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Berliner Zeitung | Aussage vor dem Untersuchungsausschuss: Polizist wirft neue Rätsel im NSU-Fall auf
31. March 2014
http://www.berliner-zeitung.de/4365702
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Aussage vor dem Untersuchungsausschuss: Polizist wirft neue Rätsel im NSU-Fall auf

Unübersichtlich wie diese Schilder am Oberlandesgericht München ist die Faktenlage im Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss.

Unübersichtlich wie diese Schilder am Oberlandesgericht München ist die Faktenlage im Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss.

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dpa

Was geschah am 4. November 2011 nach dem Brand des Wohnmobils in Eisenach, in dem Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt starben? Nach der Zeugenvernehmung im Erfurter NSU-Untersuchungsausschuss am Montag tun sich immer mehr Rätsel um das Ende der rechten Terrorzelle auf.

Der wichtigste Zeuge bei der Befragung war Michael Wenzel, damals Leiter der für Eisenach zuständigen Polizeidirektion Gotha. Wenzel hatte nach dem Fund der Leichen die Sonderkommission SoKo „Capron“ eingerichtet. Deren Ermittlungen wurden erst am 16. November von der Bundesanwaltschaft übernommen.

Ungewöhnlich schnell am Tatort

Wenzel gab vor dem Ausschuss an, schon eine halbe Stunde nach dem Brand des Wohnmobils am Tatort im Eisenacher Ortsteil Stregda eingetroffen zu sein. Er begründete seine für einen Behördenleiter ungewöhnlich schnelle Anwesenheit vor Ort damit, dass er von einer besonderen Gefährdungslage ausgegangen sei. Seine erste Amtshandlung am Tatort war laut Wenzel, die Speicherkarte der Kamera eines Feuerwehrmannes zu beschlagnahmen.

Der Mann hatte zu Dokumentationszwecken Aufnahmen im Inneren des Wohnmobils gemacht und damit die ersten Tatortfotos erstellt. Wenzel begründete sein Handeln damit, dass er eine Veröffentlichung der Fotos verhindern wollte. Ob die Speicherkarte je zurückgegeben wurde, konnte er nicht sagen. Auch hatte er keine Erklärung dafür, warum diese Fotos offenbar nicht in den Ermittlungsakten auftauchen. Tatsächlich sind die Aufnahmen des Tatorts bis heute verschwunden.

Schon eine Stunde nach seiner Ankunft am Tatort hatte Wenzel zudem den Abtransport des Fahrzeugs in eine Garagenhalle angeordnet. Er begründete dies damit, dass man nur so ordnungsgemäß hätte die Leichen bergen und die Spuren im Wagen sichern können. Allerdings gab es beim Abtransport eine Panne – das Wohnmobil wurde über eine 20 Grad geneigte Rampe auf das Abschleppfahrzeug gezogen, so dass es im Innern zu einer völligen Zerstörung der ursprünglichen Spurenlage gekommen sein dürfte.

Und noch etwas ist rätselhaft: Das abgeschleppte Wohnmobil traf um 15.30 Uhr in der Halle ein, wo die Spurensicherung bereits wartete. Erst dann begann auch die Bergung der ersten Leiche und der Waffen. Doch schon eine halbe Stunde später will Wenzel nach eigenen Angaben die Information erhalten haben, dass eine der im Wohnmobil liegenden Waffen die Dienstwaffe von Michèle Kiesewetter war. Die Thüringer Polizistin war im April 2007 als mutmaßlich letztes Opfer vom NSU in Heilbronn erschossen worden.

Widersprüchliche Aussagen

Ungeklärt blieb auch die Frage, wann die Identität der Leichen feststand. Wenzel gab an, er habe erst am Morgen des Sonnabend erfahren, dass eine der beiden Leichen Mundlos sei. Die Identifizierung durch die Rechtsmedizin sei demnach am frühen Morgen kurz nach 3 Uhr erfolgt. Demgegenüber steht aber die von einem Mitarbeiter Wenzels bereits am Freitag, also dem 4. November, um 23.13 Uhr ausgefüllte Sterbefallanzeige über Mundlos. Um die Verwirrung perfekt zu machen, hatte ein dritter, damals bereits pensionierter Beamter kürzlich vor dem Ausschuss angegeben, schon am 4. November gegen 21 Uhr von einem Ex-Kollegen erfahren zu haben, dass man die Leiche von Böhnhardt in dem Wohnmobil gefunden habe. Tatsächlich aber wurde Böhnhardt laut Wenzel erst am 7. November identifiziert.

Auch wenn der Erfurter Ausschuss am Montag seine Zeugenvernehmungen beendete, bleiben die Ereignisse um den 4. November rätselhaft. Und nicht nur das: Der Verdacht hat sich verstärkt, dass die Behörden noch immer wesentliche Informationen über das tatsächliche Geschehen zurückhalten. Auch deshalb wird das Gremium wohl in der kommenden Legislaturperiode weiter aufklären.