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Berlin: Wenn der Land Rover im Weg steht

Große Autos versperren öfters mal den Weg. Foto: Thomas Geiger

Große Autos versperren öfters mal den Weg. Foto: Thomas Geiger

Auf den ersten Blick ist die Statistik erschreckend. Eigentlich sind Berlins Straßen in den vergangenen zehn Jahren sicherer geworden, die Zahl der Unfälle ist leicht rückläufig. Doch ausgerechnet für Radfahrer, die am wenigsten geschützten Verkehrsteilnehmer, gilt das nicht. 2013 waren sie laut polizeilicher Statistik in 6 952 Unfälle verwickelt, das waren 14 Pozent mehr als zehn Jahre zuvor. Und auch die Zahl der Verunglückten stieg um 15 Prozent an, von 4 694 auf 5 399.

Dennoch ist das Radfahren in Berlin sicherer geworden. Denn noch stärker als die Zahl der Fahrradunfälle ist seit 2004 die Zahl der Radfahrer gestiegen: um fast 50 Prozent. Die These vieler Fahrradaktivisten, wonach Wachstum im Radverkehr zu mehr Sicherheit führt – weil Autofahrer aufmerksamer werden, je mehr Räder auf den Straßen unterwegs sind – scheint sich in Berlin also zu bestätigen.

Aber besser muss ja noch lange nicht gut sein. Laut einer Vergleichsstudie des ADAC – ausgerechnet! – leben Radfahrer in Berlin gefährlicher als in vielen anderen deutschen Großstädten. Teilweise ist das zweifelsohne auf ihr eigenes Verhalten zurückzuführen. Nicht selten spielt Alkohol bei Fahrradunfällen eine Rolle, 2013 stellte die Polizei bei 204 verunglückten Radfahrern Alkohol im Blut fest.

Doch an vielen Stellen ist auch die Infrastruktur dem wachsenden Radverkehr nicht mehr gewachsen. Zwar entstehen nach und nach neue Radstreifen, derzeit etwa wird die Warschauer Straße in Friedrichshain mit großem Aufwand fahrradfreundlicher gestaltet.

Der Platz reicht nicht

Aber es bleibt genug zu tun. Da gleicht die Oberfläche des Radwegs der eines Panzerübungsplatzes – wie an der Prinzenstraße in Kreuzberg. Da verengen sich Radwege plötzlich und werden ausgerechnet an einer hochfrequentierten Bushaltestelle auf den Gehweg geleitet – wie am Hermannplatz in Neukölln. Da sind selbst ausgewiesene Fahrradstraßen so schmal, dass die Radfahrer den von Verkehrsgerichten vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von 1,50 Meter zu parkenden Autos gar nicht einhalten können, weil sie sonst mit dem Gegenverkehr in Konflikt gerieten – wie in der Linienstraße in Mitte.

Heinrich Strößenreuther, Gründer des Thinktanks Clevere Städte, weist auf ein weiteres Problem hin: die zugeparkten Radwege. „Es ist kein Wunder, dass Radfahrer so häufig auf die Bürgersteige oder auf die Fahrbahn ausweichen, wenn die knappen Flächen, die für sie reserviert sind, von Autos blockiert werden“, sagt er. Um dem Problem beizukommen, hat Strößenreuther die App Wegeheld entwickelt, mit der Radler Falschparker direkt dem Ordnungsamt melden können. Denunziantentum sei das, schimpfen Kritiker. Für Strößenreuther ist die App ein politisches Werkzeug – es gehe um die gerechte Verteilung des Straßenraums.

Kürzlich hat er auch eine erste Auswertung vorgenommen, welche Automarken besonders häufig auf Berlins Radwegen anzutreffen sind. Auf Platz 1 liegen – bezogen auf die Zulassungszahlen – die Geländewagen des britischen Herstellers Land Rover. Besonders vorbildlich verhalten sich dagegen Besitzer von Suzuki-Fahrzeugen, das sind meist kleinere Modelle. Strößenreuthers Forderung: „Die Strafgelder für Falschparker müssen erhöht werden.“ Derzeit liegen sie nach seinen Berechnungen bei 75 Prozent des EU-Durchschnitts.