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Außerparlamentarische Opposition heute: das Zentrum für Politische Schönheit und sein Beitrag zum Bundestagswahlkampf: Theater für die Generation, die nichts mehr wollte

Ihre Gesichter sind verrußt, die Blicke in die Ferne gerichtet. Sie sprechen mit festen Stimmen in Megafone und fordern die Rückkehr der Schönheit in die Politik. "Wir wühlen in den verbrannten Hoffnungen Deutschlands", sagt Philipp Ruch, Kopf des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS).Ruch, 28, und seine Kollegen sind Teil von etwas, das man die Außerparlamentarische Opposition 2.0 nennen könnte: In Mainz unterbrach ein Flashmob Anfang der Woche eine Wahlkampfrede Angela Merkels mit einstimmigen "Yeah"-Rufen nach jedem Satz, eine Person in pinkfarbenem Hasenkostüm fiel Justizministerin Brigitte Zypries auf dem Fest zu "60 Jahren Grundgesetz" um den Hals, Mitglieder der "Kunstgruppe Gottlieb" tauchten wortlos in Supermärkten oder vor dem Olympiastadion auf, rollten ein Transparent mit der Aufschrift "Widerstand" aus, um dann wenig später wieder zu verschwinden.Die APO des 21. Jahrhunderts, so scheint es, wird von den Künstlern übernommen. Ihre Aktionen verbreiten sich rasend schnell über YouTube und soziale Netzwerke und verschaffen den Akteuren eine Öffentlichkeit, die es so vor vierzig Jahren nie hätte geben können. Und während vieles auf den ersten Blick nach bloßem Klamauk aussieht - das ZPS zumindest will mehr. "Unser Ziel ist Agenda-Setting," sagt Ruch. "Mit den Wahlkampfthemen gelingt es den Politikern einfach nicht, in den Menschen etwas zu wecken." Dass wenige Tage vor der Wahl Umfragen zeigten, dass die Hälfte der Wahlberechtigten nicht weiß, wie sie sich am Sonntag entscheiden soll, bestätigt ihn.Politikverdrossenheit ist für das ZPS eigentlich eine Politikerverdrossenheit. In der gegenwärtigen Politik, sagt Ruch, fehle ihm der Glanz. Er lächelt, hat ein ironisches Blitzen in den Augen, das dennoch nicht verhehlt: Er meint es ernst. Denn wenn er als ein Beispiel für das, was er unter politischer Schönheit versteht, Brandts Kniefall zitiert, ihn einen Akt "voller politischer Demut" nennt, ahnt man, was er meint. "Schönheit verstehe ich als das Gute, das Richtige", sagt Ruch. "Wofür werden wir stehen, wenn man am Ende des 21. Jahrhunderts auf unsere Zeit blickt? Womit werden wir in die Geschichtsbücher eingehen?" Ruch hebt die Augenbrauen. "Mit der Abwrackprämie? Mit Mindestlöhnen?" Wenn es so weiter gehe, wohl am ehesten als die Generation, die nichts mehr wollte.Ruch studierte Politische Theorie bei Herfried Münkler an der Humboldt-Universität und arbeitete im Forschungsbereich "Geschichte der Gefühle" am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Schon länger, sagt er, habe es in ihm gegärt, wenn er die aktuellen Politikdebatten in Deutschland beobachte. Politische Aktionskunst schien ihm die einzige Chance, Einfluss zu nehmen. Ruch hat früher bereits Filme gedreht. Und Politik sei schließlich auch immer Inszenierung. Ruch stellt die Frage: "Wer ist der bessere Regisseur?" Also gründete er das Zentrum für politische Schönheit, engagierte eine Hand voll Schauspieler und startete die erste Aktion am 8. Mai, dem Jahrestag der Befreiung 1945. Auf einem Pferd ritten sie zum Reichstag, um dort ihre zehn Thesen anzuschlagen, von denen eine lautet: "Hoffnungen sind nicht dazu