Salie, das bin ich". Fatou Diome lässt keinen Zweifel daran, dass es ihre Geschichte ist, die sie im Roman "Der Bauch des Ozeans" erzählt. Eine Geschichte, die als Erfindung auch gar nicht durchgehen würde: wegen eklatanter Unglaublichkeit. Der Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos ist nichts dagegen: Denn dieser Tellerwäscher ist weiblich, schwarz und ein uneheliches Kind. Solche lässt man auf der Insel Niodior vor der Küste des Senegals gern unauffällig verschwinden, und das war auch für Fatou vorgesehen. Der Stiefvater wollte den Bastard nicht mehr sehen, legte das Baby "in den Hof zwischen die Pfützen. Oft wehte mich ein Sandsturm zu, und meine Mutter fand mich unter einer Staubschicht".Die Großmutter, die das unerwünschte Kind zu sich nimmt, rettet ihm buchstäblich das Leben. Der nächste Lebensretter, im übertragenen Sinne diesmal, ist der Dorfschullehrer, ein auf die Insel verbannter Gewerkschaftler und Marxist. Er veranlasst, dass sich die Kleine, die sich immer wieder in seinen Unterricht schmuggelt, offiziell daran teilnehmen kann. Als er bei der Großmutter vorspricht, um sie einschreiben zu können, stellt er fest, dass es von der Unerwünschten nicht einmal ein genaues Geburtsdatum gibt. Fatou Diome ist wohl die einzige französische Schriftstellerin, die nicht genau weiß, wann sie geboren ist.Sie lacht ihr breites Lachen, als sie das in einem Straßburger Café erzählt. Seit zehn Jahren lebt sie im Elsass. 1994 kam sie her, als Ehefrau eines Franzosen, den sie sie in Dakar kennen gelernt hatte. Die Ehe ging schnell auseinander; die Schwiegereltern wollten keine Schwarze in der Familie, und schon gar keine Intellektuelle. Denn das ist Fatou Diome. Um weiter studieren zu können, ging sie putzen. Die Erfahrungen, die sie in besseren Straßburger Häusern gemacht hat, haben sich ihr tief eingeprägt. Wenn sie jetzt als erfolgreiche Autorin in solche Häuser kommt, muss sie nicht lange überlegen, um zu wissen, wie sie hier als Putzfrau behandelt worden wäre.Der Blick von unten auf eine Gesellschaft ist immer besonders scharf, und was sich ihm zeigt, nicht besonders angenehm. Über die Welt aus der Putzfrauenperspektive kann Fatou Diome viel erzählen. Ohne Ressentiments, aber auch ohne jede Beschönigung. Rassismus und Klassendünkel konnten sich an dieser jungen Schwarzen in fataler Kombination entzünden. Nur die Kinder in solchen Familien waren anders: "Kinder unterscheiden nicht zwischen Dienstboten und Menschen - wenn man es ihnen nicht schon eingetrichtert hat."Fatou Diome verhehlt ihren Stolz nicht, niemandem etwas schuldig zu sein. "Von den Steuern, die ich zahle, kann die Sozialhilfe für etliche Rassisten bestritten werden, die die Afrikaner aus Frankreich raus haben wollen", sagt sie und kichert. Manche kriegen es nicht in den Kopf, dass ein Abkömmling einer Analphabetenfamilie (und selbst dort noch ein Underdog) besser französisch spricht als sie - vom Schreiben ganz zu schweigen - , an der Universität lehrt, promoviert und eine Kultursendung im Fernsehsender FR3-Alsace moderiert.Fatou Diome ist ein Beleg für die Ausstrahlung, die Attraktivität und die Assimilationskraft der französischen Kultur - in der Nachfolge ihres Landsmanns Leopold Sédar Senghor, Dichter, langjähriger Staatspräsident des Senegal und ein Leuchtturm der Frankophonie. Zu dieser Assimilation gehört aber auch Kraft, Ausdauer und Durchsetzungswille. "Stark? So sehe ich mich überhaupt nicht, ich sehe