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Ausstellung im Martin-Gropius-Bau: Was Ai Weiwei und Wolf Biermann gemeinsam haben

Ai Weiwei

Ai Weiwei

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Reuters

Wer Ai Weiwei gegenübersteht oder jenes Foto betrachtet, das ihn nackt auf dem Platz des Himmlischen Friedens zeigt, dem fallen die Bilder vom dicken, lachenden Buddha ein. Ein Gegenbild des schönen oder auch asketischen jungen Mannes, der der Buddha – hellenistischen Bildtraditionen folgend – in Indien war. Budai heißt der dicke Buddha, der in China und Japan verehrt wird wie bei uns der Weihnachtsmann. Man nennt ihn lachenden oder auch glücklichen Buddha. Er ist der Buddha der Zukunft, eine messianische Figur. Bei Budai denken Chinesen auch an budao, was so viel heißt wie „den Weg der Wahrheit predigen“, oder auch an bucai – „Essen austeilen“.

Womit wir fast schon die Arbeit Ai Weiweis beschrieben haben. Der ist kein Künstler, der Tag und Nacht vor der Leinwand verbringt. Er ist Unternehmer. Ab kommenden Mittwoch, exakt drei Jahre, nachdem Ai Weiwei am 3. April 2011 am Pekinger Flughafen festgenommen und ins Gefängnis verschleppt wurde, wird im Berliner Gropius-Bau die bisher größte Ai-Weiwei-Werkausstellung eröffnet werden. Ai Weiwei, der ja auch Architekt ist, hat alles von seinem Atelier in Peking aus mit Hilfe von Filmen, Fotos, Plänen und einigen seiner Mitarbeiter passgenau platziert.

Im Lichthof werden zum Beispiel sechstausend bemalte chinesische Holzhocker zu sehen sein. Sie bilden, betrachtet man sie von oben, ein Pixelmuster. Aufwändig, arbeitsintensiv. Man kann sich vorstellen, wie viele Menschen mit all dem beschäftigt waren. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was Ai Weiwei vor vier Jahren für die Tate Modern auf die Beine stellte. Er hatte angeblich – wer wird das gezählt haben? – einhundert Millionen doppelt gebrannter und handbemalter Sonnenblumenkerne aus Keramik über eine Gesamtfläche von 3 400 m² zehn Zentimeter hoch aufschütten lassen. 1600 Menschen waren zwei Jahre lang mit der Herstellung der Sonnenblumenkerne beschäftigt. Er hatte sie im alten Porzellanzentrum Chinas, in Jingdezhen, herstellen lassen, mittels traditioneller Verfahren.

Oder wir erinnern uns an die Documenta 2007, als Ai Weiwei unter dem auf Kassel und die Brüder Grimm anspielenden Titel „Märchen“ 1 001 Chinesen zur Documenta einlud. Das war eine logistische Großtat. Sie mussten alle erst einmal aufgetrieben, mit Pässen und Visa versehen werden, und sie mussten in Kassel untergebracht und verpflegt werden. All das organisierte Ai Weiwei. So viel zum Buddha Bucai „Essen austeilen“. Aber das war natürlich auch der Buddha der Zukunft, der Buddha von Reise- und Meinungsfreiheit. Ai Weiweis Kunst riss damals für 1001 Chinesen die Mauer ein. Sie konnten erstmals ins Ausland, sahen ein anderes, ein westliches Land. Sie konnten Beweisstücke, „evidences“, sammeln für oder gegen ihre Weltanschauung.

So funktioniert Ai Weiweis Kunst, und so funktioniert seine von ihr nicht zu trennende Politik. Sie zeigt uns, was ist. Er macht uns Bilder, damit wir uns welche machen können. Wenn Polizisten sich ihn greifen, dann filmt er diesen Vorgang. Sie stehen um ihn herum in einem Aufzug, und er filmt sie. Das hilft ihm aus der Opferrolle, vor allem aber hilft es uns zu verstehen, wie die Verfolgung, die Bedrängung Ai Weiweis funktioniert.

Sein Haus, das kein Haus ist, sondern ein riesiges Gelände, auf dem Ateliers, Büros und Privaträume untergebracht sind, alles umgeben von einer übermannshohen Mauer, steht Tag und Nacht unter Beobachtung. Ein halbes Dutzend oder auch einmal mehr junge Männer stehen vor seinem Haus, an der großen Straße, die zur Pekinger Innenstadt und zum Flughafen führt, vor allem aber lassen sie nie die kleine Tür aus den Augen. Sie kontrollieren, wer zu Ai Weiwei kommt und wer geht. Außerdem hat der Staat überall Kameras installiert, die sicher nicht nur Ai Weiwei, sondern auch seine Bewacher bewachen.

Ai Weiwei selbst hat auch Kameras aufgebaut, die filmen, wie er und seine Besucher gefilmt werden. Nach der Revolution werden wir uns all diese Filme anschauen. Sie werden uns zeigen, dass die Welt von Foucault, die von Überwachen und Strafen, nicht dadurch abgeschafft ist, dass der Überwachte sie überwacht, dass aber das eine der Möglichkeiten ist, mit der er sich behaupten kann gegen die offensichtliche Übermacht der alles unter ihre Kontrolle bringenden Apparate.

Aber genau darin liegt die Schwäche des Systems. Man soll Affen damit gefangen haben, dass man in eine Kiste Bananen packte. Es gab einen einzigen Zugang dazu. Der war so breit, dass eine Affenhand durch den Spalt kam. Aber eben nicht mehr. Die mit Bananen gefüllte Hand konnte nicht mehr passieren. Affen, die nicht loslassen konnten, waren gefangen.

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