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Bangladesch: Links, wo das Herz ist

„Wie in Deutschland vor 150 Jahren“ – Textilarbeiter in einer Fabrik in Dhaka.

„Wie in Deutschland vor 150 Jahren“ – Textilarbeiter in einer Fabrik in Dhaka.

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afp/Munir uz ZAMAN

Berlin -

Still und konzentriert sitzt Mushrefa Mishu auf dem Podium und wartet darauf, loslegen zu können. Zwischen einem Moderator und einer Frau von einem Netzwerk, die zu der Veranstaltung „Kampf der Näherinnen“ geladen haben, wirkt Mishu klein und etwas fremd. Sie trägt einen gestreiften Sari, ihr Gesicht ist weich und freundlich. Doch als sie dann mit ihrem Vortrag beginnt, werden ihre Züge hart. Mishu ist Präsidentin des Garment Workers Unity Forum, einer bangladeschischen Gewerkschaft, und als solche gerade auf Europareise.

Ruhig und sachlich berichtet sie: Die bangladeschischen Textilarbeiterinnen wurden gerade von der ILO als die schlecht bezahltesten der Welt eingestuft. Sie arbeiten 13 Stunden und länger am Tag, Urlaub gibt es nicht, sie leben häufig in Slums, wo es kein frisches Wasser gibt. Damit sie ihr Pensum schaffen, werden die Türen verschlossen, was bei Bränden immer wieder zu Todesopfern führt. Seit den 80er-Jahren sind mehr als 3500 Menschen in den Fabriken umgekommen, die Verletzten sind ungezählt. Regelungen zum Arbeitsschutz gibt es kaum. Die schlampigen Sicherheitsvorkehrungen haben im vergangenen April 1138 Männer und Frauen das Leben gekostet, als das Rana Plaza einstürzte. Das Haus hatte seit Tagen Risse, erzählt Mishu, doch man sagte den zögernden Arbeiterinnen, sie sollen an ihren Arbeitsplatz gehen, Allah allein würde über Leben und Tod entscheiden. Kurz nachdem die Näherinnen an ihren Maschinen saßen, stürzte das Gebäude zusammen.

Im Publikum sitzt ein Landsmann von Mishu, er sagt, in Bangladesch sei es wie in Deutschland vor 150 Jahren. Mishus Schilderungen erinnern an das geschundene, elende Proletariat von Charles Dickens, an Zilles kränkelnde Hinterhofbewohner und an Hauptmann „Weber“. Oder an das verheerende Triangle Shirtwaist Factory Fire 1911 in New York, bei dem 146 Textilarbeiterinnen verbrannten oder in den Tod sprangen, weil die Türen verschlossen waren.

Völker aller Länder

Mishus Gewerkschaft ist mit 80.000 Mitgliedern eine der größten in Bangladesch. Sie zählt die Forderungen auf, die so selbstverständlich klingen: Einhaltung der bestehenden Gesetze, besserer Arbeitsschutz, angemessene Bezahlung, Gewerkschaftsarbeit ohne Repressalien, ein Ende von sexueller Belästigung, Gewalt und schlechter Behandlung. Zwischendurch wirft Mishu immer wieder kämpferische Parolen ein, manchmal so vehement, dass es sogar den Moderator irritiert. Solidarität, Proletariat, Völker aller Länder, nicht vergessen. Parolen, die manche im Saal noch kennen und die hierzulande oft nur noch leere Phrasen sind. Mishu nimmt man sie ab.

Die Gewerkschaft organisiert Schulungen, um die Näherinnen über ihre Rechte aufzuklären, druckt Informationsmaterial, organisiert Demonstrationen und Streiks, unterstützt Arbeiterinnen und Gewerkschafter vor Gericht, sammelt Unterschriften. Damit macht sich Mishu Regierung und Fabrikbesitzer zu Feinden. Sie erzählt, dass sie wegen vierzig erfundener Delikte angeklagt wurde, zum Beispiel Vandalismus. Nur zehn der Anklagen wurden wieder fallen gelassen. Sie ist seit Jahren nur auf Kaution frei, manchmal muss sie untertauchen. Fünf Mal wurde sie verhaftet, das letzte Mal 2010, auf internationalen Druck hin ließ man sie nach fünf Monaten wieder frei.

