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Berliner Zeitung | Ausstellung im Martin-Gropius-Bau: Was Ai Weiwei und Wolf Biermann gemeinsam haben
28. March 2014
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Ausstellung im Martin-Gropius-Bau: Was Ai Weiwei und Wolf Biermann gemeinsam haben

Ai Weiwei

Ai Weiwei

Foto:

Reuters

Wer Ai Weiwei gegenübersteht oder jenes Foto betrachtet, das ihn nackt auf dem Platz des Himmlischen Friedens zeigt, dem fallen die Bilder vom dicken, lachenden Buddha ein. Ein Gegenbild des schönen oder auch asketischen jungen Mannes, der der Buddha – hellenistischen Bildtraditionen folgend – in Indien war. Budai heißt der dicke Buddha, der in China und Japan verehrt wird wie bei uns der Weihnachtsmann. Man nennt ihn lachenden oder auch glücklichen Buddha. Er ist der Buddha der Zukunft, eine messianische Figur. Bei Budai denken Chinesen auch an budao, was so viel heißt wie „den Weg der Wahrheit predigen“, oder auch an bucai – „Essen austeilen“.

Womit wir fast schon die Arbeit Ai Weiweis beschrieben haben. Der ist kein Künstler, der Tag und Nacht vor der Leinwand verbringt. Er ist Unternehmer. Ab kommenden Mittwoch, exakt drei Jahre, nachdem Ai Weiwei am 3. April 2011 am Pekinger Flughafen festgenommen und ins Gefängnis verschleppt wurde, wird im Berliner Gropius-Bau die bisher größte Ai-Weiwei-Werkausstellung eröffnet werden. Ai Weiwei, der ja auch Architekt ist, hat alles von seinem Atelier in Peking aus mit Hilfe von Filmen, Fotos, Plänen und einigen seiner Mitarbeiter passgenau platziert.

Im Lichthof werden zum Beispiel sechstausend bemalte chinesische Holzhocker zu sehen sein. Sie bilden, betrachtet man sie von oben, ein Pixelmuster. Aufwändig, arbeitsintensiv. Man kann sich vorstellen, wie viele Menschen mit all dem beschäftigt waren. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was Ai Weiwei vor vier Jahren für die Tate Modern auf die Beine stellte. Er hatte angeblich – wer wird das gezählt haben? – einhundert Millionen doppelt gebrannter und handbemalter Sonnenblumenkerne aus Keramik über eine Gesamtfläche von 3 400 m² zehn Zentimeter hoch aufschütten lassen. 1600 Menschen waren zwei Jahre lang mit der Herstellung der Sonnenblumenkerne beschäftigt. Er hatte sie im alten Porzellanzentrum Chinas, in Jingdezhen, herstellen lassen, mittels traditioneller Verfahren.

Oder wir erinnern uns an die Documenta 2007, als Ai Weiwei unter dem auf Kassel und die Brüder Grimm anspielenden Titel „Märchen“ 1 001 Chinesen zur Documenta einlud. Das war eine logistische Großtat. Sie mussten alle erst einmal aufgetrieben, mit Pässen und Visa versehen werden, und sie mussten in Kassel untergebracht und verpflegt werden. All das organisierte Ai Weiwei. So viel zum Buddha Bucai „Essen austeilen“. Aber das war natürlich auch der Buddha der Zukunft, der Buddha von Reise- und Meinungsfreiheit. Ai Weiweis Kunst riss damals für 1001 Chinesen die Mauer ein. Sie konnten erstmals ins Ausland, sahen ein anderes, ein westliches Land. Sie konnten Beweisstücke, „evidences“, sammeln für oder gegen ihre Weltanschauung.

So funktioniert Ai Weiweis Kunst, und so funktioniert seine von ihr nicht zu trennende Politik. Sie zeigt uns, was ist. Er macht uns Bilder, damit wir uns welche machen können. Wenn Polizisten sich ihn greifen, dann filmt er diesen Vorgang. Sie stehen um ihn herum in einem Aufzug, und er filmt sie. Das hilft ihm aus der Opferrolle, vor allem aber hilft es uns zu verstehen, wie die Verfolgung, die Bedrängung Ai Weiweis funktioniert.

Sein Haus, das kein Haus ist, sondern ein riesiges Gelände, auf dem Ateliers, Büros und Privaträume untergebracht sind, alles umgeben von einer übermannshohen Mauer, steht Tag und Nacht unter Beobachtung. Ein halbes Dutzend oder auch einmal mehr junge Männer stehen vor seinem Haus, an der großen Straße, die zur Pekinger Innenstadt und zum Flughafen führt, vor allem aber lassen sie nie die kleine Tür aus den Augen. Sie kontrollieren, wer zu Ai Weiwei kommt und wer geht. Außerdem hat der Staat überall Kameras installiert, die sicher nicht nur Ai Weiwei, sondern auch seine Bewacher bewachen.

Ai Weiwei selbst hat auch Kameras aufgebaut, die filmen, wie er und seine Besucher gefilmt werden. Nach der Revolution werden wir uns all diese Filme anschauen. Sie werden uns zeigen, dass die Welt von Foucault, die von Überwachen und Strafen, nicht dadurch abgeschafft ist, dass der Überwachte sie überwacht, dass aber das eine der Möglichkeiten ist, mit der er sich behaupten kann gegen die offensichtliche Übermacht der alles unter ihre Kontrolle bringenden Apparate.

Aber genau darin liegt die Schwäche des Systems. Man soll Affen damit gefangen haben, dass man in eine Kiste Bananen packte. Es gab einen einzigen Zugang dazu. Der war so breit, dass eine Affenhand durch den Spalt kam. Aber eben nicht mehr. Die mit Bananen gefüllte Hand konnte nicht mehr passieren. Affen, die nicht loslassen konnten, waren gefangen.

