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„Der Klotz muss weg“ : Hitzige Diskussion um früheres DDR-Interhotel in Potsdam

Das Hotel Mercure, aufgenommen am 19.01.2016 in Potsdam (Brandenburg) aus einem Flugzeug. Die Pläne der Stadt Potsdam zum Abriss des 60 Meter hohen früheren DDR-Interhotel gegenüber dem Landtags stoßen bei vielen Potsdamer Bürgern auf Widerstand.

Das Hotel Mercure, aufgenommen am 19.01.2016 in Potsdam (Brandenburg) aus einem Flugzeug. Die Pläne der Stadt Potsdam zum Abriss des 60 Meter hohen früheren DDR-Interhotel gegenüber dem Landtags stoßen bei vielen Potsdamer Bürgern auf Widerstand.

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Ralf Hirschberger/dpa

Frisch herausgeputzt zeigt sich der historische Alte Markt der Landeshauptstadt Potsdam: Vom Turm der Nikolaikirche blinkt das goldene Kreuz, in der Platzmitte erstrahlt der Obelisk mit den Bildnissen der Architekten Knobelsdorff, Schinkel, Gontard und Persius im neuen Glanz. Und seit seiner Eröffnung im Januar 2014 zieht der Landtag hinter der Fassade des historischen Stadtschlosses Hunderttausende Besucher an. Auf der ehemaligen Nachkriegsbrache ist das klassische Postkarten-Potsdam neu erstanden. Und dann steht da, genau gegenüber, im ehemaligen Lustgarten preußischer Könige, dieser „Klotz“: Das 60 Meter hohe ehemalige DDR-Interhotel und heutige „Mercure“, im Jahr 1969 als „sozialistische Stadtkrone“ erbaut.

Die Stadtspitze unter dem sozialdemokratischen Oberbürgermeister Jann Jakobs ist sich einig: Der „Klotz“ muss weg, denn er steht dem Traum einer Rekonstruktion der alten Potsdamer Mitte buchstäblich im Weg. Geplant ist, an der Stelle einen neuen Lustgarten als „Wiese des Volkes“ für Bürgerfeste oder auch politische Demonstrationen zu errichten. Doch gegen diesen Plan gibt es großen Widerstand, von der in der Stadt oppositionellen Linken, von Verbänden und nicht zuletzt von vielen Bürgern, die an ihrem alten Wahrzeichen hängen.

Stadt Potsdam will Ex-Interhotel kaufen und abreißen

So hatten bei der Befragung zum Bürgerhaushalt, bei der Potsdamer Vorschläge zur Verwendung der städtischen Mittel machen können, mehr als 7000 Bürger dafür gestimmt, kein Steuergeld für den Ankauf und Abriss des „Mercure“ einzusetzen. Doch genau dies bereitet Jakobs gerade vor: Am kommenden Mittwoch soll die Stadtverordnetenversammlung einen Antrag beschließen, der künftige Sanierungen des Hotels verhindern könnte. Dann will die Stadt das Hotel erwerben und abreißen. Statt mit Steuergeld soll dies aber mit Grundstücksverkäufen finanziert werden.

Der Hotel- und Gaststättenverband spricht von einer „Debatte zur Unzeit“, die dem Hotel und den Arbeitsplätzen schade. „Es gibt noch keine Finanzierung für den Abriss und die Neugestaltung des Lustgartens und keine Absichtserklärung des Hotel-Eigentümers“, sagt Hauptgeschäftsführer Olaf Lücke.

„Potsdam hat andere Probleme“ poltert auch der Chef der Linken-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung, Hans-Jürgen Scharfenberg. „Da geht es um Millionen. Mir fallen tausend andere Dinge ein, die man damit bauen könnte wie Schulen, Studentenheime oder Wohnungen.“ In der Tat muss die stark wachsende Landeshauptstadt bis 2020 rund 160 Millionen Euro in den Bau und die Sanierung von Schulen stecken, die sie mühsam mit einer Bettensteuer in den Hotels zusammenkratzt.

Historisches Zeichen für den Wiederaufbau der Stadt

Scharfenberg plädiert für eine repräsentative Befragung der Bürger. Ebenso argumentiert der ehemalige Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD). „Das „Mercure“ entstand in einer Trümmerlandschaft und war für Alt-Potsdamer ein Zeichen für den Aufbau des Stadtzentrums“, sagte Stolpe der Deutschen Presse-Agentur. Viele Potsdamer hätten den Eindruck, dass mit dem Abriss des Hotels gute Erinnerungen an die DDR-Zeit ausgemerzt werden sollen. „Das „Mercure“-Gebäude wird zu einem Symbol für eine differenzierte Vergangenheitsbewertung“, sagte Stolpe. Er rät den Hotelbetreibern zu einer Schadenersatzklage.

Denn dem „Mercure“ entstehe durch die Abriss-Diskussion erheblicher Schaden, sagt Hotel-Direktor Marco Wesolowski. „Wenn Kunden im Internet nach dem „Mercure“ in Potsdam suchen, erscheinen sofort Berichte über Abriss-Pläne“, klagt der Direktor. „Wir müssen erhebliche Kraft darauf verwenden, die Interessenten davon zu überzeugen, dass wir ein gut ausgestattetes Hotel sind.“ Daher würden nun alle denkbaren juristischen Schritte gegen die Stadt geprüft.

Vor ein paar Jahren plante der Milliardär Hasso Plattner mit Unterstützung der Stadt, nach einem Abriss des Hotels dort sein privates Kunstmuseum zu errichten. Nach heftigem Widerstand von Bürgern gab er auf und will das Museum nun im kommenden Jahr an anderer Stelle nahe dem Landtag eröffnen. „Während der Diskussion hatten wir damals allein durch Stornierungen einen Umsatzverlust von mehr als 100.000 Euro“, sagt Wesolowski.

Küchenchef arbeitet seit 1976 im Hotel

Für den Direktor, der seit sieben Jahren in dem Haus arbeitet, ist auch viel Herzblut dabei. „Unsere Mitarbeiter arbeiten zum Teil schon sehr lange hier im Hotel“, berichtet er. „Mein Küchenchef ist seit 1976 hier und meine Hausdame seit 1977.“ Da sei es schwer, die Mitarbeiter zu motivieren, wenn ständig vom Abriss die Rede sei.

Die Stadt Potsdam ist angesichts der vielen kritischen Stimmen erst einmal in Deckung gegangen. „Kein Kommentar“ lautet seit vielen Tagen die stereotype Antwort aus der Pressestelle. Nun wartet Potsdam gespannt auf die Entscheidung der Stadtverordneten. (dpa)