meine Zerbrechlichkeit, die ständige Angst zu fallen. Und zu fallen hätte ich mir nicht leisten können, nicht ein einziges Mal."Der Stiefvater - und mit ihm etliche "legitime" Mitglieder seiner Familie - lebt inzwischen von dem Geld des Bastards, den er umkommen lassen wollte. Ermöglicht hat ihr das alles der Roman "Le ventre de l'Atlantique", mit 200 000 verkauften Exemplaren in Frankreich ein Bestseller, der inzwischen in sieben Sprachen übersetzt wird. Er erzählt die Geschichte Salies - ihre eigene - und von der Fußball-Leidenschaft der senegalesischen Jugend, die auf einem altersschwachen, jeden Moment den Geist aufgebenden Fernseher die Spiele der Weltmeisterschaften verfolgt, davon träumend, selbst einmal in einem französischen Verein spielen zu können. Frankreich ist das gelobte Land, in dem Milch und Honig fließen - diese Legende wird von Rückkehrern gepflegt und liebevoll poliert, die sich in Paris als Handlanger durchschlugen und jetzt im Dorf, wo ihre paar Francs das Vielfache wert sind, den großen Mann markieren können.Der Roman ist eine Liebeserklärung an die Heimat und eine Abrechnung mit ihr. Nichts von Dritte-Welt-Romantik. Dafür eine repressive Dorfgemeinschaft, die alles, was dem Überkommenen nicht entspricht, ausstößt. Die Frauen nicht besser behandelt als Haustiere. Die es zulässt, dass sogenannte Wunderheiler Kinder sexuell missbrauchen. Und die in der männlichen Jugend diese Rückständigkeit reproduziert.Fatou Diome schont aber auch den Westen nicht. "Wirklich obszön", sagt ihre Heldin, "ist, wie die Dritte Welt verhungert, während der Westen aus allen Nähten platzt". Die Sextouristen oder Rassismus unter Afrikanern selbst: Für Diomes Sarkasmus gibt es Stoff genug.Dieser Stoff wird in einem frischen Ton vorgetragen, mutig in den Bildern, die auch mal entgleisen können, und von einem Rhythmus, der auch in der Übersetzung noch nachklingt. Dieser Rhythmus ist das Ergebnis einer eigenwilligen Arbeitsweise. Fatou Diome schreibt immer nachts (zum Interview, am frühen Nachmittag, ist sie gerade aufgestanden), und quasi aus dem Kopf. Dort hat sie Sätze, Abschnitte, manchmal ganze Kapitel zurechtgelegt und bis zur Perfektion bearbeitet, bis der Ton, der Rhythmus stimmt. Ihren ganzen Roman kann sie auswendig - ein Ergebnis der oralen Tradition ihrer Heimat; das kleine Mädchen, aber auch die Studentin hat alles Wissen mündlich aufgenommen.Seit 2002 ist Fatou Diome auch französische Staatsbürgerin. In den Senegal fliegt sie, seit sie das Geld dazu hat, mehrmals im Jahr. Wenn sie die Großmutter besucht, nimmt sie inzwischen einen Kassettenrekorder mit. Am liebsten würde sie die inzwischen 92-Jährige einmal nach Straßburg holen - aber das wollen deren Kinder nicht, "alles blöde afrikanische Machos".------------------------------Die Schriftstellerin Fatou Diome // Die Senegalesin wurde 1968 als uneheliche Tochter einer Analphabetenfamilie geboren.Vor zehn Jahren kam sie als Ehefrau eines Franzosen nach Straßburg.Nach der Trennung von ihrem Mann schlug sie sich als Putzfrau durch. Heute hat sie promoviert, lehrt an der Universität, und moderiert eine eigene Literatursendung.Ihr autobiografischer Debütroman "Im Bauch des Ozeans" verkaufte sich in Frankreich 200 000 Mal. Übersetzt von Brigitte Grosse erschien er bei Diogenes, Zürich 2004. 272 S., 18,90 Euro.------------------------------Foto: Europa ist nicht das Paradies: Fatou Diome.


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