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Axel Stüber ist der einzige Drehorgel-Bauer Berlins. Heute tritt er auf der 125-Jahr-Feier des Kudamms auf: Der Letzte seiner Art

Wenn Axel Stüber einmal in Rente geht, droht ein traditionelles Handwerk aus Berlin zu verschwinden: "Ich bin der einzige Drehorgel-Bauer der Stadt", sagt der 57-Jährige. Und er ist einer von 125 Drehorgel-Spielern, die heute ab 17 Uhr auf einer Bühne anlässlich der 125-Jahr-Feier des Kudamms vor der Gedächtniskirche ihr Können vorführen.In Stübers Werkstatt im Keller eines Einfamilienhauses in Biesdorf riecht es aromatisch nach frisch gesägtem Holz und Knochenleim. Überall verstreut liegen Akku-Bohrer, Sägen, Feilen und Hämmer. Die Wände sind voller Regale mit blauen und roten Plastikschachteln für Schrauben. Auf dem Boden verteilt und übereinander gestapelt liegen frisch verleimte Orgelkästen, noch im Rohzustand. Er würde nie Leierkasten zu seinen Instrumenten sagen. Für ihn sind das "verstimmte Drehorgeln".Käufer aus IsraelIm Unterschied zu herkömmlichen Orgeln bestimmen Drehorgelspieler nicht die Notenabfolge. Das übernehmen heutzutage Lochkarten im Innern. Über eine Kurbel wird ein Schöpfbalg gesteuert, der einen Luftstrom erzeugt. Der sogenannte Wind wird zu den Ventilen geleitet, von denen jedem ein anderer Ton zugewiesen ist. Im Zusammenspiel entsteht ein komplettes Lied. Bis zu 200 Stunden arbeiten Stüber und seine beiden Kollegen an den Instrumenten, von denen ungefähr 50 Stück pro Jahr den Betrieb verlassen. Verwendet werden nur bestimmte Holzsorten, wie Kiefer und Fichte aber auch Eiche und Birnbaum. Die Gehäuse sind aus dem Edelholz Palisander.Das hat seinen Preis: Die billigste Orgel in Stübers Angebot kostet 2790 Euro. Seine Kunden seien oft Nostalgiker, die Kindheitserinnerungen an das Instrument hätten. Sie kämen vor allem aus dem deutschsprachigen Raum. Dennoch hat er dieses Jahr schon Instrumente nach Neuseeland und Israel verkauft - "auf die Rollen haben wir jiddische Lieder gestanzt"."Das ist der schönste Beruf, den ich mir vorstellen kann", sagt er. "Da ist alles drin: Handwerk, Musik und Gestaltung!" Er hat einen kräftigen Händedruck und zwei tiefe Lachfalten um den Mund . "Ich komme aus einer Pastorenfamilie aus dem mecklenburgischen Güstrow", sagt er mit rollendem "R". "Das hat mich geprägt! Schon früh musste ich Geige lernen. Gequält haben sie mich damit", sagt er mit pfeifendem Lachen. "Ich war kein Virtuose."Als Schüler hatte er in der Kirche seines Vaters ein prägendes Erlebnis. Damals konnte er beobachten, wie die Kirchenorgel dort repariert wurde. Stüber war sofort begeistert und ging deshalb Jahre später selbst bei der Orgelbau-Firma Sauer in Frankfurt (Oder) in die Lehre. 80 Prozent der Orgeln verkaufte die Firma damals ins Ausland, Kapazitäten für die Kunden in der DDR gab es wenige, womit Stüber seine Nische gefunden hatte: Die folgenden Jahre reparierte und restaurierte er Kirchenorgeln in der DDR.1977 übernahm er einen Laden in Friedrichshain, wo er seinen ersten eigenen Orgelbau-Betrieb eröffnete. Dem Bau von Drehorgeln wandte er sich 1986 zu. "Anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins sollte es einen großen Aufzug von Drehorgeln geben und hat mich der Magistrat gefragt, ob ich nicht gleich zehn Drehorgeln bauen könne."Mittlerweile sind Stüber diese ersten, unausgereiften Modelle peinlich. "Diese Kellerleichen von damals" habe er alle wieder zurückgekauft. In der Zwischenzeit hätten Stüber und seine Kollegen "die Drehorgel neu erfunden", sagt er mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Versteht sich, dass er irgendwann selbst anfing, Drehorgel zu spielen.Als die Mauer fiel, spezialisierte er sich ganz auf den Bau von Drehorgeln, was zunächst nach keiner guten Geschäftsidee aussah. "Eine Zeit lang wollten wir nach Süddeutschland gehen", sagt er. In Berlin habe es damals kaum Kunden gegeben, während es im Süden in manchen Gegenden "zum guten Ton gehört, eine Drehorgel zu Hause stehen zu haben". Dass er in Berlin geblieben sei, habe er dennoch nicht bereut. Immerhin geht es seinem Betrieb jetzt gut.Im Verkaufsraum von Stübers Werkstatt gibt es eine eigene Schrankwand für die Rollen. Mehr als 200 verschiedene, 30 Meter lange Papierrollen lagern hier - ein Fortschritt gegenüber der traditionellen Rolle. Um den Unterschied zwischen damals und heute zu verdeutlichen, zieht Stüber den Deckel einer historischen Drehorgel ab. Darin ist eine Holzwalze, in die goldfarbene Metallklemmen eingeschlagen sind. Damit wird dem Instrument die Notenabfolge vorgegeben. "Mit einer solchen Rolle kann man nur eine Minute spielen. 8000 Euro kostet das Stück." Im Vergleich dazu kann man an einer Papierrolle zehn Minuten kurbeln. Die Stückpreise schwanken zwischen 60 und 116 Euro. Neben klassischen Liedern wie der "Berliner Luft", bekommt man bei Stüber noch Jazz-Pop à la "My Way" und derbe Berliner Lieder wie "Wir versaufen unsre Oma ihr klein Häuschen".Stübers Hauptaufgabe im Betrieb ist das "Fertigmachen" der Instrumente, also das Stimmen und Intonieren - "der schönste Teil", wie er sagt. An einem Modell mit drei Pfeifenköpfen im Querschnitt zeigt er, wie das geht: "Hier säg ich noch ein wenig nach oder schieb dieses Stück Kork ein bisschen weiter hoch." Seine Orgeln zeichneten sich durch einen "herberen, härteren, obertönigen Klang" aus - "typisch für Berlin". Im Vergleich dazu habe die süddeutsche Konkurrenz einen "weichen, flötigen Klang".Beim Spielen brauche man Entertainer-Fähigkeiten, wie einen "Fleischwolf" dürfe man das Instrument nicht drehen. Dennoch, als richtigen Künstler betrachte er sich nicht. Zwar könne man die Tempi variieren, aber das sei "ein bisschen so wie mit den DJs - wenn die scratchen, denken die ja auch, dass sie Musik machen".Fast jedes Wochenende tritt Stüber auf Festivals auf und spielt alte Berliner Lieder oder Moritaten, also jene derben Küchenlieder über Mord und Totschlag, die die Mägde früher gesungen haben. Zur Kudamm-Feier spielt er heute das "Lied von der Krummen Lanke".------------------------------Foto: Seit einem Vierteljahrhundert baut Axel Stüber Drehorgeln. Alle Instrumente sind handgefertigt.Foto: Heute wird am Kudamm wieder gefeiert. 125 Drehorgel-Spieler werden auf einer Bühne an der Gedächtniskirche zeigen, was sie drauf haben.


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