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Berliner Zeitung | Bedrohung: „Außerordentlich gefährlich für Mineralwasser“
13. April 2014
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Bedrohung: „Außerordentlich gefährlich für Mineralwasser“

Fracking-Turm in Preston, Lancashire.

Fracking-Turm in Preston, Lancashire.

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Getty Images

Herr Seip, wie beunruhigt sind Sie angesichts der neu aufkommenden Diskussion um Fracking?

Wir sind grundsätzlich besorgt, denn wir halten Fracking für außerordentlich gefährlich für die Reinheit des Mineralwassers. Die aktuelle Diskussion verfolgen wir aufmerksam, aber wir halten sie zum großen Teil für inszeniert.

Warum?

Diejenigen, die Fracking in Deutschland propagieren, nutzen die aktuelle Situation aus; aufgrund der politischen Lage in der Ukraine und in Russland machen sich viele Menschen naturgemäß Sorgen: Wo kommt zukünftig unser Erdgas her? Dass Lobbyisten diesen Steigbügel nutzen, ist aus ihrer Perspektive betrachtet verständlich.

Als Geschäftsführer des Mineralwasserverbandes vertreten auch Sie Interessen.

Aber wir haben in der politischen Diskussion nicht gesagt: „Kein Fracking in Deutschland“. Die Politik muss sich von Fachleuten beraten lassen und dann entscheiden. Unser Verband vertritt die Position: Jede Form von Fracking muss in den Einzugsgebieten von Mineralquellen verboten werden. Wo diese Einzugsgebiete sind, lässt sich durch geologische Untersuchungen genau definieren.

Quellen wären nach dem Gesetzentwurf schutzlos gewesen

Die frühere schwarz-gelbe Bundesregierung hat Fracking in Wasserschutzgebieten verbieten wollen. Hätte Ihnen das gereicht?

Nein, denn 95 Prozent der deutschen Mineralquellen liegen nicht in den Wasserschutzgebieten, aus denen das öffentliche Trinkwasser gewonnen wird. Mineralquellen, die in aller Regel in Privatbesitz sind, wären nach dem Gesetzentwurf von Schwarz-Gelb schutzlos gewesen. Wir setzen uns für Mineralquellenschutzgebiete ein. Nach dem Regierungswechsel im Herbst ist das Gesetzgebungsverfahren nicht weitergeführt worden; wir sehen, dass die aktuelle Bundesregierung Fracking skeptischer sieht als die frühere. Das finden wir positiv.

Warum ist Fracking so gefährlich für die Mineralquellen?

Im schlimmsten Fall könnte das Mineralwasser irreversibel verunreinigt werden, so dass die entsprechende Quelle geschlossen werden müsste. Denn der Knackpunkt bei natürlichem Mineralwasser ist, dass es „ursprünglich rein“ sein muss. Das bedeutet, dass eine einmal eingetretene Verunreinigung nicht durch eine Aufbereitung entfernt werden darf. Die Aufbereitungsverfahren, die wir von der Trinkwasserproduktion kennen, stehen uns für Mineralwasser als Naturprodukt nicht zur Verfügung.

Wie kann es beim Fracking zu Verschmutzung von Quellen kommen?

Verunreinigungen könnten entstehen durch die Fracking-Fluide, also die Chemikalien, die beim Fracking ins Erdreich gepresst werden. Gefährlich sind auch sogenannte Kurzschlüsse, bei denen versehentlich eine oberflächennahe, wasserführende Schicht mit einer tieferliegenden Schicht mit Mineralwasser verbunden wird. Skeptisch sehen wir auch das Verpressen der Chemikalien, die beim Fracking an die Oberfläche zurückkommen. In den USA ist es üblich, diesen „Flowback“ einfach im Erdreich zu entsorgen.

Gibt es zur Wassergefährdung Erfahrungen aus den USA, wo Fracking seit längerem praktiziert wird?

Die Situation ist nur schwer vergleichbar. Denn es gibt zwei wesentliche Unterschiede zu Europa. Zum einen werden in den USA weite Teile des Landes nicht zur Trinkwassergewinnung genutzt. Zum anderen kennt man dort Mineralwasser im europäischen Sinn nicht. Das dortige Trinkwasser in Flaschen ist in aller Regel chemisch aufbereitet. Die Amerikaner legen großen Wert darauf, dass das Wasser nicht mehr natürlich ist, um auch wirklich jedes Risiko einer bakteriellen Verunreinigung auszuschließen. Das ist ein großer Gegensatz zu unserer Genusskultur, die natürlich reines Mineralwasser schätzt.

Das Gespräch führte Susanne Rost.