Ein paar Tage später sitzt Mishu in einem gemütlichen Wohnzimmer in der Neuköllner Hermannstraße, bei einem Freund, der Übersetzer ist. Mishu wirkt entspannter, aus der Arbeiterführerin ist eine herzliche Frau geworden. Diesmal trägt sie ein kariertes Hemd, das einzig Exotische ist ihr schwarzes Haar, das bis zu den Oberschenkeln reicht. Mishu sagt „Alles klar“ und „Dankeschön“, ansonsten spricht sie sehr gut Englisch, aber mit eigenwilligem Akzent.

Sie lacht verwundert darüber, dass sich jemand für ihre persönlichen Lebensumstände interessiert. Mishu ist 49 Jahre alt, stammt aus einer Mittelklassefamilie, ihr Vater, er lebt nicht mehr, war Forstwirt, ihre Mutter Hausfrau. Mishu hat acht Geschwister.

Sie hat in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka Soziologie studiert, 1978 ist sie in die Studentenbewegung gegangen. Seit 1995 kämpft sie mit ihrer Gewerkschaft als „fulltime activist“ für die Textilarbeiterinnen. Dafür hat sie auf eine Familie verzichtet. Einen Ehemann hat sie nicht, uneheliche Kinder zu bekommen, hätte ihr nur Probleme eingebracht. Ihre alten Studienfreunde fragen sie: Warum zerstörst du dein Leben? Du hast kein Haus, kein Auto, keinen Mann, keine Kinder.

Mishu findet, dass sie ihr Leben nicht zerstört. Sie tut etwas Gutes. Sie ist sehr verbunden mit vielen Menschen, sie bekommt viel zurück. Und sie fühlt sich verantwortlich. „Ich bin gebildet, ich kann verstehen, dass die Situation der Arbeiterinnen unfair ist, dass sie machtlos sind, finanziell und politisch. Allein können sie das nicht schaffen.“

Mishus Vorbilder sind Rosa Luxemburg, von der sie alles gelesen hat, und Alexandra Kollontai. Starke, kämpferische, linke Frauen wie Mishu. Manche europäische NGOs unterstützt ihre Gewerkschaft nicht, weil Mishu zu politisch ist, zu links. Mishu ärgert das. Und dann sagt sie wieder so einen einfachen, genauen Satz. „Was ist falsch daran, politisch zu sein?“ Sie kann sich keinen unpolitischen Arbeiterkampf vorstellen.

Dann erzählt Mishu, was es in Bangladesch bedeute, eine „Fulltime-Aktivistin“ zu sein. Als sie in der Deutschen Botschaft in Dhaka ihre Papiere beantragte, um hierherzukommen, wurde sie von einer Dame nach ihrer Kontonummer gefragt. Sie antwortete, dass sie keine Kontonummer habe, weil sie kein Gehalt bekäme, die Dame konnte es nicht fassen. Gewerkschaftsführer ist in Bangladesch kein Job. Mishu ist arm, lebt bei Mutter und Bruder und wird finanziell von Familie und Freunden unterstützt. Trotz gesundheitlicher Probleme kann sie nur selten zum Arzt gehen.

Ruhig, aber voller Mitgefühl erzählt Mishu vom Fabrikalltag in Bangladesch. Die Näherinnen dürfen nur selten zur Toilette und bekommen dafür enge Zeitbegrenzungen, man zieht sie an den Haaren, beschimpft sie, sie werden begrapscht und manchmal auch vergewaltigt, doch allzu oft schweigen die Frauen aus Angst vor Jobverlust, Arbeitsverträge haben sie nicht. Vom Vorabeiter bis zum Fabrikbesitzer mischt jeder mit – weil Bangladesch ein sehr patriarchalisches Land ist.