da, aufgegeben zu werden."Die "Re-Formation" der Geschichte, das war Ruchs Gedanke dahinter - poetisch und symboltriefend. Das ZPS spielt mit der Ideengeschichte und kodiert politische Orte um. "Die Aktion zeigt die moderne Vergeblichkeit. Du kannst heute nicht einmal mehr Thesen anschlagen, weil alles aus Glas und Stahl ist", sagt Ruch, "du scheiterst."Rund 100 Anhänger habe der "Think Tank" des ZPS mittlerweile neben dem Kernteam aus 12 Leuten. Doch das Agenda-Setting will bisher noch nicht so richtig klappen. Zwar erarbeitete sich das ZPS unter anderem die Unterstützung der Bosnischen Botschaft und von Intellektuellen wie Juli Zeh mit einem Offenen Brief an die EU gegen den geplanten Visumzwang in Bosnien. Ein Theaterstück, in dem das ZPS die UN-Sitzung in der Nacht des Srebrenica-Massakers 1995 nachspielte, um zu zeigen, wie die westlichen Regierungen angesichts eines Genozids auch 40 Jahre nach Auschwitz scheiterten, zog vor dem Reichstag ein Publikum von rund 1000 Leuten an. Doch in den Medien landeten sie mit anderen Aktionen: etwa, als sie eine Strafanzeige bekamen, weil sie das expressionistische Gedicht "An die Schönheit" von Ernst Stadler vor dem Reichstag verlasen; und als sie Anfang August Merkel und Steinmeier bei Ebay auf den Philippinen versteigerten, "Zustand gebraucht, visionslos, antriebslos und uninspirierend". Bis auf 3030 philippinische Pesos, umgerechnet 50 Euro, kletterten die Gebote, dann wurde das Angebot aus bis heute ungeklärten Gründen nach nur 24 Stunden aus dem Netz genommen. Jetzt ist das ZPS also die Gruppe, die Politiker bei Ebay versteigert, und ob das als mehr als nur eine Spaßaktion wahrgenommen wurde, nämlich als "ein Zeichen gegen inspirationslosen Wahlkampf", wie Ruch erklärt, ist eher fraglich.Aber Ruch hat Zeit. 20 Jahre, sagt er, werde es dauern, bis seine Ideen das Denken der Menschen ändern könnten. "Als drittmächtigstes Land der Erde könnten wir viel ausrichten", sagt Ruch. "Menschen leiden an Hunger und wir sind zu fixiert auf uns selbst um das zu ändern." Also kämpft er weiter, malt sich und den anderen ZPSlern Kohle ins Gesicht und schreibt Theaterstücke mit düsteren Zukunftsvisionen, in denen der afrikanische Kontinent in einem Krieg mit Millionen von Opfern versinkt und Europa vor der Wahl steht: Was tun?Theater, sagt Ruch, sei die beste Möglichkeit zu zeigen, was politische Schönheit ist. Am Sonnabend um 20 Uhr plant das ZPS daher eine letzte Performance: "Die Überläufer" heißt sie; Schauspieler Max Woelky, der ein bisschen aussieht wie James Dean und gerade für Oskar Roehlers neuen Kinofilm vor der Kamera stand, wird den Bundeskanzler im Jahr 2032 geben. Und aus der Strafanzeige wegen der Gedichtrezitation vor dem Reichstag hat Ruch auch gelernt, dass eine Kunstaktion eine Versammlung ist, die bei der Versammlungsbehörde angemeldet werden muss. Das hat er nun also für die Aktion am Brunnen der Völkerfreundschaft auf dem Alexanderplatz gemacht, das nötige Formular ausgefüllt und die Genehmigung bekommen. In das Feld "Versammlungsthema" schrieb Ruch: "Erinnerung, dass es wichtigere Wahlkampfthemen hätte geben sollen als Steuern und Opel."------------------------------"Hoffnungen sind nicht dazu da, aufgegeben zu werden." Philipp Ruch, Zentrum für Politische SchönheitFoto: Bomben-Attrappen statt Parteifähnchen: Das ZPS demonstriert lieber gegen die Untätigkeit der UN in Srebrenica.