Berlin bei Nacht

ZEITUNG: Unter Druck

Von 
Berlin –  

Mehr als 2 000 Nachtarbeiter sind im Einsatz, damit die Leser der Berliner Zeitung ihre Morgenlektüre bekommen.

Eigentlich ist Gerhard Koch gelernter Schneider. Früher hat er Damenkleider in der Greifswalder Straße zugeschnitten. Tagsüber. Heute trägt er ganz in der Nähe Zeitungen aus. Jede Nacht ist der 60-Jährige im Kiez um die Gethsemane-Kirche in Prenzlauer Berg unterwegs. Gut hundert Aufgänge beliefert Koch. 80 Schlüssel hat er dafür auf zwei Bunde sortiert. Er weiß auswendig, welcher Schlüssel in welche Tür gehört und welche Zeitung in welchen Briefkasten. 

Koch gehört zur Armada von mehr als 2000 Nacharbeitern, die dafür sorgen, dass die Leser bis früh um sechs Uhr ihre Berliner Zeitung im Briefkasten haben. Alle arbeiten gegen die Zeit. Jede Nacht. Das fängt bei den Redakteuren im Spätdienst an. Im Großraum im 13. Stock des Verlagshauses am Alexanderplatz sitzen kurz nach zehn noch fünf Mitarbeiter. Die Frühausgabe, die noch abends in Gaststätten, an Bahnhöfen und in manchen Supermärkten verkauft wird, und die an Leser außerhalb von Berlin und Brandenburg geliefert wird, hat die Redaktion um 18 Uhr in Richtung Druckhaus verlassen. Danach bleiben viereinhalb Stunden, um für die Hauptausgabe aktuelle Texte ins Blatt zu heben oder Überschriften zu ändern.

Verantwortlich für den Politikteil und die Seite 1 ist an diesem Abend Susanne Rost. In den Agenturmeldungen und Nachrichtensendungen muss sie wieder einmal die Debatten um die Eurorettung in Brüssel verfolgen. Der Korrespondent soll noch einen Bericht schicken. Ein Fußball-Ergebnis steht aus. Aber es geht recht entspannt zu. Ihren schlimmsten Spätdienst, sagt die 41-Jährige, habe sie im November 2009 erlebt. Es war der Abend, als der Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke bekannt wurde.

Auch an solchen Tagen muss die Seite 1 der Hauptausgabe um 22.40 Uhr fertig sein. Jede Verspätung gefährdet das danach einsetzende komplizierte Räderwerk. In turbulenten Nachrichtennächten können bei der Berliner Zeitung noch bis 23.30 Uhr Seiten ausgetauscht werden. Schub nennt sich das. Wurden Seiten zwischen Früh- und Hauptausgabe verändert, sind sie mit einem Stern am oberen Seitenrand markiert. Bei späteren Aktualisierungen können es zwei oder drei Sterne werden. Drei Minuten dauert es, bis die in der Redaktion per Knopfdruck am Computer frei gegebene Zeitungsseite im Druckhaus in Lichtenberg als Druckplatte vom Band läuft. Genau genommen sind es vier Platten, eine für jede Farbe: Schwarz, Gelb, Cyan, Magenta. Das Montieren der im Laserbelichter vollautomatisch hergestellten Vorlagen auf die Zylinder der Druckmaschinen ist fast die einzige Handarbeit.

Um 23.15 Uhr ist Andruck. Die Maschinen rattern. Im Leitstand steht Andreas Heine. Von hier aus überwachen die Drucker an Stehtischen mit vielen Knöpfen und je zwei Bildschirmen jetzt das Geschehen. „So soll das aussehen“, sagt Heine. Er deutet auf eine am Schirm abgebildete Seite mit einer Anzeige in kräftigem Rot. Die erscheint in der druckfrischen Zeitung auf seinem Pult viel blasser. Früher hat Heine die Farben noch per Hand nachgemischt. Jetzt drückt er auf einige Tasten. „Aber das Farbempfinden ist geblieben“, sagt er. Mit der nächsten Zeitung, die auf seinem Tisch landet, ist er zufrieden.

Gedruckt wird in Lichtenberg rund um die Uhr an vier Maschinen in fünf Schichten. Knapp 20 Leute arbeiten in der Nachtschicht, sagt Ullrich Pietermann, der Produktionsleiter. Die Financial Times Deutschland ist schon fertig. Auf zwei Maschinen läuft jetzt die Berliner Zeitung, auf einer der Berliner Kurier. Pietermann, klein, korpulent, mit weißem Schnauzbart, ist 59 Jahre alt. Angefangen hat er noch in der Druckerei am Franz-Mehring-Platz in Friedrichshain, so wie die meisten seiner Kollegen. Als es mit den alten Maschinen nicht mehr ging, wurde vor 15 Jahren das Druckhaus in Lichtenberg Am Wasserwerk gebaut. Die Arbeit hat sich verändert. Die Drucker kontrollieren die reibungslosen Abläufe fast nur noch an Monitoren. Auf einem blinkt es. „Mist“, sagt Pietermann. „Eine Papierrolle ist gerissen.“ Jetzt müssen die Rollierer im Keller zupacken, wo die weit über tausend Kilo schweren Papierrollen lagern und in die Druckmaschinen eingelegt werden.

