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Berliner Zeitung | „Der Fall Wilhelm Reich“: Mit Kanonen auf Wolken
03. September 2013
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„Der Fall Wilhelm Reich“: Mit Kanonen auf Wolken

Im offenen Flanellhemd in der weiten Prärie: Klaus Maria Brandauer ist auch in „Der Fall Wilhelm Reich“ ein Mann für den großen Auftritt.

Im offenen Flanellhemd in der weiten Prärie: Klaus Maria Brandauer ist auch in „Der Fall Wilhelm Reich“ ein Mann für den großen Auftritt.

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filmladen Filmverleih/Eva Kees

Wer oder was war Wilhelm Reich? Genie, Scharlatan, Esoteriker? Antonin Svoboda mochte sich nicht festlegen. Lieber sagte er: „Schauen Sie sich den Film an. Machen Sie sich selbst ein Bild!“ Das war insofern geschickt, als dass er selbst der Regisseur eben dieses Filmes ist. Dieser jetzt hierzulande anlaufende „Der Fall Wilhelm Reich“ feierte am Dienstag im Kant-Kino Publikumspremiere. Mit dabei: die Schauspielerinnen Julia Jentsch (sie spielt Reichs Tochter Eva) und Jeanette Hain (Reichs dritte Ehefrau Ilse). Hauptdarsteller Klaus Maria Brandauer glänzte zunächst mit Abwesenheit.

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Nun, in jedem Fall war Wilhelm Reich Kind jüdischer Eltern, Kommunist, Psychiater, Warner vor dem Faschismus und Sexualforscher mit besonderem Interesse am Orgasmus, zu dem er mehrere Regalmeter Literatur vollschrieb. Weil diese Kombination in den 30er-Jahren in Mitteleuropa im Wortsinne tödlich war, emigrierte der 1897 im österreichisch-ungarischen Galizien geborene Reich, der 1930 von Wien nach Berlin gezogen war, 1939 in die USA. Dort entwickelte er seine Orgonomie, in deren Mittelpunkt Orgon stand, eine allgegenwärtige, irgendwie kosmische Energie. So viel Querdenkertum ging in den USA nicht lange gut. 1956 wurden Reichs Bücher als Werbeschriften für ein verbotenes Gerät – den Orgon-Akkumulator – eingestuft. Kurz darauf wurde Reich zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, wo er ein Jahr später angeblich an Herzversagen starb.

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Wilhelm Reich wurde zeitlebens als Pseudowissenschaftler diffamiert und vom etablierten Wissenschaftsbetrieb zunehmend geschnitten. Dabei es gab bis zum Schluss Leute, die an ihn glaubten. Zum Beispiel sollen einmal Farmer aus dem Bundesstaat Maine, in dem er lebte, in einer Dürreperiode den wunderlichen Mann aus Good Old Europe als Regenmacher engagiert haben. Tatsächlich regnete es binnen 24 Stunden – und Reich erhielt das vereinbarte Honorar.
Heute befindet sich im Städtchen Rangeley in Maine ein Wilhelm-Reich-Museum. Im dortigen Garten ist er auch begraben. Gleich neben dem Grabstein steht eine der von ihm konstruierten Kanonen, mit denen Reich geballte Orgon-Energie in die Wolken geschossen und sie so zum Abregnen gebracht haben will, ein sogenannter Cloudbuster.

1985 veröffentlichte die britische Sängerin Kate Bush ein Video zu ihrer Single „Cloudbusting“. Darin sieht man Donald Sutherland (als Wilhelm Reich) und sie selbst (als dessen Sohn Peter) beim Hantieren mit seltsam aussehenden Kanonen. Am Ende wird Reich festgenommen – und es regnet …

Das klingt nach starkem Tobak und viel Stoff für einen richtig fetten Film. Regisseur Svoboda aus Wien hat sich an Wilhelm Reichs Leben herangewagt – und mit Klaus Maria Brandauer, einem Meister des großen Auftritts, in der Hauptrolle hochkarätig besetzt. Dennoch fielen die Kritiken in Österreich, wo „Der Fall Wilhelm Reich“ bereits im Januar in die Kinos kam, nicht so doll aus. Hatte das Internetportal News.at immerhin einen „Brandauer in Bestform“ ausgemacht, hieß es beim ORF: „Der Film ist leider zerstückelt wie der Schmarrn auf dem Teller des in die USA emigrierten Psychiaters und Erfinders. Erst ein bisschen Biopic, zwischendurch kurz Gerichtsdrama und zum Drüberstreuen wie Puderzucker Suspense, allein angedeutet von hageren Männern in Staubmänteln mit Hüten. Großes Kino hätte es werden sollen.“ Mit der Betonung auf „sollen“.