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Ausgelesen: Tödliche Ausgrenzung

11 Freunde Magazin für Fußballkultur. März 2014, 4,80 Euro.

11 Freunde Magazin für Fußballkultur. März 2014, 4,80 Euro.

Als Widerstandskämpfer gegen die nationalsozialistische Okkupation des Fußballs ist der legendäre Josef „Sepp“ Herberger nicht gerade in Erinnerung geblieben. Bereits am 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei und erhielt dort die Partei-Mitgliedsnummer 2 208 548. Später kamen Mitgliedschaften in der deutschen Arbeitsfront, der NS-Volkswohlfahrt und dem Reichschutzbund hinzu. Ein ergebener Nazi war er deswegen wohl nicht. Vielmehr bemühte er sich als Assistent des Nationaltrainers Otto Nerz, den er nach dem Versagen der deutschen Mannschaft bei den Olympischen Spielen von 1936 ablöste, alles für den Aufbau einer funktionierenden Fußball-Elite zu tun. Dazu gehörten auch geschickte Abwehrkämpfe gegen verschiedene Gliederungen des NS-Apparats, die den Fußball gern für sich eingespannt hätten. Die Spitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), allen voran ihr opportunistischer Präsident Felix Linnemann, taten ohnehin das meiste dafür, dass der Fußball ein emsiges Rädchen im NS-Getriebe abgab.

Nach 1945 kam es dann darauf an, umfangreiche Entlastungserzählungen in Umlauf zu bringen. So heißt es, dass Herberger bis zu seinem Tod eine Freundschaft zum früheren Nationalspieler Gottfried Fuchs unterhielt. Dieser war neben Julius Hirsch einer von zwei jüdischen Sportlern, die je das Trikot des DFB übergestreift hatten. Als Herberger 1972 vorschlug, Fuchs zu den Olympischen Spielen nach München einladen zu lassen, stieß er jedoch auf Ablehnung. Beim DFB war man der Ansicht, „dass ein Präzedenzfall geschaffen würde, der auch für die Zukunft noch erhebliche Belastungen mit sich bringen könnte.“ Zu den DFB-Mannen, die derlei befürchteten, gehörten mehrere Funktionäre mit ambitionierter NS-Vergangenheit.

Die Aufarbeitung derselben durch den DFB musste noch einige Jahrzehnte warten. Eine verdienstvolle Recherche dazu hat nun die Fußballzeitschrift „11 Freunde“ in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung des DFB veröffentlicht. In einer Beilage des aktuellen Heftes rekonstruieren sie 192 Lebensläufe jüdischer Fußballer, die zunächst aus ihren Vereinen verdrängt und viele von ihnen und später in deutschen Konzentrationslagern umgebracht wurden. In der Einleitung skizzieren die Sporthistoriker Lorenz Pfeiffer und Henry Wahlig den systematischen Verlauf dieser tödlichen Ausgrenzung. Ein Beitrag im regulären Heft gibt aber auch Auskunft darüber, welch enormen Zulauf die Vertreibung der Juden aus den deutschen Vereinen der Makabi-Bewegung jüdischer Vereine brachte. Der DFB hat sich sehr lange schwergetan, sich aufklärerisch zu seiner Institutionengeschichte zu verhalten. Die Beilage von „11 Freunde“ verweist nicht nur auf die „verlorenen Helden“, sondern auch auf die noch immer große Forschungslücke zu den Verstrickungen des deutschen Sports in die NS-Verbrechen.



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