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„Ecke Weserstraße“: Neukölln bekommt eigene Seifenoper

Porträtieren ihre Generation: Johannes Hertwig (l.) und Hayung von Oepen sind die Macher von „Ecke Weserstraße“. Hier allerdings befinden sie sich gerade Ecke Maybachufer.

Porträtieren ihre Generation: Johannes Hertwig (l.) und Hayung von Oepen sind die Macher von „Ecke Weserstraße“. Hier allerdings befinden sie sich gerade Ecke Maybachufer.

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Berliner Zeitung/Christian Schulz

Es ist alles nicht so geil gerade. Gestern noch der verheißungsvolle Jungabsolvent und heute einer von drei Millionen Arbeitslosen.“ Tom sitzt am Küchentisch, als er das sagt, es ist mittags, die Party vom Vorabend steckt noch in den Knochen. Tom ist Mitte 20 und lebt in Neukölln. Zusammen mit seinen Freunden Emma und Vincent pendelt er zwischen Adoleszenz und Erwachsensein, zwischen Nachtleben und Arbeit. Die drei sind die Hauptfiguren einer neuen Berliner Seifenoper, die in Nordneukölln gedreht wurde. „Ecke Weserstraße“ heißt das ambitionierte Videoprojekt von Literaturstudent Johannes Hertwig, 29, und Grafikdesigner Hayung von Oepen, 25. Beim Festival „48 Stunden Neukölln“ feiert die Pilotfolge Premiere.

Herr Hertwig, Herr von Oepen, wie kam es zur Soap „Ecke Weserstraße“?

Hertwig: Eine Inspiration war die amerikanische Serie „Girls“, die ja in New York spielt und genau diese Probleme abbildet, die uns auch umgeben. Junge Menschen in ihren Zwanzigern, die ihre teils großen Ambitionen jetzt erstmal mit der Realität abgleichen. Warum gibt es das nicht in Berlin, haben wir uns gefragt. Die Stadt hat das Potenzial, wir haben auch solche Cafés und ähnliche Lebensentwürfe. Aber im Fernsehen ist unsere Generation nicht präsent.

Die sogenannte Generation Y …

Von Oepen: … für die eben nicht mehr der Job im Mittelpunkt steht. Die keine Statussymbole braucht, sondern lieber nach dem Sinn hinter dem sucht, was sie tut.

Es gibt ja im Fernsehen durchaus noch ein paar Berlin-Serien.

Von Oepen: Ja, zum Beispiel „Berlin – Tag & Nacht“. Aber die beschränkt sich ja auf einen ganz anderen Teil von Berlin. Das ist nicht unsere Lebenswirklichkeit. Die Serie spricht glaube ich eher Leute von außerhalb an, die dann nach Berlin kommen und Drehorte wie das Matrix besuchen wollen. Und dann gibt es noch „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, aber auch dort ist ja die Stadt nur Kulisse, das könnte auch in jeder anderen Stadt spielen. Als junger Mensch guckt man das ja auch nicht. Diese deutschen Serien sind einfach auch nicht schnell genug, was Themen und Trends angeht.

Bei Ihnen spielt Berlin also nicht nur eine Nebenrolle?

Hertwig: Im Prinzip könnte die Serie auch in Nürnberg spielen, dort wo ich herkomme. Auch dort gibt es diese Generationsstrukturen, diese Cafés. Aber in Berlin ist alles verdichteter, und Neukölln ist in gewisser Weise eine Metapher für diese Generation der 20- bis 29-Jährigen. Hier spielt sich das Leben ab, auch für viele Zugezogene, die meisten landen erstmal hier.

Inwiefern sind Neukölln und die Weserstraße eine Metapher für ein bestimmtes Lebensgefühl?

Von Oepen: Neukölln ist immer noch der angesagteste und schnelllebigste Stadtteil in Berlin. Wir beide sind hier jeden Tag, unser Leben spielt sich hier ab, die meisten Freunde wohnen hier. Es passiert unglaublich viel in Neukölln und rund um die Weserstraße – Hinterhof-Flohmärkte, Open-Air-Kino auf dem Floß, Spontankonzerte in WG-Küchen. Gleichzeitig steigen in Nord-Neukölln die Mieten wie kaum irgendwo sonst in Berlin, da stehen also auch Umbrüche und Veränderungen an.

Teilweise wird Ihr Projekt als „Hipster-Soap“ bezeichnet. Stört Sie das?

Hertwig: Nein, das ist schon o.k., auch wenn es den Hipster an sich ja gar nicht gibt. Er ist eine Erfindung amerikanischer Intellektueller und steht für eine gewisse junge Avantgarde, für eine Subkultur, die längst keine mehr ist.

Von Oepen: Im Prinzip wollten wir ein Generationenporträt machen, ausgehend von dem, was uns und unsere Freunde bewegt. Wir haben viele Idealvorstellungen vom Leben, aber der Weg da hin ist nicht klar. Die Kompromisse zwischen den Lebensentwürfen und der realen Arbeitswelt sind meist härter, als man sich das denkt. Ich habe nach dem Studium als Grafikdesigner direkt Vollzeit 40 Stunden gearbeitet. Da blieb kaum Zeit für meine Musik und Projekte wie diesen Film. Man war auch kreativ ausgelaugt. Jetzt versuche ich es als Freiberufler.

Haben die jungen Leute in Berlin zu viele Optionen?

Hertwig: Die Ohnmacht der Möglichkeiten gibt es auf jeden Fall. Von der Familie haben wir oft gehört, du kannst alles werden, die Welt steht dir offen. Und dann stellen wir fest, so offen ist sie gar nicht. Das versuchen wir, in der Serie abzubilden. Jetzt sind wir Ende 20, super ausgebildet, waren im Ausland – und irgendwie schreit trotzdem keiner nach uns. Wir kennen einige Leute, die das liberale Berlin angezogen hat, die dann aber wieder in kleinere Städte gegangen sind, weil sie sich hier verloren fühlten.

Zu einer Soap gehören Beziehungskisten. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Von Oepen: Ich denke, vielen jungen Leuten fällt es schwer, sich zu binden. Das ist zumindest teilweise auch ein Großstadt-Phänomen. Man mag sich, gleichzeitig denkt man aber, hinter der nächsten Ecke könnte noch eine bessere Option warten. Deshalb gibt es in Berlin auch so viele Singles.

Interview: Anne Vorbringer