30 Titel aus einer Hand

Über ein beeindruckendes Gewirr oberirdischer Förderbänder gelangen die fertigen Zeitungen in die Nachbarhalle, zu Wolfgang Brehmer, der sich Disponent Weiterverarbeitung nennt. Bei ihm sind rund 20 Maschinenbediener und Einleger im Einsatz, teils 400-Euro-Jobber. „Bis vor vier Jahren wurden die Werbebeilagen noch per Hand gesteckt“, sagt Brehmer. Das erledigen jetzt Maschinen, die so schnell sind, dass die Mitarbeiter ständig Prospekte nachlegen müssen. Danach werden die Zeitungen zu 30-Stück-Ballen gebündelt und mit Ausdrucken versehen, die ausweisen, an welche der 17 Zustell-
agenturen sie zu liefern sind.

Auf dem Hof warten Fahrer in Kleintransportern. Anzeigetafeln mit roter Leuchtschrift zeigen an, wer dran ist. Die entferntesten Touren zuerst. Um 23.30 Uhr, eine viertel Stunde nach dem Andruck, starten erste Transporter ins Umland. Weißensee, Rampe fünf, 85 Pakete. Das ist die Fuhre, die Jürgen Höflich in dieser Nacht hat. Der 59-Jährige ist bei einem kleinen Fuhrunternehmen beschäftigt und fährt nur nachts. „Tagsüber wäre mir das viel zu stressig“, sagt er. Sein Ziel ist die Zustellagentur in der Weißenseer Gehringstraße. In der hell erleuchteten Halle warten schon Gerhard Koch und sieben Kollegen. Sie hieven Höflichs Pakete auf Packtische, schneiden sie auf und verteilen die Zeitungen. Alle anderen – Tagesspiegel, Morgenpost, Bild oder die Überregionalen wie Süddeutsche, FAZ oder Frankfurter Rundschau – sind schon abgezählt in Stapeln für die Zusteller sortiert. Kommissionieren nennt sich diese Arbeit. Seit sich die Verlage 1994 zur Berliner Zustell- und Vertriebsgesellschaft BZV zusammen geschlossen haben, ist die Zustellung von insgesamt 30 Titeln aus einer Hand organisiert. 

Schon seit 1 Uhr sortiert Gerhard Koch Zeitungen. Jetzt ist es halb drei. Koch lehnt an seinem Packtisch und hat nichts zu tun. Die letzte Lieferung für Prenzlauer Berg steht noch aus. Daran ist die gerissene Papierrolle schuld.
Mit einem der letzten Transporter fährt Koch von Weißensee nach Prenzlauer Berg. An der Schönhauser Allee/Ecke Wichertstraße setzt ihn der Fahrer kurz vor halb vier ab. In einem Hinterhof hat er seinen Handwagen deponiert. Mit dem läuft er zur Ablagestelle in einer Tordurchfahrt nahe der Stargarder Straße. Zwei andere Zusteller sind schon dabei, die für sie hinterlegten Packen zu öffnen und in ihre Metall-Wagen zu sortieren. Man grüßt sich kurz. Man kennt sich seit Jahren. Alle haben ihr eigenes System, wohin sie welche Zeitungstitel stapeln. In der Dunkelheit muss jeder Griff sitzen. Suchen kostet Zeit.

Seit 20 Jahren trägt Gerhard Koch in Prenzlauer Berg Zeitungen aus. Hier hat er auch lange gewohnt. 2006 ist er nach Reinickendorf umgezogen. „Ich wollte auch mal im Westen wohnen“, sagt er und grinst. Anfangs verteilte er nur die Berliner Zeitung. In seinem Wagen braucht sie noch immer den meisten Platz. Der Wandel des früheren Alternativ-Kiezes hat sich für den Zusteller auch an neuen Lesegewohnheiten bemerkbar gemacht. „Die Süddeutsche und die FAZ haben stark zugenommen“, sagt er. Sogar eine Neue Züricher Zeitung ist jetzt in seinem Paket. Das findet er „sehr exotisch“.

Zwei Mal muss Koch in dieser Nacht seine Tour unterbrechen. Dauerregen hat eingesetzt. Damit die Zeitungen trotz Abdeckplane nicht zu nass werden, stellt er sich unter. Um 5.45 Uhr fährt Koch heim. Eine Dreiviertelstunde später als sonst. Der Zusteller klagt nicht über die nächtliche Arbeit. An den Rhythmus hat er sich längst gewöhnt. „Man kann davon leben“, sagt er lakonisch. „Nur im Winter ist es manchmal ganz schön hart.“ 

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