Mishu taut immer mehr auf, erregt berichtet sie von den vergangenen Monaten. Der Mindestlohn von 3000 Taka (28 Euro im Monat) sollte angehoben werden. Die Regierung schlug 5300 Taka (49 Euro) vor. Die Gewerkschaft sagte, das sei immer noch zu wenig zum Leben, sie forderte 8000 Taka (75 Euro) und rief zu Streiks und Demonstrationen auf. Der Übersetzer Shanti erzählt, Mishu hätte eine große Überzeugungskraft und gäbe den Näherinnen Hoffnung und Mut, wenn sie mit ihnen spricht. Das hat ihr den Ruf einer „Rädelsführerin“ eingebracht.

Mehrere junge Menschen wurden bei den Straßenprotesten erschossen. Der Druck auf die Gewerkschaft war gewaltig. Ein Mitarbeiter wurde bewusstlos geprügelt und in einem Sack in den Kofferraum eines Linienbusses gepackt, wo ihn Reisende fanden. Weit weg von seiner Heimat, kam er in ein Krankenhaus, tagelang konnte er sich an nichts erinnern, doch die Polizei weigerte sich, eine Anzeige aufzunehmen.

Die Repressionen gegen Gewerkschafter kommen von mehreren Seiten. Es gibt eine, oft korrupte, Polizei, dazu eine Industriepolizei und Muscle Man, vom Fabrikbesitzer bezahlte Schlägertruppen, außerdem Geheimdienste, die im Auftrag der Regierung arbeiten. 42 der 330 Abgeordneten sind selbst Fabrikbesitzer, so sind die Interessen klar definiert. Bangladesch ist seit 1971 unabhängig. Offiziell ist es eine Demokratie, doch parallel dazu herrscht ein traditionelles Patron-Klienten-System, das fernab von Politik Abhängigkeiten schafft und Korruption erleichtert.

„Ich würde für sie sterben“

Man forderte Mishu auf, den Streik zu beenden, doch sie weigerte sich. Am Telefon drohte man ihr, sie auf offener Straße zu erschießen. Ruhig und ohne jedes Pathos sagt sie: „Ich würde gern noch 20 Jahre leben, aber wenn es nicht geht, geht es nicht.“ So oft hat sie über den Tod nachgedacht, dass sie zu einem sachlichen Ton mit ihm gefunden hat. Seit Jahren bekommt sie Anrufe und Morddrohungen. Aufgeben kommt für sie nicht infrage. „Mich treibt eine starke Wut an. Ich habe nichts Falsches getan, ich will nur den in Armut lebenden Arbeiterinnen helfen.“ Ihr Herz schlägt für diese Menschen, sie würde für sie sterben, sagt sie.

Letzten Endes stimmten die meisten der knapp 60 Gewerkschaften dem neuen Mindestlohn der Regierung zu. Ist ein fauler Kompromiss besser als nichts? Nein, findet Mishu, sie scheint ein kompromissloser Mensch zu sein. Sie fürchtet, dass dieser neue Mindestlohn jetzt für lange Zeit bleibt.

Was tun? Ein Boykott würde nicht helfen, sagt Mishu. Aber die internationalen Konzerne dürfen auch nicht tatenlos zusehen und am Elend verdienen, findet sie. Sie müssten Druck ausüben auf Fabrikbesitzer und Regierung.

Mishu hebt ihr Glas und trinkt lieblichen Rotwein auf die Solidarität. Das ist keine hohle Phrase; die Näherinnen hoffen auf die Hilfe der Europäer. Sie fürchten, dass die Konsumenten im Westen nicht mehr an sie denken, sobald das Elend wieder aus dem Fokus der Medien ist. „Die Welt ist aus der Balance, hier so viel Reichtum, dort die schreckliche Armut.“ Über das schlechte Gewissen der Europäer beim Kleiderkauf muss Mishu ein bisschen lachen. Dass viele Käufer gern helfen würden, aber nicht wissen, wie, lässt sich Mishu kaum vermitteln. „Wenn man das will, kann man das auch“, sagt sie.