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Berliner Zeitung | „bestenfalls alles“ von Tania Witte: Kreuz und queer durch sämtliche Klischees gestöckelt
24. September 2014
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„bestenfalls alles“ von Tania Witte: Kreuz und queer durch sämtliche Klischees gestöckelt

„Anything goes“ ist das Motto von Tania Wittes neuem Werk „bestenfalls alles“.

„Anything goes“ ist das Motto von Tania Wittes neuem Werk „bestenfalls alles“.

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imago stock&people

Berlin -

Die Situation ist nicht ungewöhnlich und mit „Gruppenzwang“ nur unzureichend umschrieben: Fünfzig Angestellte machen einen Betriebsausflug, zwei bleiben aus irgendwelchen Gründen daheim. Was passiert? 48 Menschen fühlen sich im Stich gelassen. Vielleicht ist es in der Literatur nicht viel anders. Der überwiegende Teil handelt von heterosexuellen Protagonisten.

Doch wenn in ein paar Büchern homosexuelle Hauptfiguren samt ihrem Umfeld eindeutig ins Zentrum gerückt sind, werden die häufig als Randgruppenzeugs abgewertet, falls in der Öffentlichkeit nicht gleich Anzeichen für den Untergang des Abendlandes entdeckt werden. Warum das so ist? Fragen Sie nicht die Berliner Schriftstellerin Tania Witte, sie weiß es nämlich auch nicht. Aber sie denkt immer wieder darüber nach.

Zum Beispiel, wenn sie als lesbische Schriftstellerin bezeichnet wird: „Nein, das stimmt nicht, ich bin Schriftstellerin. Und ich bin lesbisch.“ Oder eigentlich „queer“, bloß ist das Wort zu wenig bekannt, als dass sie es überall verwenden könnte. Was ist der Unterschied? „Nun ja“, sagt die hochgewachsene, androgyne Autorin, die in Trier in einen Lehrerhaushalt geboren wurde und mit ihrer Lebensgefährtin seit Jahren in Neukölln lebt, „das eine bezeichnet eine sexuelle Orientierung, das andere einen bewusst von der heterosexuellen Norm abweichenden Lebensstil.“

Hinreißende Familienchronik

Wie dieser aussehen kann, hat sie als schillerndes Panorama in einer soziologisch aufregenden Trilogie ausgemalt, deren letzter Teil jetzt erschienen ist. Mit „beziehungsweise liebe“ (2011), „leben nebenbei“ (2012) und nun „bestenfalls alles“ ist ihr eine hinreißende Wahlfamilien-Chronik gelungen, die spannend, witzig und charmant von dem erzählt, was die Reiseführer „Berliner Boheme“ nennen. Zwar hat Tania Witte für diese Romane das Schnittmuster und die Dramaturgie einer guten Fernsehserie verwendet, doch ihre Figuren fallen dezidiert aus dem üblichen Raster heraus. Denn sie sind alles Mögliche – nur meist nicht heterosexuell. Kreuz und quer geht es in diesem grenzüberschreitend „polyamourösen“ Freundeskreis drunter und drüber.

Da gibt es das klassische symbiotische lesbische Pärchen, den heimlichen Schwulen, der neben der Ehefrau einen festen Liebhaber hat, die Single-Lesbe, die sich auf One-Night-Stands beschränkt, weil ihre große Liebe für sie unerreichbar ist. Die hat türkisch-irische Eltern, jobbt am Tag als Model und betätigt sich nachts als illegale Street-Art-Malerin. Die bisexuelle Marte entwirft Computerspiele, Clemens (ausnahmsweise ein Heterosexueller) ist Online-Journalist und findet mit der transsexuellen Performancekünstlerin Liza und einem Adoptivkind sein Glück. Eine lesbische Geschäftsfrau aus Mitte definiert sich über Statussymbole und beschäftigt als Haushälterin eine putzsüchtige Ex-Polizistin.

Dazu kommen Fräulein Rottenmeier, eine Schildkröte, und der Hund Rutherford, bei dem sich Tania Witte den Spaß gemacht hat, von Roman zu Roman den Stammbaum auszutauschen – alles fließt eben, anything goes. Paare bilden und trennen sich, Glück erwächst und stirbt ab, Herzen schmelzen, ehe sie unter der Last allzu turbulenter Gefühle brechen – bis zur nächsten Frau, zum nächsten Mann, zu allem dazwischen. Ist’s noch eine Hommage an das pittoreske, polymorph-perverse Biotop Berlin, oder schon ein heutiger Groschenroman?

Tania Witte, die souverän mit Klischees, Stereotypen und Rollenmustern zu jonglieren versteht, die höchst amüsant anachronistische Festschreibungen aufheben und ideologische Schubladen ausräumen kann, beherrscht den literarischen Spagat zwischen den verschiedenen Welten. Völlig undogmatisch führt sie durch eine queere urbane Subkultur, die im Grunde nicht minder durchschnittlich, erheiternd, skurril und liebenswürdig ist als die Mainstream-Gesellschaft drumherum.

So lässt sie ihre Leserschaft an einem vermutlich fremden, hier gleichwohl unkompliziert begreifbaren Milieu teilhaben: Sie muss sich bloß an die Lektüre trauen! Zu verlieren hat dabei außer ein paar Vorurteilen niemand etwas, findet Tania Witte, zu gewinnen freilich einiges: „Ich lese seit meiner Kindheit heterosexuelle Literatur. Das hat mir nicht geschadet, im Gegenteil, ich habe viel dadurch gelernt.

Und ich kriege es hin, mich mit Personen zu identifizieren, die komplett anders strukturiert sind als ich, was Sexualität, Lebensplanung, Sehnsüchte betrifft. Warum sollte das umgekehrt nicht auch klappen können? Davor braucht doch niemand Angst zu haben. Mit ein bisschen Neugier kann man jede Menge über neue Wege erfahren, um sich zu erkennen, Beziehungen zu schaffen, glücklich zu werden.“

Als nächstes plant sie ein Jugendbuch „mit einer starken Mädchenfigur“, wird weiter ihre Kolumne „andersrum ist auch nicht besser“ für „Die Zeit“ schreiben und unter dem Namen CayaTe als Spoken–Word-Performerin auftreten. Zuerst einmal allerdings wird „bestenfalls alles“ groß im „Südblock“ vorgestellt – und Christiane Rösinger singt dazu.

Buchvorstellung „bestenfalls alles“, Sonntag, 28. September, 19 Uhr, Südblock, Admiralstraße 1-2, Kreuzberg, mit Christiane Rösinger (Musik) und Malte Göbel (Moderation).

Tania Witte: bestenfalls alles. Querverlag Berlin, 288 Seiten, 14,90 Euro