2009 fragte ich Ai Weiwei, wie lange es denn noch dauere bis zur Revolution, wann denn das System zusammenbrechen werde? Er antwortete ernst: „Vier Jahre.“ Dann platzte ein Buddhalachen aus ihm: „Das habe ich vor vier Jahren auch schon gesagt.“ Der Buddha der Zukunft weiß, dass das Regime zu Ende gehen wird, aber er kennt nicht die Stunde.

„Evidence“ heißt die Ausstellung, so erklärt der Gropius-Bau, „nach jenem Wort, welches uns aus amerikanischen Krimiserien bekannt ist: der Beweis, möglichst gerichtsfest.“ Wie klug der Titel für eine Ausstellung des Buddha Budao, des den wahren Weg zeigenden Buddha gewählt ist, wird einem klar, wenn man sich daran erinnert, dass in der philosophischen Tradition das Wort Evidenz bedeutet, dass man etwas sieht und unmittelbar klar ist: so ist es, das ist wahr. Man kennt das aus dem eigenen Leben, das man ja meist nur einfach lebt. Aber manchmal steht man neben sich, sieht die Freunde um sich und denkt: So ist es. So sieht die Wirklichkeit, so sieht die Wahrheit aus.

Viele von Ai Weiweis Arbeiten zielen auf diesen Effekt. Schon seine frühen Fotos von den Protesten im Tompkins Square Park oder die Aufnahmen, die ihn in New York mit seinen Freunden in ihren Zimmern zeigen, tun das. Die Besessenheit, mit der er alles fotografiert und filmt, hat wohl auch damit zu tun, dass er, wenn er jetzt schon nicht dieses Gefühl herbeizwingen kann, es ihn vielleicht ergreifen wird, wenn er sich später einmal die Aufnahmen ansieht. Kunst, so lernt man hier, ist manchmal auch der Versuch, durch die Abbildung das Gefühl der Evidenz zu verschaffen. Ai Weiweis Kasseler Aktion verschaffte 1 001 Landsleuten, indem sie ihnen einen Lebenstraum verwirklichte, Evidenz-Erlebnisse en masse. Wie ein Massenprediger.

In der Ausstellung werden wir die Zelle sehen, in der Ai Weiwei 81 Tage lang gefangen gehalten wurde. Tag für Tag brannte vierundzwanzig Stunden das Licht darin, und ununterbrochen wurde er von zwei Wärtern beobachtet. Er hat die Zelle nachgebaut. In dem bald in die Kinos kommenden Film „The Fake Case“ des dänischen Dokumentarfilmers Andreas Johnsen, mit und über Ai Weiwei, kann man sehen, mit welcher Genauigkeit Ai Weiwei arbeitete, um mit dieser Rekonstruktion nicht nur einen Beweis vorzulegen, sondern um auch die Evidenz herzustellen. Für österreichische Besucher ist der Titel der Ausstellung besonders sprechend, wenn man dort etwas im Auge behalten möchte, spricht man davon, es in Evidenz zu halten.

Am Freitagnachmittag hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping getroffen. Der erklärte in einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Lasst uns die vom Volk der anderen Seite gewählte Grundordnung und seinen Entwicklungsweg verstehen und respektieren.“ Wir würden das gerne tun. Unser Respekt gegenüber der Regierung der Volksrepublik China wäre größer, wenn dort das Volk die Grundordnung und den Entwicklungsweg gewählt hätte. Diese Wahlen finden in China nicht statt. Eine Wahl gibt es nämlich nur dann, wenn man die Wahl hat. Das wird den Chinesen seit Jahrzehnten mit Gewalt verwehrt. Vor zwei Wochen starb die Bürgerrechtlerin Cao Shunli, nachdem die Behörden ihr eine medizinische Behandlung in der Haft verweigert hatten.

In einem Interview mit der Deutschen Presseagentur wurde Ai Weiwei gefragt, wenn es denn freie Wahlen gäbe in China, ob die Kommunistische Partei dann eine Chance hätte, sie zu gewinnen? Er antwortete: „Ich hoffe, dass sie gewinnen können. Wenn sie durch echte Wahlen gewinnen, gratuliere ich ihnen, weil es die Entscheidung des Volkes ist. Vielleicht arbeite ich dann sogar für sie.“ Er sagt das, um klarzustellen, dass es ihm um freie Wahlen geht, nicht darum, die einen zu stürzen und die anderen an die Macht zu bringen. In einer Demokratie allerdings ginge es genau darum. Aber eben immer wieder neu. Davon ist China weit, sehr weit entfernt.

Ai Weiwei wird wohl zur Eröffnung seiner Ausstellung im Gropius-Bau nicht nach Berlin kommen können. Er wird auch seine Professur an der Universität der Künste, die mit Lehrveranstaltungen Mitte April beginnen sollte, real zu werden, nicht antreten können. Das liegt sicher nicht daran, dass die chinesische Regierung ihm die Ausreise verweigert. Nichts wäre ihr lieber, als ihn davonziehen zu sehen. Wenn es nur darum ginge, hätte Ai Weiwei längst seinen Pass. In Deutschland denken wir an Wolf Biermann und sein proppenvolles Konzert am 13. November 1976 in der Kölner Sporthalle. Endlich hatte er rausgedurft. Am nächsten Tag wurde ihm klargemacht, dass er nie wieder rein durfte. Das ist das Problem von Ai Weiwei. Nicht die Ausreise, sondern die Rückkehr. Reisefreiheit für Ai Weiwei, den chinesischen Buddha der Zukunft!

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