15.02.2012

Hofbräu: Schunkeln mit Schatzi

Von Elmar Schütze und Anne Vorbringer
Mickie Krause, bürgerlich: Michael Engels, einmal nicht auf Mallorca, sondern im Hofbräu am Alexanderplatz. Ballermann in Berlin.
Mickie Krause, bürgerlich: Michael Engels, einmal nicht auf Mallorca, sondern im Hofbräu am Alexanderplatz. Ballermann in Berlin.
Foto: Christian Schulz
Berlin –  

Konzerte und Starkbierfeste sollen künftig die obere Etage des Hofbräu in Mitte füllen. Den Anfang macht Stimmungsbarde Mickie Krause.

Alexanderplatz, Hofbräu. Ein riesiger Raum für 1 000 Gäste, lange Holzbänke, auf den Tischen große Biergläser und Brotzeitplatten, an der Wand Wirtshaussprüche. So was wie die bayerische Landesvertretung in Preußen. Es ist neun Uhr am Freitagabend. Der Raum ist voll, 29,90 Euro kostet eine Karte für dieses erste große Livekonzert in der Bierhalle seit der Eröffnung im November. Damen und Herren, 30 aufwärts, haben sich rausgeputzt. Sie stehen auf den Bänken, singen die Lieder der hauseigenen Band mit, schunkeln sich warm. Die vielen „oans, zwoa… gsuffa“ haben erste Spuren hinterlassen. Kleine, gemein-rote Apfelschnäpse haben das Übrige getan. Junge Frauen mit engen Shirts, auf denen „Alkomat-Patrouille“ steht, wandern durch die Reihen. Wer möchte, kann seinen Alkoholgehalt im Blut bestimmen lassen. Wenige wollen, denn sie ahnen ihn wohl schon.

Ballermann in Berlin

Frauen tragen lustig abstehende Zöpfe unter Cowboyhüten. Bei den Männern dominieren karierte Hemden und bunt bedruckte T-Shirts. Darauf steht wahlweise „Frei & Willig“, „Oberbayern“, oder „Riu Palace“. Ersteres ist wohl als unzweideutige Einladung gedacht, die beiden letzteren sind Etablissements in Palma de Mallorca. Es ist Almrauschparty im Hofbräu. Ballermann in Berlin-Mitte.

Es ist eine Premiere, der Beginn einer Reihe. Sonst ist nur das ebenso große Erdgeschoss bei freiem Eintritt geöffnet, wenn größere Gruppen kommen, ist auch oben Betrieb. Der nächste Event-Termin steht schon fest: Am 16. und 17. März ist Starkbierfest mit den Jetzendorfer Hinterhof-Musikanten.

Hofbräu

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Zur Einweihung schallt es „Mickieee“ aus der einen Ecke des Saals, „Krause“ antwortet die andere. Endlich ist er da, alles drängt sich Richtung Bühne. Mickie Krause, Sonnenbank-gegerbtes Gesicht, strähnige Perücke. schwarze Lederjacke. Stimmungssänger, 41, nach eigenen Angaben früherer christlicher Pfadfinder, seit einem Jahrzehnt Vizekönig von Mallorca (Platz 1 gebührt Jürgen Drews). Dort singt der Mann vor 8 000 aufgeheizten Urlaubern. Er weiß, wie’s geht. Schlagerliedgut auf Techno-Disco getunt.

Es geht los mit „Reiß’ die Hütte ein“ (nach „Where’s your mama gone“). Das Publikum stampft, klatscht, grölt mit. „Jan Pillemann Otze“ („Was wollen wir trinken“), „Volare, Schamhaare“ („Volare“), unvermittelt Fußballlieder à la „Orange trägt nur die Müllabfuhr“ (nach „Go West“ – „nur für den Fall, dass Holland Europameister werden sollte“, sagt Krause). Ach, man könnte ewig weitermachen… Ist das live? Klingt so. Mickie Krause hat eine kräftige Stimme. Zwischendrin entledigt er sich seiner Jacke und seines T-Shirts – jemand hat ihm ein „Berlin loves you“ gereicht, das er überzieht.

Wer will jetzt schon reden?

Mickie Krause macht mit seinen größten Hits weiter. Bei „Schatzi schenk mir ein Foto“ und „Zehn nackte Friseusen“ hält er das Mikro ins Publikum. Test bestanden, Text fabelhaft gekonnt. Stampf! Stampf! Klatsch! Klatsch! Hüpf! Hüpf! Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Aber wer will jetzt schon reden?

Nach einer guten Stunde bricht plötzlich die Ekstase ab, die Musik ist aus. Mit einem Mal ist es ganz still im Saal. Der zuvor hypermotorische Künstler steht entspannt auf der Bühne und verteilt glitzernde Autogrammkarten und Sonnenbrillen à la Puck, die Stubenfliege. Eine Schwangere lässt sich ihren Bauch signieren. Er nimmt sich Zeit, und alle warten diszipliniert, bis sie dran sind. Eine Mischung aus Ergebenheit und Erwartungshaltung. Keiner schubst, niemand drängelt, keine Spur von Enttäuschung über das jähe Ende der Show, keine Spur von Begeisterung, dafür satte Zufriedenheit. Mickie Krause geht ab. War das Ironie? Dem Publikum ist’s herzlich wurscht. Ganz am Ende streitet ein Gast mit zwei riesigen Bodyguards. Sie ringen ihn nieder und tragen ihn raus.

Wem das zu viel Realismus ist, wer aber dennoch Schlager mag, der ist wohl in der Hafenbar besser aufgehoben. Der etwas spelunkenhafte Laden ist einer der ältesten Clubs Berlins. Seit 45 Jahren wird in der Chausseestraße in Mitte zu populärer Musik getanzt. Und seit nunmehr 16 Jahren gehört der Freitagabend, immer ab 21 Uhr, den „Stimmen in Aspik“, einer Schlagerreihe um gestandene Radio-DJs. Am Freitag ist ein Discjockey namens Der Liebesspieler dran.

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