Berlin bei Nacht

BORDELL: Flatrate für Freier

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Berlin –  

Die Nacht im Bordell King George sieht aus wie eine Party, für die Frauen ist es aber harte Arbeit.

High Heels müssen sein. Im King George Club tragen alle Frauen unfassbar hohe Pfennig-Absätze. Wie halten sie das bloß aus die ganze Nacht – in einer Zwölf-Stunden-Schicht?

Draußen scheint noch die Sommersonne auf die Grunewaldstraße, drinnen ist es dunkel, heiß und stickig. Die Hitze kommt von den Kompressoren der vielen Kühlschränke hinter der Bar, die stickige Luft von den Zigaretten der Prostituierten. Daniela, Sofia, Klaudia, Alina, Luni und ihre Kolleginnen rauchen Kette, vor allem aus Langeweile. Um 16 Uhr hat der Club geöffnet, doch erst nach Mitternacht wird hier so richtig was los sein. Dann haben die Frauen kaum Zeit eine Zigarette zu Ende zu rauchen, weil nach zwei Zügen schon der nächste Freier vor ihnen steht. 

Doch noch gehört das Bordell den Mädchen, die in Bikinis oder Dessous und mit übereinander geschlagenen Beinen auf den Barhockern sitzen. Nur vereinzelt kommen Männer herein. Manche wirken unsicher. Aber die Frauen machen es ihnen leicht. Sie begrüßen jeden Neuankömmling mit „Schatzi, wie gäähts?“. Es wirkt kumpelhaft. Die Prostituierten gehen mit den Männern um, als seien sie alte Bekannte. Sie begrüßen jeden wie einen Stammkunden. Man duzt sich, scherzt und lacht. Das ist Teil des Geschäfts. 

Zwölf Frauen arbeiten heute Nacht hier in dem Schöneberger Bordell. Die meisten sind so um die zwanzig Jahre alt. Fast alle kommen aus Rumänien. Ein paar Wochen oder Monate werden sie bleiben und hier arbeiten, dann vielleicht einen Monat nach Hause fahren, um danach in ein anderes Bordell zu gehen. So wie Daniela. Die 26-Jährige ist seit zwei Wochen im King George. Davor war sie in der Schweiz. Warum sie von dort weggegangen ist? „Kein Geld verdient“, sagt sie. Sie hat auch schon in Großbritannien und Italien gearbeitet. „Italien war schön“, sagt Daniela, „die Mentalität der Menschen ist dort fast wie unsere.“ Daniela ist freundlich, aber viel von sich erzählen möchte sie nicht, so wie die meisten. Sie arbeiten hier, um Geld zu verdienen, basta.

Bei Klaudia ist das etwas anders. Sie ist blond, sommersprossig und mit ihren 36 Jahren älter als die meisten anderen hier. Sie ist Österreicherin und arbeitet schon seit zwei Jahren im King George. Sie ist die einzige, die sich fotografieren lässt. Sie spricht schnell und viel von sich. Sie erzählt von ihrer 14-jährigen Tochter, die aufs Gymnasium geht. Von ihrem Ex-Mann, mit dem sie sich immer noch gut versteht. Sie sagt, dass niemand in ihrer Familie Probleme mit ihrem Job habe. „Ich stehe zu dem was ich mache.“ Es klingt als ob sie sich selbst klarmachen will, dass ihr Leben in Ordnung ist. Übergangslos erwähnt sie, dass sie schwer krank war, fast gestorben sei. Bevor sie weitersprechen kann, setzt sich der erste Freier zu ihr an die Bar.

Der King George-Club ist ein Flatrate-Bordell: Die Männer zahlen 99 Euro Eintritt und bekommen dafür die ganze Nacht Alkohol und Sex soviel sie wollen. Für 49 Euro darf man zu den selben Bedingungen eine Stunde bleiben. Es gibt auch Sonderpreise für Taxifahrer, was in Bordellen üblich ist, weil sie Kunden bringen sollen. Auch Hartz IV-Empfänger zahlen weniger. Höchstens 50 Euro für zwei Stunden.

„Das ist ein Knochenjob“

Wer mit einer Frau schlafen will, sagt ihr das. Sie holt dann einen der fünf Zimmerschlüssel an der Rezeption. Dort sitzt Zlatko und führt eine Liste mit den Namen der Prostituierten. Für jeden Mann, den eine der Frauen mit aufs Zimmer nimmt, wird ein Strich gemacht. Das dient auch als Kontrolle. Zlatko, klein, mittleres Alter, mit vielen Lachfalten um die Augen, schaut auf die Namen und Striche und schüttelt den Kopf. „Hut ab vor den Frauen, die machen einen Knochenjob“. Gegen zwei Uhr führt Lisa aus der Dominikanischen Republik – zwölf Striche stehen hinter ihrem Namen. Wenig später verschwindet Klaudia gleich mit drei Männern nach hinten. Macht drei Striche auf der Liste. 

