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„Babyboom“: Öffentliche Entbindung

Pure Emotionen oder Voyeurismus im „Big Brother“-Stil? Die Kinder werden jedenfalls nicht gefragt, ob sie dabei sein wollen.

Pure Emotionen oder Voyeurismus im „Big Brother“-Stil? Die Kinder werden jedenfalls nicht gefragt, ob sie dabei sein wollen.

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LAIF

Berlin -

Seit elf Tagen ist in der Geburtsklinik des Friedrichshainer Vivantes-Klinikums alles anders. Ein bisschen müssen sich die Ärzte, Hebammen und Schwestern der landeseigenen Klinik an der Landsberger Allee vorkommen wie bei Big Brother. Denn RTL ist da, und RTL hat Kameras mitgebracht. Seit Tagen zeichnen diese im Kreißsaal, im Krankenzimmer und in den Untersuchungsräumen Geburten auf.

Der Sender will ein erfolgreiches englisches Format auf den deutschen Markt bringen, „Babyboom – Willkommen im Leben“ soll die Dokumentation „über das Wunder der Geburt“ heißen. Sie zeigt Familien vor, während und nach der Geburt ihrer Kinder. Dass zwei Entbindungssäle dafür mit 30 fest installierten und ferngesteuerten Kameras ausgestattet sind, stößt bei Berliner Gesundheitspolitikern auf Kritik.

Einblicke in die Gefühlswelt

Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) sagt, er sehe die Intimsphäre und die allgemeinen Persönlichkeitsrechte des Kindes in Gefahr: „Auch wenn die Mütter ihr Einverständnis erklären, wird das Kind später damit zu rechnen haben, mit den Aufnahmen konfrontiert zu werden.“ Vivantes solle sein Betriebsergebnis durch gute Krankenversorgung verbessern, meint der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Thomas Isenberg, „und nicht, indem es zur Filmstätte für voyeuristisches Privatfernsehen wird.“

Und Grünen-Politiker Heiko Thomas fragt: „Was kommt als nächstes? Sind wir bald beim Tod live dabei?“ Isenberg kündigte an, das Thema im Gesundheitsausschuss zu diskutieren, Thomas will per Anfrage im Abgeordnetenhaus klären, ob alle Schwestern und Hebammen freiwillig mitmachen. Laut Klinik ist dies aber der Fall.

Vivantes-Sprecherin Mischa Moriceau sagte, die Teilnahme sei nicht verpflichtend. Man habe alle Abteilungen in die Entscheidung einbezogen, die Zustimmung der Mitarbeiter habe überwogen. Komme es zu Komplikationen, könne man die Kameras jederzeit abschalten. „Die Versorgung der Mütter geht vor.“ Von den 17 Ärzten der Geburtsklinik hätten zwei gesagt, dass sie nicht gefilmt werden wollen. „Die Mitarbeiter können dort arbeiten, wo keine Kameras installiert sind“, sagt Lars Hellmeyer, Chefarzt der Geburtsklinik, in der pro Jahr 2 400 Kinder geboren werden. Die medizinische Betreuung werde in keiner Weise verändert oder durch die Dreharbeiten beeinflusst, sagt er.

Aber warum macht Vivantes bei der Baby-Doku mit? „Hier passieren jeden Tag kleine Wunder, wenn Kinder auf die Welt kommen, an denen nun auch Zuschauer von außen teilhaben können“, sagt Hellmeyer. Das Projekt unterscheide sich von den bisher üblichen Formaten, die im Fernsehen von Entbindungsstationen gezeigt wurden. Man habe das Vorbild-Projekt in Großbritannien besucht und sich von der Begeisterung des dortigen Klinikteams anstecken lassen.

Die Eltern, die sich für „Babyboom“ filmen lassen, wurden von der Produktionsfirma per Aushang in der Klinik und per Mail gesucht. Bei RTL verspricht man sich „authentische und direkte Einblicke in die wahre Gefühlswelt“, so Sprecher Frank Rendez. Noch einen Monat lang wird in Friedrichshain gedreht, 24 Berliner und Brandenburger Familien werden bei der Geburt begleitet. Sie bekommen für ihre Teilnahme eine „minimale Aufwandsentschädigung“.

24 Babys und ihre Eltern

Geplant ist die Ausstrahlung von „Babyboom“ im Sommer, zunächst soll es acht Folgen geben. RTL will die Dokumentation einmal pro Woche zur Primetime am Abend senden. Der Blick sei nicht voyeuristisch, so der Sendersprecher: „Gewisse Einstellungen werden nicht gezeigt. Und die Eltern haben alle eingewilligt. Wer nicht gefilmt werden will, wird auch nicht gezeigt.“ Die Dreharbeiten liefen in einem abgetrennten Bereich der Entbindungsstation. Kameraleute seien im Kreißsaal nicht dabei, die Kameras filmen automatisch. Kliniksprecherin Moriceau wies darauf hin, dass Material vor der Sendung gesichtet wird. „Wir machen ja keine Liveübertragung aus dem Kreißsaal.“


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