14.02.2012

Aktuar: Die Zukunft berechnen

Um die Höhe von Versicherungsbeiträgen zu berechnen, müssen Aktuare viele Eventualitäten einkalkulieren.
Um die Höhe von Versicherungsbeiträgen zu berechnen, müssen Aktuare viele Eventualitäten einkalkulieren.
Foto: dpa

Die Zukunft berechnen Kreativ, kommunikativ, lösungsorientiert – Aktuare müssen mehr sein als Mathematikgenies. Sie beschäftigen sich vor komplexen mathematischen Hintergründen mit Problemen der Gegenwart und Zukunft komplexen mathematischen Hintergründe so weit zu vereinfachen, dass sie sie Laien verständlich erklären kan

Bislang zahlen Frauen für eine KFZ-Versicherung meist geringere Beiträge als Männer – weil sie seltener Unfälle bauen. Mit einer durchschnittlich fünf Jahre längeren Lebenserwartung liegen die Beiträge zur privaten Rentenversicherung für Frauen hingegen höher. Ab Ende des Jahres zahlen Frauen und Männer jedoch einheitliche Tarife – auf Beschluss des Europäischen Gerichtshofs.

Viel Arbeit für die Versicherer, die bisherigen Produkte umzustellen. Und viel Arbeit für die Aktuare, die die neuen geschlechterunabhängigen Tarife berechnen müssen. Aktuare arbeiten überall dort, wo es Risiken einzuschätzen und zu bewerten gilt – bei Versicherungen, Banken, Behörden, in der Wirtschaftsprüfung, als Sachverständige vor Gericht oder in statistischen Ämtern. Dort ermitteln sie etwa, wie hoch der Preis für ein Versicherungsprodukt sein muss. „Für derartige Preiskalkulationen müssen sie wissen, was der Kunde zu zahlen bereit ist“, sagt Claudia Andersch, seit vielen Jahren als Aktuarin in der Versicherungswirtschaft tätig.

„Zudem müssen Aktuare ein Gespür für die Probleme und Sorgen der Menschen haben.“ Nur so seien die optimale Weiterentwicklung bestehender Produkte und die Konzipierung neuer Versicherungen möglich. „Es ist aber nicht so, dass wir abgeschottet im stillen Kämmerchen sitzen und vor uns hin rechnen“, erklärt Andersch. „Wir sind sie die Schnittstelle zwischen Produktentwicklung, Vertrieb und Kunde und müssen kreative Lösungen entwickeln.“ Dabei behalten Aktuare stets die Leistungsfähigkeit des gesamten Unternehmens im Blick.

„Dennoch wäre ein reiner Mathematiker, der diese Sicherheit bis auf die zehnte Kommastelle berechnen möchte, in diesem Beruf nicht gut aufgehoben“, meint Claudia Andersch. „Er muss sich damit zufriedengeben, dass er manches nur zu 80 Prozent einschätzen kann.“ Schließlich weiß niemand genau, wie viele Menschen nächstes Jahr verunfallen, wie sich der Finanzmarkt entwickelt oder welche Konsequenzen politische Gesetzesinitiativen bringen. „Trotzdem muss man Preise für Versicherungen berechnen.“ Um all diese Eventualitäten möglichst gut im Blick zu haben, muss sich ein Aktuar für all jene Themen interessieren, die mit seinem Gebiet zu tun haben.

Vor Simulations- und Prognoseberechnungen, die immer eine gewisse Unsicherheit mit sich bringen, darf man keine Angst haben. Claudia Andersch lässt sich davon nicht abschrecken. Vielmehr liebt sie es, sich mit den vielfältigen Problemen der Gegenwart und Zukunft zu beschäftigen und diese komplexen mathematischen Hintergründe so weit zu vereinfachen, dass sie sie Laien verständlich erklären kann. Auch über diese Fähigkeit sollte ein Aktuar verfügen. Neben einem Mathematikstudium mit fundierten Kenntnissen der Stochastik und Statistik ist deswegen eine aktuarwissenschaftliche Zusatzausbildung zu absolvieren.

In finanzieller Hinsicht zahlen sich diese Mühen aus: Das durchschnittliche Bruttomonatsgehalt eines Aktuars liegt bei 6.600 Euro. Dies fand die Deutsche Aktuarvereinigung in einer 2010 durchgeführten Umfrage unter ihren Mitgliedern und Prüflingen heraus. Ein Masterabschluss, eine Promotion sowie Berufserfahrung wirken sich positiv auf das Gehalt aus. Auch die Berufschancen sind vielversprechend. Denn in einer immer komplexer werdenden Welt mit stetig wachsenden Ansprüchen an ein Risiko- und Erfolgsmanagement sind Aktuare stark nachgefragt. Frauen seien hinsichtlich der Aufstiegschancen nicht benachteiligt, sagt Claudia Andersch und sieht die Gründe dafür in der guten Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „In der Regel ist der Job mit wenig Reisetätigkeiten verbunden und die Arbeitszeit flexibel gestaltbar.“

Auf der Karriereleiter hat es die diplomierte Mathematikerin bereits nach oben geschafft: Seit vergangenem Jahr ist Claudia Andersch Vorstandsmitglied der Cosmos-Direkt-Gesellschaften – als eine von zwei Frauen. Zudem sitzt sie im Vorstand der Deutschen Aktuarvereinigung. Wen es also reizt, die finanziellen Unsicherheiten und Risiken der Zukunft abzuschätzen und zu bewerten, ist in diesem Beruf genau richtig.

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