Der junge Schwabe, der vorher mit Klaudia an der Bar sitzt, hat mit der Hilfe seines Smartphones ins King George gefunden. „Total praktisch, du musst bei meiner App nur ’Bordell’ eingeben, dann zeigt es Dir den kürzesten Weg.“ Mit Klaudia trinkt er einen Piccolo-Sekt. Der kostet extra, 25 Euro, wovon die Prostituierte 10 Euro bekommt. Zwischenzeitlich verschwinden sie zwei-, dreimal in den hinteren Zimmern. Wie oft genau, lässt sich nicht sagen, so beiläufig geschieht das. Seinen Namen will er nicht verraten, aber sein Alter: Er ist 25. Mit seinen schwarzen Locken und dem offenen Lächeln könnte er locker auch in einer Disko eine Frau finden. Zu aufwendig, findet er. „Die meisten Frauen, die man anspricht, reagieren total arrogant.“ Im Bordell weiß er, dass es für sein Geld auch wirklich Sex gibt. Und mehr sucht er nicht. Zumindest heute. 

Die meisten Freier bestellen keine Getränke extra. Sie halten sich am All-Inclusive-Whisky-Cola fest und mustern die Frauen. Auch die beiden Freunde, die sich ihre Plätze fernab von der Bar an einem kleinen Tisch gesucht haben. Von dort hat man einen guten Blick auf die Tanzfläche. Die beiden Männer sind um die 40 Jahre alt. Bei seinem Freund gehe die Ehe gerade in die Brüche, erzählt der andere. Da habe er ihn aufmuntern wollen. Er selbst lebe „in einer festen Beziehung“. Was macht er dann im Bordell? Er antwortet mit einer Gegenfrage:„Essen Sie jeden Tag das gleiche?“ Die Freundin dürfe nichts davon erfahren.

Hinter dem Tresen steht Silvie, ebenfalls auf Mörderabsätzen. Sie ist eine kleine Person in den Fünfzigern mit gewaltiger blonder Haarmähne. Ihre Stimme ist tief und rauchig. Auch Silvie raucht Kette. Sex gibt es mit ihr nicht. Sie schenkt die Getränke aus. Auch für die Frauen. Sie trinken meist nur Cola, denn Alkohol müssen sie selbst bezahlen. Wenn sie Hunger haben, lassen sie sich Pizza kommen. Für die Gäste im King George gibt es keine Speisekarte. 
„Den Dreck will ich hier nicht auch noch haben“, sagt Silvie. Sie hat genug zu tun, denn sie achtet außerdem darauf, dass die Gäste, die den Stundentarif von 49 Euro gezahlt haben, pünktlich wieder gehen. Oder nachzahlen. Zum Beispiel die jungen Männer um die zwanzig, die gegen ein Uhr hereinpoltern. Zum ersten Mal kommt so etwas wie Partystimmung auf. Die Mädchen tanzen abwechselnd an der Stange, gewissermaßen als Angebot. Lisa verzieht ihr Gesicht. Sind ihr junge Männer als Kunden nicht lieber als alte? Sie schüttelt den Kopf. „Die geben kein Trinkgeld.“

Was die Jungen hier machen, erklärt Silvie: „Von denen kommen viele auf dem Weg zur Disko vorbei.“ Die Flatrate ist ideal als Start in die lange Nacht – wer schnell viel trinkt, kommt billiger weg als in den Clubs. Als einer Weißwein-Schorle bestellt, schnaubt sie nur verächtlich durch die Nase. Wein gibt’s nicht, nur Bier oder Mixgetränke wie Whisky-Cola oder Wodka-Tonic. Oder Champagner. Der kostet – wie der Sekt – extra, 175 Euro die Flasche. In dieser Nacht wird keine bestellt. Die jungen Männer verschwinden mit Frauen auf die Zimmer. Bezahlt ist bezahlt.

„Zuhälter gibt“s nicht mehr“

Irgendwann kommt der Geschäftsführer. Sascha Erben ist 42 Jahre alt, ein smarter, eher schmächtiger Mann im Anzug. Die Flatrate hat er eingeführt. Alles andere lohne sich nicht mehr, sagt er. Und auch die Flatrate bringt aus seiner Sicht zu wenig. „Wenn ich so einen Club in München oder Stuttgart hätte, würden die Leute Schlange stehen, denn so ein Preis-Leistungs-Verhältnis hast Du nirgends“, sagt er. „Aber in Berlin ist eben kein Geld unterwegs.“

Dass die Prostituierten in Flatrate-Bordellen ausgenutzt werden, hält er für Quatsch. Die Frauen bekämen Handtücher, Kondome und die Getränke gratis. Männer, die sie nicht wollen, könnten sie ablehnen. Für die Nacht würden sie mit einem Pauschalbetrag bezahlt. Wie hoch er ist, will er nicht sagen. Nur soviel: „Die eine Hälfte der Einnahmen bleibt im Haus, die andere geht ans Personal.“ Extras, die auch extra bezahlt werden, macht jede mit ihrem Freier selbst aus. Erben zieht die Abrechnungen heraus. „Manchmal kommen an einem Abend nur vier Kunden, dann zahle ich drauf“, sagt er.

Um vier Uhr morgens schließt der Club. Die letzten Freier gehen nur widerwillig. Die Prostituierten helfen noch beim Aufräumen, polieren die Gläser und ziehen sich dann um. Vor der Tür wartet der Taxifahrer, der sie jeden Morgen nach Hause fährt.

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