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„Der Hedwigs-Kathedrale droht Teilabriss und Denkmalzerstörung“

Hedwigskathedrale

Die Hedwigskathedrale unweit der Staatsoper.

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imago

Kaum umstritten ist, dass die bis 1957 nach Plänen von Hans Schwippert wiederaufgebaute St. Hedwigs-Kathedrale baulicher Erfrischung bedarf. Die Wandfarben sind matt geworden, der Raum wirkt wie geteilt, seitdem die Kirchenbänke stur gerade stehen statt wie einst in angenäherter Kreisform. Der Chor muss über den breit geöffneten Treppenschlitz zur Unterkirche regelrecht hinwegsingen.

Aber braucht es deswegen den radikalen Umbau, den der Diözesanrat vom 27. Februar mit großer Mehrheit empfohlen hat? Er will nicht nur eine Instandsetzung und die Aufhellung der Farben erreichen, sondern auch die weite Öffnung zwischen der Gemeinde- und der Märtyrerkirche im Sockelgeschoss schließen und einen zentralen Altarstein aufstellen, um den herum die Bänke im Dreiviertelkreis stehen.

Die Proteste aus der Gemeinde gegen dieses derzeit auf über 40 Millionen Euro kalkulierte Projekt verstummen nicht. Noch vor wenigen Jahren schlitterte die Berliner katholische Kirche wegen ihrer Misswirtschaft nur knapp am Bankrott vorbei. Zudem residiert inzwischen in Rom ein Papst, der die Bescheidenheit der Kirche wieder zum Thema gemacht hat – eben das Thema, dem auch die Gestaltung von Schwippert gewidmet war.

In der St. Hedwigs-Kathedrale in Mitte.

In der St. Hedwigs-Kathedrale in Mitte.

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Berliner Zeitung/PAULUS PONIZAK

Eines der bedeutendsten Kunstwerke der Nachkriegszeit

Jetzt haben sich, quasi in letzter Minute, bevor Erzbischof Heiner Koch entscheiden soll, auch Denkmalpfleger, Kunsthistoriker, Architekten und Historiker aus ganz Deutschland zu Wort gemeldet. In einem offenen Brief warnen sie vor dem unwiederbringlichen Verlust, der drohe. Es handele sich um „Teilabriss, Denkmalzerstörung und Teilneubau“ eines der bedeutendsten Kunstwerke der Nachkriegszeit. Dies gehöre zwar juristisch der Kirche, darüber hinaus aber auch einer weltweiten „Erbengemeinschaft“.

Die Kritik an dem Umbauprojekt, das von der lokalen Berliner Kirchenleitung seit Jahren betrieben wird, ist hart. Selbst die Behauptung der Umbauarchitekten, dass die Hedwigs-Kathedrale wie das Pantheon in Rom im Querschnitt einen Kreis zeige, dessen Fußpunkt der künftige Altar werde, sei unkorrekt – der Kreis reiche bis in die umstrittene Märtyrerkirche im Sockelgeschoss, was auch symbolisch von Bedeutung sei.

Der Wiederaufbau durch Hans Schwippert sei auch für Protestanten ein „einzigartiges Zeugnis der Sakralen Baukunst der Nachkriegsmoderne in eher schwierigen, materialistisch geprägten Zeiten.“ Hier habe sich der Wunsch der Kirche materialisiert, nach der Nazizeit an ihre Märtyrer zu erinnern und auf eine Wiedervereinigung Deutschlands zu hoffen. Deswegen sei einst Schwippert, der Architekt des Bonner Bundestags-Hauses, für die Berliner Kathedrale ausgewählt worden, aber ausgestattet worden von führenden Bildhauern der DDR.

Mit dem Gesicht zur Gemeinde

Auch liturgisch sei der „Radikalumbau“ für heutige Gottesdienstformen nicht notwendig, wie „ein halbes Jahrhundert bei allen Mängeln funktionstüchtige Kirchenpraxis“ zeige: „Schwipperts Fassung ermöglichte vielmehr sogar schon vor Abschluss des II. Vatikanischen Konzils die Feier der Messe versus populum“, also mit dem Gesicht zur Gemeinde. Liturgiewissenschaftler hätten sogar „ernsthafte Bedenken“ gegen die Umbaupläne geäußert.

Initiiert wurde der Brief vom einstigen Vorsitzenden des Berliner Landesdenkmalrats, Adrian von Buttlar. Er hat sich als Professor für Kunstwissenschaften an der TU intensiv mit der Architektur der Nachkriegsmoderne auseinandergesetzt, gab vor zwei Jahren gemeinsam mit seiner Nachfolgerin in der Universität und im Landesdenkmalrat, der Kirchenarchitektur-Fachfrau Kerstin Wittmann-Englert, ein Handbuch heraus, die „Baukunst der Nachkriegsmoderne. Berlin 1949–1979“. Die Liste der Unterzeichner umfasst so ziemlich alle deutschen Denkmalpfleger, Historiker und Kunsthistoriker, die sich mit der Kunst der Nachkriegszeit auseinander gesetzt haben, aber auch Architekten wie Volkwin Marg.